15. Februar 2020, 12:00 Uhr

600 Prozent Aufschlag

Drastische Erhöhung: Wie Volleyball-Vereine auf steigende Lizenzgebühren reagieren

Der heimische Volleyball steht vor einschneidenden Veränderungen. Die Lizenzgebühren werden bis 2022 um das Sechsfache angehoben. Über eine Stimmungslage zwischen Mut und Verzweiflung.
15. Februar 2020, 12:00 Uhr
Richtungsweisend: Für die Volleyballer der SG Rodheim rund um die Regionalliga-Herren von Trainer Johannes Voeske (M.) könnten die kommenden Jahre auch zu einer finanziellen Herausforderung werden, wenn man sportlich konkurrenzfähig bleiben will. FOTOS: JAUX/PV

600 Prozent! Die hessischen Volleyballvereine müssen in den kommenden Jahren viel tiefer in die Tasche greifen. Ab der Saison 2020/21 steigen die Gebühren für Mannschafts- und Spielermeldung beim Hessischen Volleyball-Verband (HVV) - und das, betrachtet man die nackten Zahlen, innerhalb von zwei Jahren um das Sechsfache. Kostete in dieser Spielzeit die Lizenz für einen Aktiven vier Euro, werden in der kommenden Saison 12 Euro fällig, ab 2022 dann sogar 24 Euro. Nicht betroffen sind U 20-Spieler. Auch die Mannschaftsmeldung wird ligaabhängig im Schnitt 37 Euro teurer.

Deutscher Volleyball-Verband muss Finanzierungslücke über Landesverbände schließen

Der Grund ist schnell erklärt: Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) hat erkannt, dass sein Leistungskonzept nicht mehr auf dem bisherigen Weg finanziert werden kann. Also wurde auf dem Verbandstag im vergangenen Jahr mehrheitlich beschlossen, ab der kommenden Saison 1,95 Millionen Euro statt 950 000 Euro an Beiträgen von allen Landesverbänden einzusammeln. Bislang standen an dieser Stelle beim HVV rund 70 000 Euro in den Büchern, in zwei Jahren werden es 143 300 Euro sein. Die Lücke soll über die erhöhten Gebühren abgedeckt werden.

Was nun dadurch in der Volleyball-Familie ausgelöst wird, ist deutlich vielschichtiger als ein paar veränderte Zahlen. Ein Verein wie die SG Rodheim ist von der Regelung stark betroffen. Vier Herren- und drei Damenteams sind im Spielbetrieb aktiv. Bei einer angenommenen Zahl von zwölf Spielern pro Team steigen die Gebühren von 336 Euro zur kommenden Saison auf 1008 Euro. Ab 2022 sind es sogar 2016 Euro - sofern kein Spieler unter die U 20-Regelung fällt. Deutlich mehr Ausgaben also, die an anderer Stelle schmerzlich fehlen und die Konkurrenzfähigkeit einschränken könnten.

Keine Existenzsorgen bei Wetterauer Volleyball-Vereinen

Trotzdem verfällt SGR-Abteilungsleiterin Anna Wacker nicht in Panik. »Für uns als SG Rodheim macht es nicht so viel aus, weil wir in einer luxuriösen Situation sind. Die Stadt Rosbach fördert den Sport sehr stark, zudem haben wir gute Verbindungen in die Kommunalpolitik.« Auch bei einer vergleichsweise kleinen Abteilung wie dem TV Bruchenbrücken will man nicht überstürzt alles Schwarz malen. »Wir haben nur eine Mannschaft im Spielbetrieb, aber natürlich macht es sich bemerkbar, ob du eine Abbuchung über 40 oder 250 Euro hast. Die Erhöhung ist drastisch, aber ich mache mir deswegen keine Sorgen«, sagt TVB-Abteilungsleiter Sebastian Seckler. Im Vereinsvorstand habe man noch nicht darüber gesprochen, wie die Erhöhung aufgefangen werden soll.

Eine Möglichkeit, da sind sich Wacker und Seckler einig, sei die Anpassung des Mitgliedsbeitrages, »der bei uns ohnehin moderat ist«, sagt Wacker, schiebt aber hinterher: »So geht es nicht ewig weiter.«

Hessischer Volleyballverband verhängt Sparmaßnahmen

Dass hat man auch beim HVV erkannt, nachdem man in den vergangenen drei Jahren jeweils ein Defizit am Ende des Bilanzjahres ausweisen musste. »Und das, obwohl wir mehrere Sparmaßnahmen ergriffen haben. Wir haben keine internationalen Veranstaltungen ausgerichtet und die Buchhaltungsstelle auf die Hälfte reduziert«, sagt Dirk Wortmann, als HVV-Vizepräsident für die Finanzen zuständig. Allerdings habe man in eine neue Verwaltungssoftware investiert, »die einen wesentlichen Teil des Defizits ausgemacht hat«, sagt Wortmann.

Durch die Gebührenerhöhung sollen ab 2022 rund 15 000 Euro jährlich zur Investition zur Verfügung stehen. Ein Teil davon soll in weitere Digitalisierungsprojekte gesteckt werden, der Großteil ist aber für die Mitgliedergewinnung gedacht. Das ist auch bitter notwendig. »Die älteren Altersklassen werden immer stärker repräsentiert, aber unsere größte Sorge ist momentan, dass wir kaum qualifizierte Jugendtrainer haben, um Nachwuchsspieler über lange Sicht bei der Stange zu halten«, sagt Wacker. Für die Jugend-Großfeldmannschaft ist man auf dringender Suche nach einem Übungsleiter, der aber auch bezahlt werden will.

Nachwuchssorgen sollen mit zwei Projekten bekämpft werden

Der HVV bekämpft die Probleme mit zwei Projekten. Im November startete der »Volleyball Grundschul-Cup« in Fulda. Bei der ersten Veranstaltung kamen 13 Mannschaften aus vier Grundschulen zusammen. Nun soll der Cup zur Nachwuchsgewinnung auf ganz Hessen ausgeweitet werden, allerdings braucht es dafür auch Vereine, die bei der Organisation unterstützen. Bei der SGR, die in Eigenregie bereits eine Ballschule organisiert, zeigt man Interesse an diesem Projekt mitzuwirken. »Wir wären blöd, da nicht mitzumachen«, sagt Wacker.

Zudem will der HVV »neue und attraktive Spielformate schaffen, um die Freizeitsportler in den Spielbetrieb zu integrieren«, erklärt Wortmann. Denn, sollte der Rückgang weiter fortschreiten, werden irgendwann auch die Mittel vom Deutschen Olympischen Sportbund weniger, und auch Städte und Kommunen überlegen sich dann zweimal, wem sie Hallenzeiten zur Verfügung stellen. Die Akquirierung der Freizeitsportler ergibt Sinn, jedoch droht auch der gegenteilige Effekt. Was auch überregional bei den Vereinen zwischen den Zeilen durchklingt: Bei Spielern, bei denen vor der Saison klar ist, dass sie maximal an einem oder zwei Spieltagen verfügbar sind, könnte es sein, dass für sie keine Lizenz beantragt wird, um den Geldbeutel zu schonen. Dass kann wiederrum nicht im Sinne des HVV sein. Dort ist man sich der Sache aber bewusst: »Die Gefahr besteht, dass Mannschaften und Spieler sich abmelden. Aber wenn wir den Weg nicht gehen, haben wir gar keine Zukunft«, sagt Wortmann.

Aus Rodheim bekommt er Unterstützung. »Der HVV gibt sich viel Mühe«, sagt Wacker. Über Dialogtage sucht man den Austausch mit Vereinen. »Allerdings hätte ich mir da eine höhere Beteiligung gewünscht«, sagt Wortmann, der selbst seit über 30 Jahren Volleyball spielt. »Verband und Vereine sind nicht getrennt, wir müssen unsere Ziele gemeinsam erreichen«, sagt er. Seine Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit die letzte Erhöhung der Gebühren war, dürfte bei den Vereinen etwas den Druck vom harten Aufschlag nehmen.

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