16. Februar 2018, 16:00 Uhr

Handball-Nachwuchs

HSG Kirch/Pohl/Göns/Butzbach: Ein Prototyp für Nachwuchsarbeit

Im Senioren-Bereich spielt die HSG Kirch/Pohl/Göns/Butzbach keine Rolle, im Nachwuchs ist sie eine Top-Adresse. Wir haben uns das Erfolgskonzept erklären lassen.
16. Februar 2018, 16:00 Uhr
220 Kinder spielen bei der HSG Kirch/Pohl/Göns/Butzbach Handball. Das Nachwuchsmodell der Spielgemeinschaft ist beispielhaft und zeigt, dass ein Konzept für jedermann mehr Wert ist als die Förderung einzelner Talente. (Foto: hep)

Mit 13 gemeldeten Jugendmannschaften sowie 25 Kindern bei den Wichteln und 50 bei den Minis zählt die HSG im Bezirk Gießen zu den führenden fünf Vereinen. Aktuell sind es 220 Kinder und Jugendliche, die 25 Trainer und Betreuer unter ihren Fittichen haben. Diese Zahlen machen deutlich, dass es durchaus möglich ist, sich dem gegenwärtigen Trend des ausbleibenden Handballnachwuchses entgegenzustellen.

Die vier Vorstandsmitglieder Werner Jäger (Erster Vorsitzender), Yvonne Harbort (Aktivenwartin), Daniela Ivenz (Jugendwartin) und Carsten Dannwolf (Mitglied im Jugendausschuss) sprechen über Förderung, Videoanalysen und Früchte der Arbeit:


Im Nachwuchs zählt die HSG zu den Top-adressen des Bezirks. Wie kommt das?

Ivenz: Heute machen wir Jugendarbeit mit Konzept. Wir hatten lange keine guten Jahrgänge aufgrund eigener Versäumnisse in der Vergangenheit. Bei den Senioren haben wir zu lange mit Auswärtigen gearbeitet. Die Jugend wurde viele Jahre vernachlässigt.


Wie schafft das ein Verein ohne die Attraktivität bei den Senioren und mit großen Kalibern in der Nachbarschaft?

Ivenz: Viele sind unzufrieden in den Stammvereinen, werden nicht richtig gefördert. Unsere Konzentration gilt allen. Wir nehmen auch die Schwachen mit, alle sollen hochwertig trainiert werden. Das spricht sich herum. Auch wenn andere Vereine in einer Altersklasse keine Mannschaft zusammenbekommen, gibt es Wechsel.

 

Jeder hat das Recht, sich zu profilieren

Werner Jäger


Sind schnelle Vereinswechsel normal?

Ivenz: In jungen Jahrgängen selten. Bis zur B-Jugend bleiben die Kids uns treu. Die Probleme beginnen im Pubertätsalter.


Sind Auswahlmannschaften Fluch oder Segen für die kleinen Vereine?

Werner Jäger: Ob Teilnahme in einer Auswahl gleichbedeutend mit Vereinswechsel ist, kommt auf die jeweiligen Trainer an. Wir blockieren es nicht. Jeder hat das Recht, sich zu profilieren und sich mit Gleichwertigen zu messen. Manchmal wird man dadurch auch geerdet und lernt die Wertigkeit des eigenen Vereins zu schätzen.

Unsere Trainer werden als Event-Manager gesehen

Carsten Dannwolf


Wie sehen Sie Anspruch und Wirklichkeit des Nachwuchses und deren Eltern?

Carsten Dannwolf: Bei Sport und Freizeitaufwand haben sich Prioritäten verschoben, andere Termine als der Handball sind vorrangig. Das Anspruchsdenken kommt eher von den Eltern. Oftmals kommt es auch zu Auseinandersetzungen mit Eltern. Sie sollten Fan ihres Kindes und nicht deren Hauptkritiker sein. Es wird davon ausgegangen, dass Trainer für alles Verständnis haben. Unsere Trainer werden teilweise als Eventmanager angesehen.

Yvonne Harbort: Wir sind beispielsweise schon gefragt worden, weshalb es keine Videoanalyse bei der C-Jugend gibt.


Den Standort Butzbach haben Sie aufgegeben. War das eine Fehlentscheidung?

Jäger: Aufgegeben kann man nicht sagen. Als der TSV Butzbach 2002 in die HSG kam, stand uns seit 2000 die neue Mehrzweckhalle in Kirch-Göns zur Verfügung. Zu dieser Zeit hatten wir nur wenige Jugendmannschaften. Es gab kein Argument für Butzbach. Durch den Zulauf im Jugendbereich brauchen wir jetzt aber mehr Trainingszeiten. Wöchentlich haben wir 34 Trainingseinheiten, dazu kommt noch das Stützpunkttraining. Ohne die Präsenz in Butzbach fehlt uns natürlich der Zugriff auf die Kernstadtkinder.

Für die Senioren gibt es kein Konzept

Yvonne Harbort


Soll im Senioren-Bereich auch bald wieder angegriffen werden?

Harbort: Für die Senioren gibt es derzeit kein Konzept, wir konzentrieren uns auf die Jugend. Wir wollen vermehrt höherklassig spielen. Wenn es gelingt, in der Zukunft jedes Jahr mindestens drei oder vier Spieler in die Senioren zu übernehmen, ergibt sich auch irgendwann die Chance, aus eigener Kraft dort wieder aufzusteigen.


Wo sehen Sie die HSG in der nächsten Dekade?

Harbort: Wenn es gelingt, unsere gute Jugendarbeit mit in die Senioren zu nehmen und die starken Jahrgänge oben ankommen, kann es wieder aufwärts gehen. Der Ausbildungsverein sollte dann seine eigenen Früchte ernten. Wir können nur über das Wir-Gefühl wieder Erfolg haben.

Die HSG Kirch/Pohl/Göns/Butzbach

Das Nachwuchskonzept

Die Basis für die Jugendarbeit wurde vor etlichen Jahren gelegt, indem man die Zusammenarbeit mit den örtlichen Schulen und vor allem auch den Kindergärten suchte. Die Arbeit bei Wichteln und Minis konzentriert sich vorwiegend darauf, motorische Fähigkeiten und Wahrnehmungen zu steigern.

Mit fortschreitendem Alter nimmt das eigentliche Handballspiel die dominierende Rolle ein. Ab der C-Jugend wird ein Fördertraining angeboten. Bis zu 20 Jugendlichen stehen vier lizenzierte Trainer zur Verfügung. Ohnehin legt die HSG großen Wert darauf, dass sich die Trainer aus- und weiterbilden. Regelmäßige interne Weiterbildungen sind Teil eines Jugendkonzepts, das sich an der DHB-Rahmentrainingskonzeption orientiert.

Beim Fördertraining legt man Wert darauf, dass niemand ausgewählt wird, sondern die Jugendlichen selbst entscheiden, ob sie dabei sein wollen. »Der ist nicht gut genug« ist bei der HSG nicht zu hören. Jeder kann sich im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterentwickeln. Ein weiterer Baustein ist das Handballcamp, das seit sieben Jahren alljährlich angeboten wird. Es wird bewusst als offenes Camp ausgeschrieben. Auch Nichtmitglieder und Kinder anderer Vereine dürfen teilnehmen. Von namhaften externen Trainern lernen nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Übungsleiter. Positiver Nebeneffekt ist, dass Kinder anderer Vereine auf die HSG aufmerksam werden.

Im Butzbacher Stadtteil sind mittlerweile Jugendliche aktiv, die auch aus Vereinen der lokalen Umgebung stammen oder sogar von weiter her kommen. Einzelpersonen, die sich um die Jugendarbeit besonders verdient machen, werden nicht genannt. Die Zusammenarbeit im Team macht die Stärke aus. Förderverein, Jugendausschuss und Vorstand bilden eine Einheit. Auch viele ehemalige Aktive sind im Jugendbereich tätig.

Bei der HSG ist man offen für jeden, gleich welche Position er begleiten möchte. Einzige Prämisse: Es muss freiwillig geschehen. Nicht umsonst handelt es sich um ein Ehrenamt. Familiärer Charakter zeichnet den Verein aus. Und so soll es auch bleiben.

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