Lokalsport

Kuller, kuller, roll, roll

Sie knien vor kleinen Kugeln und schieben diese mit einem Finger in eine Kuhle. Eine Frage muss erlaubt sein: Was macht ihr da?
23. Januar 2020, 17:50 Uhr
Erik Scharf

Da könnt ja jeder Klickerverein kommen.« Es ist mittlerweile knapp 20 Jahre her, dass dieser in Mittelhessen häufig flapsig benutzte Satz in Södel eine neue Zeitrechnung auslöste. So die Legende, deren Wahrheitsgehalt aber - wie so häufig - nah am Maximum liegen dürfte. Ein dahingesagter Satz, so wie Sätze eben dahingesagt werden, wenn am Dorfstammtisch die wichtigen Themen diskutiert werden. Zum Beispiel, einen Klickerverein zu gründen, um die Vereinslandschaft im Dorf wieder aufleben zu lassen.

Und heute? Hinter dem linken Eingang der Sporthalle in Södel führt eine Treppe hinunter in die alte Kneipe, wo an diesem Abend einige Männer sitzen und auf Mundharmonikas spielen. Am Ende des großen Raumes führt eine weitere Tür zur alten Kegelbahn. Nur wird hier schon lange nicht mehr gekegelt. Michael Groß, ein tatsächlich groß erscheinender und freundlicher Mann, steht im Vorraum der mit dunkelgrünem Teppich ausgelegten Arena. Er trägt ein blaues T-Shirt. »Da fehlt noch ein Stern, der muss noch aufgestickt werden«, sagt er grinsend und zeigt auf seine linke Brust. Rund um das Vereinslogo des Klickervereins Södel prangen sieben gelbe Sterne - einer für jede gewonnene deutsche Meisterschaft, zusätzlich zu den beiden Weltmeistertiteln.

Geklickert wurde in Södel eigentlich schon immer, erzählen die Männer und Frauen im Vorraum der Indoor-Arena, wo auch die Meisterschale auf dem Trophäenschrank thront. Als Kinder haben sie sich selber kleine Kuhlen gebaut. »Damals hat man nicht um Punkte gespielt, sondern um die Kugeln. Wenn du gewonnen hast, hast du die Kugeln vom Gegner eingesteckt. Einheitliche Regeln gab es nicht«, erzählt Karl-Heinz Maier, selbst mehrfacher deutscher Meister und erster Vorsitzender des Vereins.

Im Jahr 2005 bestand die Angst, dass die Vereinslandschaft gänzlich zum Erliegen käme, anders als in anderen Teilen der Großgemeinde Wölfersheim, auf die der Stammtisch zwar neidisch blickt, von denen er aber auch nichts kopieren will. »Da könnt ja jeder Klickerverein kommen«, sagt einer - und so ist es passiert.

In den ersten Tag des 1. Södeler Klickervereins 05 traten rund 80 Klickerer dem Verein bei. Bereits 2006 nahmen die Södeler erstmals an der deutschen Meisterschaft teil und holen auf Anhieb Platz drei. »Respektabel und ein großer Erfolg für den Verein. Seither sind wir jedes Jahr mit drei Mannschaften bei den deutschen Meisterschaften dabei. Und wie man sieht«, sagt Groß, »auch recht erfolgreich«. Der Höhepunkt: Die Titelverteidigung vor Heimpublikum im vergangenen Jahr.

Klickern, in der Fachsprache auch Kuhlemurmeln genannt, ist ein einfaches Spiel, welches vor allem durch taktische Feinheiten, Geschick und Strategie seinen Charme bekommt. Das Spielfeld ist drei Meter breit und sechs Meter lang. Vier Meter von der Startlinie entfernt ist eine Kuhle mit elf Zentimetern Durchmesser. Ausgelöst wird das Spiel ähnlich wie beim aus Frankreich bekannten Boulé. Die Spieler platzieren ihre Murmeln, die im Durchmesser 15 Millimeter groß sind, nacheinander und abwechselnd im Spielfeld. »Je nach taktischer Ausrichtung versuchen manche Spieler bereits beim Anwerfen, die Kugeln am äußersten Rand zu platzieren und den Gegner so zu Fehlern zu zwingen«, sagt Groß. Wessen Kugel am nächsten an der Kuhle liegt, darf den zweiten Spielabschnitt beginnen und die Murmeln nacheinander auf das Loch spielen. Berühren sich zwei Kugeln - auch klickern oder dotzen genannt - sind sie aus dem Spiel. Wer die letzte der sechs Kugeln versenkt, gewinnt das Spiel.

Obwohl das Spiel mit den Murmeln unter Kindern weit verbreitet war und ist, sind in Deutschland immerhin 16 Klicker-Vereine unter dem Schirm des Deutschen Murmelrates registriert. Im gesamten Bundesgebiet sind einige Hundert Mitglieder in den Vereinen organisiert, der deutschlandweite Hotspot liegt aber in Friesland an der Nordseeküste. Im Deutschen Murmelrat, in dem die Södeler vertreten sind, wurden 2012 die Regeln weiter vereinheitlicht. Besonderen Wert wird aber auf den Paragraf 7 gelegt: »Es ist des schnöden Siegens willen nicht auf die Labsal eines kühlen Bieres zu verzichten.« Die Geselligkeitsverordnung. Denn letztlich ist es auch das, wonach sich die Gründerväter sehnten: Geselligkeit und ein Ort zum Schwatzen und Tratschen. Darum treffen sich jeden Donnerstag mindestens ein Dutzend Menschen in Södel zum Klickern, zusätzlich kommt das ganze Dorf bei den traditionellen Pfingst- und Oktoberfest-Turnieren in der Steinkaut-Arena zusammen.

Ausdauer gefragt

»Nur wenn wir bei Turnieren aktiv sind, lassen wir die Finger vom Alkohol«, sagt Maier. Einerseits, weil natürlich auch beim Klickern der Ehrgeiz nicht fehlen darf, andererseits ist Alkohol an der Spielfläche verboten. »Nur einige Norddeutsche nehmen diesen Passus nicht ganz so ernst und verschaffen sich Abkühlung mit dem einen oder anderen Cola-Korn. Keine Ahnung, wie die das über den Tag durchhalten. Aber es gibt verschiedene Varianten, eine ruhige Hand zu bekommen«, sagt Groß mit einem Augenzwinkern.

So ein Turniertag kann tatsächlich lang sein. »Wir mussten auch schon einmal Scheinwerfer organisieren«, erinnert sich Groß. Viel Ausdauer brauchten die Södeler auch bei der Organisation der Titelkämpfe im vergangenen Jahr. »Ab sechs Wochen vor dem Turnier gingen jeden Tag zwei bis drei Stunden für die Organisation und Planung drauf. Wochen vor dem Turnierwochenende brummt der gesamte Verein und das ganze Dorf wie ein Bienenschwarm umher«, erzählt Groß. Feuerwehr, Handballer oder die Fußballfrauen - alle sind in großer Aufregung und wurden teilweise auch mit eingebunden. Der Zusammenhalt im Dorf ist den Klickeren wichtig, auch deswegen spendet der Verein jedes Jahr Geld an eine der drei Wölfersheimer Kindertagesstätten. »Das haben unsere Gründerväter in der Satzung verankert. Und das ziehen wir durch«, sagt Maier. Klickern ist eben mehr als eine Kugel in ein Loch schieben. Es ist ein Spiel, das Generationen und Gemeinschaften verbindet. Oder wie Groß sagt: »An der Murmel sind alle Menschen gleich - von 8 bis 88.«

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