13. Dezember 2016, 12:00 Uhr

EC Bad Nauheim: Führungsspieler im Formtief

(mn) Die Angst spielt längst mit. Als siebter Mann. Bei jedem Wechsel. In jeder Sekunde. Vier Niederlagen binnen acht Tagen, acht Begegnungen ohne »Dreier« führen beim EC Bad Nauheim zu Frust und zu Verkrampfung. Dabei liegen die Roten Teufel zur Hauptrunden-Halbzeit der Deutschen Eishockey-Liga 2 auf Rang neun (noch) im Soll. Eine Bestandsaufnahme.
13. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Petri Kujala, der Trainer des EC Bad Nauheim, spricht nach vier Niederlagen von einer »brutalen Woche«. (Foto: Chuc)

EC Bad Nauheim


Was bislang geschah: Der EC Bad Nauheim ist nach schwachen Resultaten während der Vorbereitung unerwartet erfolgreich in die Saison gestartet. Nach dem ersten Viertel der Hauptrunde fand sich die Mannschaft sogar auf Platz vier wieder. 21 Punkte wurden in 13 Spielen gewonnen, nun sind im zweiten Viertel lediglich weitere zwölf Zähler hinzugekommen. Das entspricht einem Schnitt von durchschnittlich 1,26 gewonnen Punkten pro Spiel (Saison 14/15: 1,6 Zähler/Saison 15/16: 1,7 Zähler). Hochgerechnet blieben die Hessen unter 70 Zählern. Das hätte im Vorjahr für die Pre-Playoff-Teilnahme reichen können (66 Punkte hatte der Tabellenzehnte), und hätte in der Spielzeit 14/15 in die Playdowns geführt. »Ein solches Saisonviertel können wir uns nicht noch einmal erlauben. Das ist zu wenig. Keine Frage«, sagt Trainer Petri Kujala.
Negativ-Rekord eingestellt: Seit acht Spielen sind die Roten Teufel ohne »Dreier«; das gab’s nur einmal seit dem Wiederaufstieg 2013; zum Jahreswechsel 2013/14 unter Frank Carnevale und dessen Nachfolger Daniel Heinrizi.
Die Ursachen der Krise: Vier Kontingentspieler, dazu eine Handvoll Leistungsträger mit deutschem Pass – sie müssen in einem leistungsdichten Tabellenmittelfeld den Unterschied ausmachen. Da sind die Mannschaften ab Rang sechs abwärts allesamt ähnlich aufgestellt. In Bad Nauheim stecken derzeit aber ausgerechnet die Führungsspieler, die Besserbezahlten, ganz gleich welcher Nationalität, im kollektiven Adventswochen-Formtief, zeigen Schwächen, die die Liga nicht duldet; und dies quer durch alle Mannschaftsteile. »Diese Spieler haben nicht von heute auf morgen das Eishockeyspielen verlernt. Wir müssen den Mittelweg zwischen Zuckerbrot und Peitsche finden und den Jungs Vertrauen schenken«, sagt Ortwein. Dazu kommt: Einige Spieler am Übergang vom U- zum Ü24-Kontingent, denen nach der Vorsaison der oft zitierte nächste Entwicklungsschritt zugetraut worden war, stagnieren in ihrer Leistung. Die positiven Ausnahmen: Andreas Pauli, derzeit erfolgreichster Torschütze, Dominik Meisinger, der Spieler mit der besten Plus-/Minus-Statistik, oder auch – wenn auch nicht gleichermaßen beständig – der noch zwei Jahre jüngere Eugen Alanov.
Die Bürde der Vergangenheit: Platz sechs im Vorjahr hatte die Erwartungshaltung gesteigert. Platz neun wird im Umfeld als Misserfolg wahrgenommen. »Wir haben im Vorjahr über unseren Verhältnissen gespielt. So schön das auch war – die Realität ist eine andere«, sagt Ortwein.
Verspekuliert? Am Wochenende agierte Diego Hofland, ein Stürmer, als Verteidiger. Gelernte (junge) Abwehrspieler wie Marcel Pfänder (saß auf der Bank) und Marius Erk (spielte in Essen), die mit langfristigen Verträgen gebunden wurden, wurden nicht berücksichtigt. Das Eingeständnis einer personellen Fehleinschätzung mit Langzeitfolgen? »Für junge Spieler ist es leichter, sich in eine erfolgreiche Mannschaft zu integrieren, ohne gleich Angst vor einem Fehler haben zu müssen«, begründet Kujala, der Hofland eine »gute Leistung« attestierte, seine Entscheidung.
So sieht Geschäftsführer Andreas Ortwein die Situation: »Wir sind im Wettbewerb um Platz zehn; in einer Tabellenregion, in der wir uns selbst gesehen haben. Die Abstände sind gering; auch nach vorne. Ich stelle die Frage: Sind wir nicht erfolgreich, weil die Mannschaft auf Rang neun steht? Wir sind nicht zufrieden. Weil wir überzeugt sind, dass es besser geht. Aber wir hinken auch nicht hinterher. Die Tabellenposition ist okay und den Rahmenbedingungen entsprechend. In dieser Saison gibt es – anders als im Vorjahr – keine Top-Klubs, die schwächeln. Und diesmal haben eben auch andere Teams einen Lauf. Natürlich wollen wir bessere Leistungen sehen, aber man muss immer im Hinterkopf haben, dass es auch darum geht, den Sport in Bad Nauheim auf diesem Level zu erhalten.«
Das sagt Trainer Petri Kujala: »Die Woche mit vier Niederlagen war brutal. Gegen Frankfurt war alles gut, und dann hat uns das 1:7 gegen Kassel mehr wehgetan, als wir gedacht haben. Das Selbstvertrauen ist im Keller. Den Jungs fehlt die Lockerheit. Ein Wochenende spiegelt auch immer den Alltag im Training wider. Da muss mehr kommen. Wichtig ist es, einen klaren Kopf zu behalten und nicht in Aktionismus zu verfallen.«
Sind personelle Konsequenzen denkbar? Eine Ü-Stelle ist frei. Ein erfahrener Spieler könnte also verpflichtet werden, um den Roten Teufel einen neuen Impuls zu geben. Allerdings: Zum einen gibt der deutsche Spielermarkt aktuell keine Alternative her. Zum anderen hat sich auf den Kontingentstellen Ales Kranjc für eine Verlängerung des bis 8. Januar befristeten Vertrags empfohlen, so- dass ein Importspieler zu viel an Bord sein und Gelder binden könnte. Ob der Slowene tatsächlich bleibt, ist aber offen. Mit 14 Scorerpunkten hat er sich auch in den Fokus anderer Klubs gespielt. Klar ist: In Bad Nauheim wird nicht wie bei so manchem Konkurrenten munter das Personal getauscht. Zum einen: Mehr als eine Nachverpflichtung wird der Etat nicht hergeben. Zum anderen: »Da ist viel Populismus dabei. Das ist unangebracht. Der Charakter in der Kabine stimmt. Wir brauchen eben ein Erfolgserlebnis fürs Selbstvertrauen«, ist der Trainer überzeugt.
Die Trainerposition: Petri Kujala ist intern unumstritten. Über eine Veränderung habe er »noch keine Sekunde lang nachgedacht«, sagt Ortwein. »Bei Petri spüre ich in jedem Gespräch eine hundertprozentige Motivation. Und auch das Verhältnis zur Mannschaft ist intakt. Wenn sich in Bad Nauheim der Erfolg nicht so einstellt, wie mancher sich das wünscht, dann ist schnell das Geschrei groß. Das gehört auch zum Geschäft«, sagt der Geschäftsführer.
Die Qual der Wahl: Joel Johansson steht vor seinem Comeback – und es gibt taktische Optionen. Welcher der dann fünf Kontingentspieler muss am Freitag gegen Dresden zuschauen? In der aktuellen Verfassung kann sich wohl einzig Verteidiger Ales Kranjc – trotz defensiver Wackler – seiner Position recht sicher sein. Ein Verzicht auf Juuso Rajala, den Topscorer, oder Torwart Mikko Rämö scheint schwer vorstellbar. Nick Dineen wiederum, der aktuell formschwächste Kontingentspieler, würde als Kapitän degradiert.
Was Mut macht: Profisport ist (auch) Kopfsache. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie mehr kann, als sie derzeit zeigt. Und das ist – um das jüngste Beispiel zu nennen - kaum zehn Tage her (im mitreißenden Spiel gegen Frankfurt). Der Wille ist keinem abzusprechen. Auch am Sonntag, nach der erneuten Enttäuschung, blieben Pfiffe aus. Der Abend bestätigte einmal mehr Murphys Gesetzmäßigkeiten, wonach alles zusammenkommt, wenn es ohnehin schon nicht läuft. »In einer Saison gibt es immer Hoch- und Tiefphasen. Die Mannschaft hat genug Erfahrung, sich aus diesem Tief zu befreien«, sagt Ortwein. Trotz der Talfahrt: Die Roten Teufel stehen – wie bislang schon die gesamte Saison über – über dem Strich; sprich: unter den Top Ten.

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