Lokalsport

Höheres Tempo, größere Qualität

Der EC Bad Nauheim hat in drei der letzten vier Jahren die Playoff-Spiele erreicht. Ein Dauerkartenrekord wurde aufgestellt. Das Winter-Derby weckt Vorfreude, das Projekt Arena ist angeschoben. Die Roten Teufel gehen mit großer Vorfreude in die DEL 2-Saison-Vorbereitung. Trainer Christof Kreutzer erklärt im WZ-Interview die Kaderplanung, nennt Ziele und findet kritische Worte.
03. August 2019, 07:00 Uhr
Michael Nickolaus
Auf einen Kaffee im Pane e Vino am Aliceplatz: WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus trifft Trainer Christof Kreutzer vom Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim. (Foto: Keßler)
Auf einen Kaffee im Pane e Vino am Aliceplatz: WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus trifft Trainer Christof Kreutzer vom Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim. (Foto: Keßler)

Christof Kreutzer, beim Blick auf den Kader fällt auf, dass gerade einmal drei Spieler älter als 30 Jahre sind. Spielen Sie in der Kabine den Kindergarten-Cop?

Christof Kreutzer: Nein, dieses Gefühl habe ich nicht. Die Förderlizenzspieler drücken sicherlich den Schnitt, aber wir haben auch erfahrene Spieler geholt, zwischen 25 und 29 Jahren, im besten Alter also. Ich will mit Jungs arbeiten, die noch etwas erreichen wollen, die willig sind. Deshalb passt das.

Sie haben mit Ihrem DEL 2-Engagement im Vorjahr Neuland betreten. Inwiefern haben Sie Ihre Schlüsse gezogen und diese in die Kaderplanung einfließen lassen?

Kreutzer: Mein Bestreben war es, mehr Tempo auf das Eis zu bekommen und in der einen oder anderen Spielsituation mehr Erfahrung einsetzen zu können. Zudem glaube ich, das wir im Bereich der deutschen Schlüsselspieler die Qualität erhöht haben. Die Liga wird insgesamt auf einem höheren Level sein als im Vorjahr, weil der eine oder andere Spieler aus der DEL runtergekommen ist.

In drei der letzten vier Spielzeiten haben sich die Roten Teufel direkt für das Viertelfinale qualifiziert. Ist Bad Nauheim vor seiner sechsten DEL2-Saison inzwischen ein sicherer Playoff-Kandidat?

Kreutzer: Sicherheit hat man im Sport nie. Aber das ist die Tabellenregion, die wir anstreben. Wir haben grundsätzlich einen guten Kader. Ob und wie das letztlich passt, muss man sehen. Die Klubs, die wir im Vorjahr hinter uns gelassen haben, wollen natürlich an uns vorbeiziehen. Und entsprechend wurden dort auch die Kader gebildet. Bei uns ist sicherlich alles möglich. Aber: Es muss eben auch alles passen. Da darf keiner lange ausfallen. Die deutschen Schlüsselspieler und die Ausländer müssen funktionieren. Die Erfahrung aus den letzten Jahren wird uns sicher helfen.

In welchem Bereich sehen Sie den Kader stärker aufgestellt?

Kreutzer: Sicherlich in der Tiefe. Die Kölner Förderlizenzspieler haben für ihr Alter schon eine gewisse Erfahrung. Wer letztlich da ist, wird man sehen, aber es gibt einen gewissen Pool an Spielern mit guter Qualität. Ich denke nicht, dass wir - wie im Vorjahr - plötzlich mal mit vier Verteidigern und acht Stürmern da stehen.

Die Abgänge hatten in der Summe annähernd 70 Treffer erzielt. Wie soll das kompensiert werden?

Kreutzer: Unsere deutschen Spieler stehen da sicher in der Verantwortung. Ich denke, wir haben drei Reihen, die Spiele entscheiden können, zudem in der vierten Reihe höhere Qualität und Beständigkeit. Wir sind überzeugt, dass unsere Stürmer auch ihre Defensivaufgaben besser erfüllen, und insofern sollten wir auch weniger Gegentore bekommen. Insgesamt haben wir eine sehr gute Balance im Kader. Ob ein Marc El-Sayed beispielsweise 15 Tore schießt, kann ich sicher nicht sagen. Aber er hat die Veranlagung und die Fähigkeiten dazu. Er - und auch andere - werden andere Rollen spielen als zuletzt, werden in anderen Spielsituationen eingesetzt und mehr Eiszeit erhalten. Ich bin deshalb überzeugt, dass wir die Abgänge kompensieren können.

Klubs wie Dresden oder Kassel, die Bad Nauheim hatte hinter sich lassen können, rüsten enorm auf; Heilbronn hat Qualität verpflichtet, Landshut ist kein klassischer Aufsteiger. Wo sehen Sie Ihr Team?

Kreutzer: Viele Klubs rüsten auf, ja. Bei dem einen passt’s, beim anderen vielleicht nicht. Da müssen wir auch bei uns schauen, wo wir stehen. Unser Mindestanspruch sollten die Pre-Playoffs sein, keine Frage. Natürlich wollen wir in Richtung Platz sechs arbeiten. Vom Gefühl her können wir das schaffen, aber für eine Prognose ist es noch zu früh. Es muss - wie angesprochen - alles passen.

Sie schenken Jesper Kokkila das Vertrauen. Er ist mit 20 Jahren der jüngste Ausländer der DEL 2. Warum trauen Sie ihm diese Rolle als Führungsspieler zu?

Kreutzer: Natürlich haben wir uns intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt und das Für und Wider abgewogen. Deutsche Verteidiger sind grundsätzlich schwer zu finden. Wie sieht’s bei einem Mitte-30er, der vielleicht aus der DEL kommt, beim Preis-Leistungs-Verhältnis aus? Was ergibt Sinn? Sollen wir vielleicht bis September warten, weil der Spieler noch immer auf die DEL hofft? Nein. Ich habe keine Lust zu warten, bis sich der Herr dann entscheidet. Ein solcher Spieler muss auch wirklich nach Bad Nauheim und in die DEL2 wollen. Und Jesper Kokkila hat diesen Willen, er sieht hier seine Chance. Ob er funktioniert? Das muss man sehen. Das ist bei einem erfahrenen Spieler aber nicht anders. Tyler Fiddler kommt als zweifacher Titelträger - auch das ist keine Garantie. Man muss einem Jesper Kokkila sicher auch Fehler zugestehen. Das mach ich bei einem 20-Jährigen aber lieber als bei einem alten Spieler. Und warum kommen die Ausländer meist als Mitte-20er nach Europa? Weil sie vorher auf eine Chance in Nordamerika hoffen und gar nicht erst auf dem europäischen Markt sind.

Sie haben den Kooperationspartner gewechselt. Welche Hoffnungen verbinden Sie nun in der Zusammenarbeit mit den Kölner Haien?

Kreutzer: Ich war als DEL-Trainer auch schon auf der anderen Seite einer Partnerschaft und kenne daher beide Seiten. Der Austausch im Vorjahr lief nicht immer, wie ich mir das vorgestellt habe. Der Pool an Spielern war zudem recht klein. Das ist sicher ein Grund. Ich denke, das kann mit Köln besser laufen, allein schon, weil die Gruppe an möglichen Spielern viel größer ist. Köln lebt die Nachwuchsförderung mehr, hat da finanziell vielleicht auch andere Möglichkeiten und hat gesehen, in welchen Rollen wir - anders als Frankfurt - deren Spieler weiterentwickeln können. Die Löwen haben die DEL im Blick, müssen andere Wege gehen und ihren eigenen Stamm aufbauen. Franz Fritzmeier hat als Löwen-Sportdirektor sicher Nachwuchsförderung im Sinn, muss dies eben aber mit dem großen Ziel in Einklang bringen.

In der Saison 2020/21 spielt die DEL2- einen sportlichen Aufsteiger aus. Inwiefern beeinflussen derlei Ambitionen der Klubs schon jetzt den Markt?

Kreutzer: Das spürt man schon. Die Preise steigen, man wird oftmals überboten, gerade auf dem deutschen Markt wird häufiger mit Zweijahresverträgen gearbeitet. Natürlich haben wir versucht, mit den Vorzügen Bad Nauheims zu punkten. Aber das Stadion mit seinem Komfort ist da auch kein Faktor. Die Tendenz - das ist mein Empfinden - geht noch nicht in Richtung Aufstieg, sondern dazu, nichts mit Platz zehn zu tun haben. Wer zuletzt unten stand, der will einfach raus aus dem Tabellenkeller. Die Liga wird besser und temporeicher. Wer aus der DEL herunterkommt und glaubt, er hat hier ein lockeres Spielchen, der liegt falsch.

Die Perspektivspieler-Regelung ist neu. Inwiefern nimmt diese Einfluss auf die Planungen und das Spiel an sich.

Kreutzer: Für die zweite Liga - und gerade für Bad Nauheim, das ohnehin vermehrt auf junge Spieler setzt - wird sich nichts verändern. Ich kann aber die Entscheidungen in der DEL nicht verstehen. In der Liga stehen nun 28 Spieler unter Vertrag, die im Grunde genommen spielen müssen, um in ihrer Entwicklung voranzukommen, die aber kaum Eiszeit bekommen werden. Ihnen werden andere, ältere deutsche Spieler, quasi geopfert, die jetzt in die DEL 2 herunterkommen, wo fast 80 Prozent eigentlich nichts verloren haben, weil sie sich als überdurchschnittliche deutsche Spieler ihren Platz in der DEL erkämpft hatten. Und warum müssen sie weichen? Damit ein unterdurchschnittlicher Ausländer weiter einen Platz bekommt. Dazu kommt, dass die jungen Spieler, die noch nicht bereit sind, sich nicht entwickeln können, wie das in der DEL 2 möglich gewesen wäre. Wie soll ein 20-, 21-Jähriger das aufholen? Für viele wird’s ein verlorenes Jahr. Da frage ich mich, ob das durchdacht ist, ob alle, also Verband, DEL und DEL 2 da wirklich zusammengesessen haben.

Sie kamen aus der DEL und hatten im Vorjahr einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Ist das zweite Jahr in Bad Nauheim auch Ihr letztes?

Kreutzer: Nein, das kann man so nicht sagen. Natürlich würde mir eine Rückkehr in die DEL gefallen oder auch ein Engagement im Ausland, aber ich habe nullkommanull das Gefühl, dass ich hier wegmüsste. Das wird man abwarten müssen. Mit Auf- und Abstieg wird sich das Trainerkarussell schneller drehen, da werden einige in der DEL sicher schneller nervös. Das macht’s für einen Coach nicht leichter. Ich bin für alles offen.

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