18. Oktober 2018, 07:00 Uhr

Integration durch Sport

Integration durch Sport: Das ist das Vorzeigeprojekt des EC Bad Nauheim

Der Eishockey-Jugendverein Rote Teufel Bad Nauheim ist Stützpunktklub der Initiative »Integration durch Sport«, die der DOSB ins Leben gerufen hat. Doch was steckt dahinter? Ein Gespräch.
18. Oktober 2018, 07:00 Uhr
In der WZ-Redaktion zu Gast (von links): Daniel Heinrizi (Rote Teufel), Elena Karl (Jugend-Migrations-Dienst), Maren van Severen und Josef Bercek (Wetteraukreis). (Foto: Nickolaus)

Sport ist völkerverbindend. Und der Fußball steht dabei natürlich an erster Stelle. Daniel Heinrizi (hauptamtlicher Nachwuchstrainer der Roten Teufel Bad Nauheim), Josef Bercek (Integrationsbeauftragter des Wetteraukreises) und Elena Karl (Jugendmigrationsdienst – Internationaler Bund) zeigen im WZ-Gespräch aber auf, wie Integration, Diversitätsmanagement und Inklusion selbst auch bei einem so spezifischen Sport wie Eishockey funktionieren können.

Wie kann ein Eishockey-Klub Menschen helfen, wenn die Eis nur vom Hörensagen kennen?

Daniel Heinrizi: Unser Ansatz geht über den Herkunftszusammenhang hinaus. Wir definieren Integration anders. Aber natürlich ist es eine tolle Sache, die Freude der Kinder zu sehen, die zum ersten Mal mit Schlittschuhen auf das Eis gehen.

Ist Integration nicht das Ziel aller Vereine? Warum haben sich die Roten Teufel um die Auszeichnung Stützpunktverein bemüht? Und wie wird man Stützpunktverein?

Josef Bercek: Die Frage ist doch: Was kann ein Verein tun, um nicht immer nur die gleichen Menschen anzusprechen, um sich den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen und diese für sich zu nutzen? Fakt ist: Die Gesellschaft ist divers. Und Migranten sind nur ein kleiner Teil von dieser Diversität. Wir sprechen hier von Bereichen wie Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Herkunft, ethnische Zugehörigkeit usw. Man muss sich fragen: Wie kann sich ein Sportverein verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen öffnen?

Wir hatten eine Vorbildrolle, deren wir uns gar nicht bewusst waren

Daniel Heinrizi

Heinrizi: Wir hatten eine Vorbildrolle, deren wir uns gar nicht bewusst waren. Beim Landessportbund war man baff, als man gehört hat, was wir schon alles tun. Wir wollen unseren Kindern ein ganzheitliches Konzept anbieten. Und da spielen natürlich auch Fördermittel eine Rolle. Diese wurden jetzt genehmigt, beispielsweise konnten wir Ausrüstungen für ein Schnuppertraining anschaffen, auch stehen Mittel für eine Hausaufgabenbetreuung zur Verfügung, die wir nachmittags im Eisstadion anbieten.

Welche Rolle spielt der Wetteraukreis?

Bercek: Der Verein hat einen Bedarf und zeigt sich offen. Und wir leisten im Rahmen der personellen Rahmenbedingungen Unterstützung. Wir alle müssen uns mit den vier großen Ds beschäftigen: Demografie, Digitalisierung, Diversität und Demokratie. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie kann ein Verein diese Aufgaben angehen, ohne in der Zukunft hinten herunterzufallen? Wir können und wollen einem Verein aber kein Konzept überstülpen. Das funktioniert nicht.

Die Roten Teufel genießen als einziger Klub im Kreis den Stützpunkt-Status.

Bercek: Es gibt im Kreis einige Vereine, die mit dem Programm »Integration durch Sport« zusammenarbeiten. Andere Vereine machen etwas ohne Unterstützung. Über den FC Kaichen gab es mal einen positiven Bericht in der WZ hinsichtlich des Umgangs mit Geflüchteten. Ein anderes Beispiel, das ich kenne, ist der TSV Rödgen, der elf Syrer aufgenommen hat. Viele Vereine leisten schon viel Arbeit in dieser Richtung.

Elena Karl: Die Roten Teufel bieten sich im Besonderen für Integration durch Sport an. Kinder lernen die Sprache, werden in eine Gruppe integriert und durch eine gewisse Betreuung in den Verein aufgenommen. Das ist ein Start, um ein Modell auf- und Barrieren abzubauen.

Man lernt, vielschichtiger zu denken, und kommt an Zielgruppen, an die wir bislang nicht gedacht haben

Daniel Heinrizi

Die Kooperation mit dem DOSB geht ins zweite Jahr. Was hat sich bislang getan?

Heinrizi: Zum einen haben wir über einige Schnuppertrainingseinheiten Mitglieder gewinnen können. Zum anderen haben wir als Standort Bad Nauheim Präsenz im Deutschen Eishockey-Bund und darüber hinaus bis in den Weltverband, wo unser Projekt präsentiert wurde. Wir sind Vorreiter.

Was läuft gut? Was wünschen Sie sich?

Heinrizi: Wir haben Mitglieder aus 16 Nationen im Verein, wollen uns weiterbilden. Unsere Trainer und Betreuer haben eine Vielfaltschulung erhalten. Daraus entstand ein interner Austausch, der Probleme und zugleich Lösungen aufzeigt. Wir konnten auch auf politischer Ebene Türen öffnen, um Fördergelder oder zusätzliche Eiszeiten zu kommen. Die Kooperation erweitert den persönlichen Horizont und zeigt, welchen gesellschaftlichen Beitrag wir leisten können.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Heinrizi: Wir haben beispielsweise ein Eltern-Café eingeführt. Oft standen die Angehörigen bei Heimspielen in Grüppchen verteilt, haben sich separiert. Wir bringen sie bei einem Frühstück zusammen, fördern die Kommunikation, schaffen ein Aufeinanderzugehen.

Würden Sie auch anderen Klubs zu Stützpunkt-Siegeln raten?

Heinrizi: Ja, auf jeden Fall. Man lernt, vielschichtiger zu denken, und kommt an Zielgruppen, an die wir bislang nicht gedacht haben. Wir hatten kürzlich beispielsweise 25 türkische Kinder auf dem Eis.

Bercek: Und da stellt sich die Frage: Warum waren die vorher nicht da? Sie leben hier in der Region. In Bad Nauheim gibt’s das Stadion. Warum fischen Vereine nur in einem Teich? Dadurch geht Potenzial verloren. Die Roten Teufel haben zudem die Sophie-Scholl-Schule im Boot, sie haben Mädchen im Verein. Beim Verein muss – und das ist in diesem Fall gegeben – aber auch die Einsicht da sein, dass solche Arbeit etwas bringt. Das Diversitymanagement kann dabei Hilfestellung leisten; beispielsweise auch, um den demografischen Wandel positiv zu nutzen. Wie schafft man es, ältere Menschen für die Arbeit im Verein zu gewinnen. Bieten die Vereine noch das, was junge Leute wollen und in der Lage sind zu leisten? Das sind Fragen und Prozesse, die man angehen kann.

Die Teufel wollen sich ganzheitlich aufstellen und ein Ort der Begegnung werden, auf und neben dem Eis

Elena Karl

Kann auch der von Ihnen exemplarisch genannte FC Kaichen profitieren? Oder ist ein solcher Klub zu klein?

Bercek: Der Prozess ist für jeden Verein interessant. Die Frage ist: Welchen Weg will der Verein gehen? Eine gewisse Offenheit muss natürlich da sein.

Wie sieht Ihre Hilfestellung konkret aus?

Bercek: Das ist völlig individuell. Es gibt keine Schablone. Und es gibt vielfältige Angebote, etwa über den Sportkreis Wetterau, den Hessischen Fußball-Verband und über andere Sportverbände, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Es geht ja auch darum, diesen wichtigen gesellschaftlichen Bereich, nämlich das Vereinsleben, zukunftsfähig zu machen oder ihn überhaupt am Leben zu erhalten.

Heinrizi: Was immer ein Mehrwert ist: Input von außen, in unserem Fall für den Umgang mit den Kindern auf und abseits des Eises. Trainer sind keine Pädagogen. Man muss immer in den Dialog kommen.

Eiszeiten in Bad Nauheim sind begrenzt. Müssen sich die Teufel verstärkt auf Aktionen außerhalb des Eises konzentrieren?

Heinrizi: Klar, mit weiteren Eiszeiten hätten wir noch andere Möglichkeiten. So aber bringen wir uns in den Ferienspielen ein, gehen in die Kindergärten und Grundschulen. Zwei Klassen der Sophie-Scholl-Schule kommen jeden Freitag zum Schlittschuhlaufen. Dadurch kommen Kinder zum Eishockey, auch ein Kind im Rollstuhl. Auch das ist ein sozialer Beitrag.

Inwiefern hilft dieses Engagement, wenn die Zukunft des Stadions und des Eissports mal wieder thematisiert wird?

Heinrizi: Ich denke, unser Engagement wird von der Politik gesehen und auch geschätzt.

Bercek: Und das ist auch völlig legitim. Wenn ein Verein sich besonders sozial engagiert, soll er auch die entsprechende Unterstützung bekommen.

Karl: Das gilt gerade bei Familien. Wie passt der Sport zur Schule? Die Teufel wollen sich ganzheitlich aufstellen und ein Ort der Begegnung werden, auf und neben dem Eis.

Der Deutsche Fußball-Bund hat im Bereich der Nationalmannschaften viele Schilder, Plakate und Videoclips anfertigen lassen. Aber mit Videoclips allein ist’s nicht getan

Josef Bereck

Wie geht die Kooperation weiter?

Karl: Wir erproben die Praxis und werden eine Resümee ziehen. Wo können wir nachbessern? Welche Mittel stehen zur Verfügung? Funktionieren Projekte wie das Hausaufgaben-Coaching oder das Eltern-Café?

Ist nicht gerade der Sport ein Türöffner in Integrationsfragen?

Bercek: Ja, definitiv. Es muss aber nachhaltig umgesetzt werden. Der Deutsche Fußball-Bund hat im Bereich der Nationalmannschaften viele Schilder, Plakate und Videoclips anfertigen lassen. Aber mit Videoclips allein ist’s nicht getan. Das konnte man im Zusammenhang mit dem Fall Mesut Özil und der Nationalmannschaft gut erkennen.

Info

Stichwort: Integration durch Sport

Das Bundesprogramm »Integration durch Sport« (IdS) versorgt Sportvereine und -verbände mit vielem, was sie für die integrative Arbeit benötigen: Die 16 Programmleitungen in den Landessportbünden und -jugenden beraten und begleiten Vereine und Verbände, bieten interkulturelle Qualifizierungen an und unterstützen sie mit einer angemessenen Finanzierung. Das versetzt bundesweit mehrere Tausend Sportvereine in die Lage, Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten konkrete und auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene niedrigschwellige Angebote zu machen, die oft über reine Sportkurse oder Trainingsgruppen hinausreichen. Unterstützt werden die Neuankömmlinge zum Beispiel bei Behördengängen, Hausaufgaben und Bewerbungen. Weil die Umsetzung im Verbund leichter ist, entstehen vielerorts lokale Netzwerke, in denen die als Stützpunktvereine bezeichneten Partner von IdS mit sozialen Einrichtungen oder Migranteninitiativen zusammenarbeiten. (Quelle: DOSB)

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