Lokalsport

Familientreffen mit Feuerwerk

Das Winter-Derby war nicht nur ein Klassentreffen der Szene, sondern auch ein kritisches Beäugen. Die Themen waren vom angekündigten Stimmungsboykott der Ultras bis hin zum erwarteten Verkehrschaos rund um den Bieberer Berg breit gesät. Am Ende bleiben die Party vom »Bomber«, eine gelungene Choreo und eine verhängnisvolle Jacke.
16. Dezember 2019, 07:00 Uhr
Erik Scharf

Nicht jeder Eishockey-Fan aus der Wetterau war über die Eventisierung eines Derby-Heimspiels des EC Bad Nauheim glücklich. Als die 15 146 Zuschauer am späten Samstagabend den Heimweg vom Winter-Derby des EC gegen die Löwen Frankfurt im Offenbacher Sparda-Bank-Hessen-Stadion antraten, war die Resonanz durchweg positiv. Selbst die 2:3-Niederlage der Kurstädter im Penaltyschießen war für den überwiegenden Teil der Fans der Roten Teufel angesichts dieses einmaligen Erlebnisses zu verschmerzen gewesen. Auch abseits vom Eis bot das Spiel für reichlich Gesprächsstoff. Wie ist die Stimmung ohne die Ultras? Bricht der Verkehr rund um den »Bieberer Berg« zusammen und sorgt für stundenlange Staus? Und was bot das Drumherum für kuriose Geschichten? Eine Zusammenfassung.

Stimmung: Abseits des sportlichen Geschehens war die Stimmung auf den Rängen ein mit Spannung erwartetes Thema. Die sonst in den Stadien tonangebenden Ultra-Gruppen hatten ihren Stimmungsboykott im Vorfeld groß angekündigt. Tatsächlich war es für die Fans der Roten Teufel zunächst etwas problematisch, den für sie ungewohnt großen Raum koordiniert mit ihren Gesängen zu füllen. »Das musste sich erst einpendeln. Wenn unten im Block fünf Leute angefangen haben, etwas zu singen, hat man es oben nicht gehört«, sagt Manuel Dietrich, Initiator der Facebook-Gruppe »Pro EC Bad Nauheim« die anfänglichen Schwierigkeiten. Im zweiten Drittel stand aber der gesamte Nauheimer Teil des Stadions als die Gegengerade und die Hinter-Tor- und Hauptribüne einen minutenlangen Wechselgeang durchzogen. »Das war sensationell, und das ganz ohne Megafon«, sagte Dietrich mit einem kleinen Seitenhieb in Richtung Ultras. Im Schlussdrittel übertrug sich die Spannung auf dem Eis auf die Tribüne. Ohne Ultras waren die Anfeuerungen vielleicht nicht so kraftvoll wie gewohnt, dafür spielorientiert.

Die Choreo: Nachdem die Ultra-Gruppe »Fanatics« ihren Stimmungsboykott erklärt hatte, nahmen Moritz Kaltwasser, der gemeinsam mit Franzisco Lucio Tippmann, Vorsitzender des Fanclubs »Rote Teufel, das Ganze in die Hand. Neben der Blockfahne (30 mal 15 Meter, 120 Kilogramm schwer) im ausverkauften Bereich auf der Gegengerade, auf der die Vereinswappen der Bad Nauheimer Eishockeyhistorie mit dem Spruch »Wir sind die Legende - Kurstadt-Eishockey seit 1946« prangten, wurde die Hintertor-Tribüne und die äußeren Blöcke der Haupttribüne mit rund 4000 Papiertafeln in ein quergestreiftes rot-weißes Blockmuster getaucht. »Wir waren uns einig, diesem einmaligen Ereignis einen würdigen Rahmen zu verleihen«, sagte Kaltwasser. Es habe alles wie geplant geklappt, Die Kosten im niedrigen vierstelligen Bereich wurden durch Spenden gedeckt, der Überschuss soll gespendet werden. Insgesamt waren rund 20 Personen federführend an der Umsetzung im Stadion beteiligt.

Friedliches Klassentreffen: Rund um das Stadion gaben sich Eishockey-Fans aus ganz Deutschland zu erkennen. Ob aus Freiburg, Weißwasser, Bietigheim, Kempten, Dresden oder Selb - es war ein friedliches Klassentreffen der Szene. Kultfan Sascha »Bomber« Hartung aus Hannover hatte in der Kneipe »Bieberer Berg« direkt am Stadion ein Fantreffen organisiert, das regen Zuspruch fand. Auch auf der Fanmeile vor dem Stadion vergnügte sich die Eishockey-Familie, Bad Nauheimer und Frankfurter duellierten sich gesangstechnisch. Dabei blieb alles im Rahmen, das bestätigte auch die Polizei Südosthessen. Zwar lagen am Sonntag noch keine detaillierten Erkenntnisse vor, doch gravierende Vorfälle negativer Art soll es nicht gegeben haben. Dafür spricht auch, dass die Polizeidirektion um 23.15 Uhr twitterte: »Wir bedanken uns für einen friedlichen Eishockeyabend«.

Lob und Kritik: Im proppenvollen Block 2 auf der Gegengeraden brauchte man entweder Durchhaltevermögen oder Durchschlagskraft. »Die Treppen wurden nicht freigehalten. Wer oben stand, hatte kaum eine Chance, zum Beispiel auf Toilette durchzukommen, geschweige denn, danach wieder auf seinen Platz zurückzukommen«, sagte Dietrich. Mit viel Lob wurde die gläserne Bande aufgenommen, die das Spielgeschehen deutlich besser transportierte, als die aus den Eisstadien gewohnten Rundungen. Dennoch entfaltete sich das intensive Derby-Feeling nicht vollständig bis auf die Tribüne. Diese war einfach zu weit weg.

Verkehrschaos: Während des Spiels machte die Nachricht die Runde, dass auf Bahngleise gestürzte Bäume bei Marburg den Regionalverkehr teilweise lahmlegten, es zumindest aber zu erheblichen Verzögerungen kommen sollte. Betroffen davon waren auch die Regionalbahnen RB40/RB41 vom Frankfurter Hauptbahnhof in Richtung Friedberg. Von extremen Widrigkeiten war aber nichts zu hören, beim Rhein-Main Verkehrsverbund war dazu am Sonntag niemand zu erreichen. Durch die Öffnung der Fanmeile bereits um 16 Uhr verteilte sich der Autoverkehr etwas, sodass die Staus und Verzögerungen rund um den Bieberer Berg im erträglichen Maß blieben.

Rahmenprogramm: Die Eisakrobaten Sergej Yakemenko und Violetta Afanaseva verzückten in den Drittelpausen das Publikum. Yakemenko mit irren Flugeinlagen und waghalsigen Sprüngen, Afanseva mit Eleganz und ihrem unglaublichen Gefühl für die Hoola-Hoop-Reifen. Auch die Eiskunstlaufabteilung des LSC Bad Nauheim präsentierte sich. »Das hat riesigen Spaß gemacht«, sagten Lena Sommer und Nevine Abuh nach ihren Showtänzen. Spaß hatten offensichtlich auch die »Donots«. Die Punkrocker outeten sich zwar als wenig eishockeybegeistert, ihrer Energie und ihren in der heutigen Zeit wichtigen Botschaften zu den Themen Rassismus und Homophobie tat das aber keinen Abbruch. Das »Team Berlin 1«, 20-facher deutscher Meister im Synchron-Eiskunstlaufen, legte bei der Eröffnungsshow ebenfalls eine starke Choreografie hin.

Die restlichen Derbys: Das Spiel der »Großen« mal ausgeklammert, endeten die beiden Vorspiele in der Gesamtwertung Unentschieden. Erst setzte sich die U 9 der Roten Teufel gegen die Altersgenossen aus Frankfurt mit 4:2 durch, dann waren das gemischte Frankfurter Team aus U 20- und U 17-Nachwuchsspielern beim Eisfußball besser bereift und schlug die Nauheimer Auswahl mit 2:1. Kurz vor Schluss hatte ein Roter Teufel die große Chance zum Ausgleich, traf aus wenigen Metern aber nur den linken Pfosten des verwaisten Tores.

Randnotizen vom Winter-Derby

Falsche Jacke: Dicker Fauxpass, und dann auch noch vom Jahrhundertspieler des deutschen Eishockeys. TV-Experte Erich Kühnhackl ist allein dank seiner körperlichen Statur eine Erscheinung, doch spätestens bei der Analyse des ersten Drittels fiel das Logo auf seinem linken Ärmel auf. Dort war der Schriftzug von Pay-TV-Sender »Sky« zu sehen. So offensichtlich, dass die unfreiwillige Werbung bei seinem nächsten Einsatz abgeklebt war.

Mit dem Feuer gespielt: Die Wärme der Feuerfontänen rund um den Eisring war bis auf die Tribüne zu spüren. Umso gefährlicher, dass einige Personen im Innenraum der Pyrotechnik gefährlich nahe kamen, darunter auch Donots-Frontmann Ingo Knollmann, der auf seiner Bühne eine ordentliche Laufstrecke abspulte. Den wachsamen Augen der Pyrotechniker sei Dank, dass durch das eigentlich ungefährliche Feuer nichts Schlimmeres passiert ist.

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