10. November 2019, 09:00 Uhr

Tischtennis

Dieser Wetterauer holte Bronze bei der Parkinson-WM - jetzt will er anderen Patienten helfen

Harry Wissler hat bei einer Tischtennis-Weltmeisterschaft in New York die Bronzemedaille gewonnen. Das beeindruckende an dieser Leistung ist aber weniger sportlicher Natur.
10. November 2019, 09:00 Uhr
Der Sport hat dem Ilbenstädter Harry Wissler beim Umgang mit der unheilbaren Nervenkrankheit Parkinson geholfen. Nun will er anderen Patienten helfen. (Foto: Nici Merz)

Die Diagnose kam aus dem Nichts - wie so oft beim Parkinson. »Ich habe gemerkt, dass etwas nicht stimmt«, erzählt Harry Wissler. Das war im Januar 2012. Zunächst war der Verdacht, er habe durch seine Arbeit am Computer einen Mausarm. Doch wirklich erklären, woher die Verspannungen beim Ilbenstädter kamen, konnte niemand. Erst der Hausarzt, der mit Wissler zusammen Tischtennis beim TTC Ilbenstadt spielt, hatte einen anderen Verdacht. »Am Gangbild hat er erkannt, dass ich Parkinson habe. Die Tests haben das bestätigt. Dann hatte ich das Los zur Frühverlosung«, sagt der 52-Jährige und lächelt. Er mag Sarkasmus, das wird er an diesem Abend auf seinem heimischen Sofa immer wieder beweisen.

Von jetzt auf gleich änderte sich das Leben für ihn, seine Frau Marion und Tochter Jessica, zum Zeitpunkt des Ausbruchs zehn Jahre alt. »Ich bin erstmal in ein tiefes Loch gefallen. Ich habe versucht, die Krankheit zu verdrängen, aber das gelingt nicht. Dank meiner Familie bin ich wieder auf die Beine gestellt worden«, sagt Wissler und klopft seiner Frau, die ebenfalls auf dem Ecksofa sitzt, liebevoll auf den Oberschenkel. Während ihr Mann offen und humorvoll über seine Krankheit redet, hält sie sich zurück. Zwischen den Zeilen wird immer wieder deutlich, welchen kraftvollen Spagat sie in all den Jahren geleistet hat. Als Unterstützerin, als Antreiberin, aber auch als Ehefrau, die um die unheilbare Krankheit ihres Mannes weiß. Familie Wissler ist eine starke Einheit und sie haben eine gemeinsame Leidenschaft: Tischtennis.

Vor dem Ausbruch der Krankheit ging Harry Wissler zum Judo, war Windsurfen, Rudern, Ski- und Radfahren. »Adrenalin-Junkie würde ich jetzt nicht sagen«, setzt Wissler an, doch seine Frau wirft ein: »Ich schon.« Als Jugendlicher spielte Wissler bereits Tischtennis, hörte aber seinen Knien zuliebe auf, ehe er kurz vor der Diagnose wieder anfing »als Alltags-Ausgleich«, wie Wissler sagt. Doch damit war dann wieder Schluss. »Eigentlich genau falsch«, sagt Wissler rückblickend.

Drei Jahre vergingen, bis er begriff, dass er den Schläger in der Hand brauchte. Den Auslöser gab die Tochter, die beim TuS Nordenstadt in der Damen-Hessenliga spielt. »Durch sie bin ich wieder in die Szene reingerutscht«, erzählt Wissler. Einerseits kam er so wieder unter Leute, andererseits merkte er, wie der Sport ihm mit der Krankheit half: »Die Reflex-Bewegungen werden über das Rückenmark gesteuert. Beim Tischtennis kann man wunderbar trainieren, dass die bewussten Bewegungen, die durch Parkinson gestört werden, ins Reflexzentrum rutschen. Das verbessert die Motorik. Studien haben belegt, dass es den Verlauf der Krankheit hinauszögert«, erklärt Wissler. Außerdem, sagt seine Frau: »Wenn er am Tag drei Stunden Tischtennis spielt, braucht er am nächsten Tag weniger Medikamente, ist mobiler und entspannter.«

Der Parkinson äußerst sich bei Wissler vor allem, wenn er spricht. »Zittern kommt bei mir nicht vor«, sagt er, und streckt zum Beweis seine Arme parallel aus. Auch die Standwaage ist für ihn kein Problem, wie er demonstriert. »Was hin und wieder vorkommt, wenn ich aus dem Medikamenten-Fenster laufe, ist Muskelversteifung. Da kann es schon mal sein, dass mich meine Familie unter dem Tisch findet, weil ich vom Stuhl gefallen bin und nicht mehr aufstehen kann«, sagt Wissler und lacht. Sein offener Umgang mit der Krankheit führte ihn auch zur Parkinson-Weltmeisterschaft. Auf einem Tischtennis-Portal im Internet stößt Wissler auf die Ausschreibung. Er setzte sich mit Thorsten Boomhuis aus Nordhorn in Verbindung, quasi der Pionier des Tischtennis für Menschen, die an Parkinson erkrankt sind. »Wir haben uns getroffen, danach war für mich klar, dass ich zu dieser Weltmeisterschaft muss«, sagt Wissler.

Hinter diesem Wunsch steckte letztliche eine Menge Planung. Durch die Zeitverschiebung musste Wissler eine Woche vor Turnierbeginn anreisen, um die Medikamenteneinnahme anzupassen. Die Kosten für die Reise bezahlte Familie Wissler aus eigener Tasche. Weder vom Deutschen Tischtennis-Bund noch vom Deutschen und Hessischen Behindertensportverband gab es Unterstützung: Begründung: Nicht zuständig.

Die Enttäuschung darüber ist beim Ehepaar Wissler, die beide in der 3. Kreisklasse für den TTC Ilbenstadt III spielen, nach wie vor groß. Einzig ein Nationaltrikot stellte der DTTB. »Eins für drei Turniertage. Gut, dass es in US-Hotels frei zugängliche Waschmaschinen gibt«, sagt Marion Wissler. Immerhin würde der Präsident des Internationalen Tischtennisverbands, Thomas Weikert, der als Ausrichter die erste Auflage der Parkinson-WM vor Ort begleitete, voll hinter dem Projekt stehen, sagen die Wisslers. »Als er mich im Hotel mit dem Nationaltrikot sah, kam er auch direkt auf mich zu und hat mich begrüßt - obwohl wir uns nicht kannten«, erzählt der 52-Jährige.

Noch beeindruckter war Wissler, Lieblingsschlag ist der Vorhand-Topspin cross, von den Szenen beim Turnier selbst: »Zu sehen, das Menschen die Krankheit durch ihren Willen soweit in die Schranken weisen können, dass man sich beim Tischtennis vernünftig bewegen kann, war Wahnsinn«, sagt Wissler. Besonders der Japaner Naomichi Saito berührte ihn emotional stark. »Er wurde vor jedem Spiel mit dem Rollstuhl an den Tisch gefahren, stellte sich an den Tisch und hat alle Energie in einen Schlag gesetzt. Das war faszinierend.« Gegen eben diesen Japaner verlor Wissler in der Vorrunde. Vor dem Viertelfinale in seiner Schadensklass« sei er extrem aufgeregt gewesen, schließlich winkte mit dem Halbfinaleinzug die Bronzemedaille inklusive. Mit 16:14 und 11:7 setzte sich Wissler gegen den Inder Pravin Patil durch und hatte somit die Medaille sicher. »Ich habe nicht damit gerechnet. Das war ein sehr erhebender Moment«, sagt Wissler. Im Halbfinale unterlag er dann dem Portugiesen Damasio Caeiro 7:11, 8:11.

Der Alltag hat Familie Wissler längst wieder eingeholt. Der studierte Elektrotechniker und Informatiker arbeite wieder als Abteilungsleiter einer Softwareentwicklungsfirma, »allerdings nur noch drei Tage die Woche, den Spaß gönne ich mir. Als Entwickler kann ich das auch noch länger tun. Wenn ich Dachdecker oder Bombenentschärfer wäre, wäre das ein bisschen blöd«, sagt Wissler. Diesmal kann seine Frau nicht anders, als die Augen zu verdrehen. Dann lachen beide.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Behindertensportverbände
  • Bronzemedaillen
  • Familien
  • Ilbenstadt
  • Krankheitsverlauf
  • Leistung
  • Medikamenteneinnahme
  • Patienten
  • Tische
  • Tischtennis
  • Windsurfen
  • Erik Scharf
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 / 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.