28. November 2019, 12:00 Uhr

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Die Pyramiden von Butzbach

Nicht jeder Trend, der aus den USA nach Europa herüberschwappt, ist erfreulich. In diesem Fall war es aber ein Trend, der Butzbach in der Republik bekannt gemacht hat. Hier ist seit 15 Jahren der »führende Verein der Welt des Sport Stackings« beheimatet, so steht es auf der Homepage des SST Butzbach - Becherstapeln für Fortgeschrittene.
28. November 2019, 12:00 Uhr
Hochburg in Mittelhessen: Die Sport-Stacker des SST Butzbach mit Trainer Burkhard Reuhl (r.). Foto: esa

Es ist Trainingstag. In einem Mehrzweckraum der Dreifelderhalle in Pohl-Göns ist das Geräusch der Plastikbecher, die in Sekundenschnelle zu Pyramiden aufeinandergestapelt werden, so laut, dass ein Gespräch kaum möglich ist. Es geht so schnell, dass das Auge kaum hinterherkommt. An den Tischen, die in der Mitte des Raumes im Viereck angeordnet sind, stehen die Sportler des Sport Stacking Teams (SST) Butzbach. Vereinzelt brüllen sie ein kraftvolles »Yeees« in den Raum, wenn das Stapeln besonders schnell ging. An einem Tisch an der Stirnseite des Raumes beobachtet Burkhard Reuhl das Treiben ganz genau.

Der 61-Jährige ist das wohl größte Puzzleteil des Butzbacher Erfolgs. »Er denkt sich immer wieder neue Methoden aus, sein Training geht weit über das klassische Stacking hinaus«, sagt SST-Vorsitzender Michael Ortwein, und wie zum Beweis packt Reuhl »Mensch, ärgere dich nicht« auf den Tisch.

Alles fing damit an, dass Petra Bauer, die Schwester von Burkhard Reuhl, als Lehrerin in New Jersey/USA 2004 mit Sport Stacking in Kontakt kam. In den USA kamen die speziellen Becher in den 80ern auf den Markt, der Grundschullehrer Bob Fox entwickelte daraus den Sport. Als Bauer zurückkehrte, brachte sie die Becher mit. »Dann haben wir Fox nach Butzbach eingeladen und er hat uns zu Repräsentanten für Sport Stacking in Deutschland ausgebildet«, erzählt Reuhl. Ein Jahr später war die Resonanz in der AG an der Butzbacher Weidigschule schon so groß, dass der Verein gegründet wurde. Veranstaltungsort für das erste Turnier in Deutschland war Butzbach, 2012 fand hier die erste Weltmeisterschaft außerhalb Nordamerikas statt. Die internationalen Weidig-Open erlebten vor zwei Wochen die 15. Auflage - mal wieder waren über 200 Teilnehmer am Start.

Aufzuzählen, wie viele Weltmeistertitel und Weltrekorde sich auf die Personen im Raum in Pohl-Göns verteilen, würde jeglichen Rahmen sprengen. Selbst auf der Suche nach den größten Erfolgen wissen Reuhl und Ortwein nicht, wo sie beginnen sollen. Allein bei der ersten WM-Teilnahme 2005 gewannen Reuhl, dessen Sohn Timo sowie Petra Bauer, Miriam Christ, Marcus Reitz und Christopher Sauer elf Titel.

Nicht mehr um die beste Zeit kämpft Timo Reuhl, 25, der sich nun seiner beruflichen Ausbildung widmet. Auch Lara Ortwein hat ihre Laufbahn beendet - als 13-Jährige. »Sie hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Jetzt spielt sie Volleyball«, sagt Papa Michael Ortwein. Timos Bruder Leon, 23, ebenfalls mehrfacher Weltmeister und Weltrekordhalter, ist dagegen ebenso noch aktiv wie Laras Schwester, die 16-jährige Lisa Ortwein. Sie spielt an diesem Trainingsabend zwischen ihren Stapel-Übungen »Mensch, ärgere dich nicht« gegen die anderen Trainingsteilnehmer - eine der besagten Methoden von Burkhard Reuhl.

Als Pioniere des Sports in Deutschland standen die Butzbacher medial schon oft im Scheinwerferlicht - ob bei »TV Total« mit Stefan Raab, im ZDF-Fernsehgarten oder mit Tobi Kämmerer beim »Städtetrip«: »Das ist mittlerweile Routine«, sagt Lisa Ortwein. Regelmäßig werden die Stacker als Showact auf diversen Veranstaltungen oder Messen gebucht. »Sport Stacking eignet sich wunderbar als Mitmachaktion. Mehr als einen Tisch und ein paar Bechern braucht es nicht«, sagt Michael Ortwein. Die Reaktionen der Passanten seien unterschiedlich. »Manche halten es für Schwachsinn, andere sind begeistert, weil sie so etwas noch nicht gesehen haben«, erzählt Ortwein.

Unterdessen absolvieren die Butzbacher Stacker unter den wachsamen Augen von Reuhl eine Art Rundenlauf. An jedem Tisch müssen sie eine andere Formation stapeln. Am anspruchvollsten ist der »Cycle«, bei dem drei Figuren am Stück gebaut werden müssen. Für das ungeübte Auge geht das so schnell, dass man die Figur kaum erkannt hat, da ist sie schon wieder abgebaut. Die Zeit stoppen die Stacker mit einer Vorrichtung an der Matte selbst. Den Weltrekord in dieser Disziplin hält Chan Keng Ian aus Malaysia mit 4,651 Sekunden. Dadurch, dass die Becher Einkerbungen und ein Loch im Boden haben, ist zwar schnelleres Stapeln möglich, allerdings kann die kleinste Ungenauigkeit einen Fehler nach sich ziehen. Und so wird Risiko auf der reizvollen Jagd nach der schnellsten Zeit nicht immer belohnt.

Die Reisen zu den Weltmeisterschaften werden oft mit einem Familienurlaub verbunden. Und hin und wieder sind es die Geschichten außerhalb der Wettkämpfe, die hängen bleiben. Der Rückflug von der WM des vergangenen Jahres in Florida wurde kurzfristig gestrichen, erst am Tag darauf sollte es zurück nach Deutschland gehen. Also funktionierte man die Wartehalle und die Gepäckaufgabe-Schalter im Flughafen zur Sport-Stacking-Arena um. »Wir haben uns mit Wettbewerben die Zeit vertrieben. Da kamen natürlich auch einige vorbei und wollten wissen, was wir da machen, sogar das Flughafenpersonal hatte seinen Spaß«, erzählt Ortwein. Im spießigen Deutschland wäre ein solche Aktion schwer vorstellbar. Manchmal haben die USA auch ihre Vorteile.

Der Wettkampfmodus

Es gibt drei verschiedene Disziplinen. 3-3-3, 3-6-3 und den Cycle. Die Zahlen stehen für die Anzahl der Becher innerhalb einer Pyramide. Beim Cycle wird nacheinander eine 3-6-3, ein 6-6 und eine 1-10-1-Formation gebaut. Zwischen den Formationen sowie am Schluss müssen die Becher zusammengestapelt werden. Besonders herausfordernd sind die Wettbewerbe im Doppel. Je eine Hand der Doppelpartner darf stapeln. Außerdem gibt es auch das Eltern-Kind-Doppel, zudem stehen bei großen Turnieren auch Staffelwettbewerbe auf dem Programm. Die Zeitnahme wird auf der »Stack Mat« vom Sportler selbst mit der Hand ausgelöst und gestoppt. Sport Stacking ist am besten unter dem Hallendach aufgehoben. Schließlich kann jeder Windstoß fatale Folgen haben.

Sport Stacking ist der geilste Sport, weil »es Konzentration, Motorik und Teamfähigkeit fördert. Außerdem kann man weltweit Freundschaften knüpfen«, sagen die Butzbacher Sport-Stacker.

Trainiert wird donnerstags von 17 bis 18 Uhr für Anfänger und von 18 bis 19.30 Uhr für Fortgeschrittene.

Die Fixkosten liegen im Jahr bei 30 Euro Mitgliedsbeitrag. Dazu kommt einmalig und anschließend je nach Bedarf für 50 Euro ein Becherset inklusive Matte mit Zeitmessgerät (Stack Mat). (esa)

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