19. März 2020, 16:25 Uhr

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Der Traum vom Fliegen

Sie hängen sich in ein Flugzeug ohne Motor. In einen Kokon gehüllt liegen sie in der Luft. Eine Frage muss erlaubt sein: Was macht ihr da?
19. März 2020, 16:25 Uhr

Harald Stephan springt umher wie ein Flummi. Der Mann mit dem kräftigen Händedruck ist durchaus eine Erscheinung, deswegen ist es umso offensichtlicher, dass er aufgeregt ist. »Perfekte Bedingungen heute«, ruft er, die Vorfreude schwingt unüberhörbar mit. Dann hievt er sich seinen Drachen auf die Schultern und rennt quer über den Pohlheimer Flugplatz. Das Flugzeug bekommt sofort Auftrieb und es scheint, als würde Stephan jeden Moment abheben. Er bleibt aber glücklicherweise auf dem Boden - noch.

Es ist Ende Januar und bitterkalt, aber es ist ein wunderschöner Tag, vor allem für Stephan und Reinhold Rühl. Die beiden Mitglieder des Vereins Drachenflieger Pohlheim bereiten sich auf den ersten Flug im Jahr vor. Der Boden ist gefroren, die Sonne strahlt mit ganzer Kraft und in der Ferne ist ein dichtes Wolkenbett am Himmel zu sehen. Eine knappe Stunde dauern die Vorbereitungen. Das Kribbeln steigt minütlich.

Seit über 30 Jahren starten Drachenflieger in Pohlheim. »In den Achtzigern war das extrem populär, aber eigentlich gab es das nur in den Bergen«, erzählt Stephan. Er selbst hat als 15-Jähriger im Familienurlaub die Gleitschirmflieger gesehen und war sofort fasziniert. In der Schweiz absolvierte er seinen ersten Flug. »Das ist zwar erst ab 16 Jahren erlaubt, aber das wusste dort damals keiner«, sagt er und lacht. Eigentlich war er schon auf dem Weg zum Fluglehrer für den Gleitschirm, dann kam er erstmals mit dem Drachen in Berührung. »Das hat mir deutlich mehr Spaß gemacht. Es ist dynamischer und man ist schneller unterwegs«, sagt der 47-Jährige, der am Boden in Gießen Fahrräder verkauft.

Außerdem sei der rund 40 Kilogramm leichte Drachen mit seinen starren Flügeln, die bis zu 14 Meter Spannweite aufweisen, stabiler. Ein Gleitschirm könne bei Turbulenzen zusammenfallen. »Ich bin einmal durchgesackt. Glücklicherweise ist nichts passiert«, erzählt Stephan. Natürlich sei Drachenfliegen auch nicht risikofrei, »aber auf sein Gerät kann sich der Pilot verlassen«. Schließlich wird das Fluggerät nur mit dem eigenen Körper gesteuert.

Nun ist Hessen nachweislich etwas flacher gebaut als von Drachenfliegern gewünscht. Um der Leidenschaft trotzdem auch in der Heimat zu frönen, machen sich die Pohlheimer den Ultraleichtschlepp zu Nutze. Bei der aus dem Segelflug bekannten Technik wird der Drachen mithilfe eines Seils von einem motorisierten Drachen in die Luft gezogen. So kommen Stephan und Rühl auch heute in die Luft. Das putzig aussehende Vehikel, ein Trike, mit dem riesigen Segel über dem fahrbaren Untersatz, in dem Stephan sitzt, steht 70 Meter von Rühl und seinem Drachen entfernt. Dann beschleunigt Stephan auf der leicht ansteigenden Piste, und schon nach rund 50 Metern steigen beide auf. Ein paar Minuten später, als beide auf ausreichender Höhe und dem Wolkenbett recht nah sind, wird die Verbindung gelöst. Nun fliegt Rühl mit dem Wind und orientiert sich an der Thermik.

Passen Wetter, Material, Erfahrung und Durchhaltevermögen des Piloten zusammen, kann ein Flug auch schon mal bis zu vier Stunden dauern. Je nach Windstärke sind in dieser Zeit im Schnitt bis zu 200 Kilometer Strecke zu schaffen.

»Bei starkem Wind geht es nur in eine Richtung. Wenn man gelandet ist, gibt es einen kurzen Anruf in Pohlheim und dann lässt man sich abholen«, erzählt Stephan. Die Wartezeit nutzt er, um das Gerät für den Rücktransport fertig zu machen.

»Hessische« in Österreich

»In Bergregionen sind dagegen bis zu acht Stunden Flugzeit nicht ungewöhnlich«, sagt Stephan. Und weil nun mal das Gebirge die besten Bedingungen für Drachenflieger bietet, finden die hessischen Meisterschaften auch im österreichischen Kärnten statt. Bei Meisterschaften werden Aufgaben geflogen, meistens über eine Strecke von mehr als 100 Kilometern. Liegt bei den »Hessischen« die Teilnehmerzahl eher im niedrigen zweistelligen Bereich, sind es bei Europa- und Weltmeisterschaften rund 150 Drachenflieger.

Beim Start sind die Sportler auf engstem Raum zusammen. Von dort werden vorgegebene Punkte bis zum Ziel abgeflogen, immer auf der Suche nach der Thermik. »Die besten Indikatoren sind Vögel. Wo einer ist, geht es nach oben. Manchmal kommt aber auch ein Vogel zu mir, wenn ich die Thermik zuerst gefunden hab. Es ist ein tolles Gefühl, in den Bergen mit einem großen Greifvogel zu kreisen«, sagt Stephan.

Der Drachenfliegerverein Pohlheim hat 50 Mitglieder, davon fliegen 20 aktiv am Flugplatz, davon wiederum sind sechs Mitglieder mit dem Drachen unterwegs. »Der Rest fliegt Gleitschirm, das ist auch weltweit die Tendenz«, sagt Stephan. Der Traum vom Fliegen lasse sich aufgrund der benötigten Ausrüstung so einfacher, schneller und günstiger verwirklichen, erklärt er. Während ein Gleitschirm ab 2000 Euro zu haben ist, beginnt ein Drachenfluggerät im Einsteigersegment ab 4000 Euro, Wettkampfgeräte sind erst ab 16 000 Euro zu haben.

Um mit dem Drachen in die Luft gehen zu dürfen, braucht man logischerweise eine Berechtigung. Der Grundschein reicht für die Basics am Übungshang aus und ist notwendig für die weitere Ausbildung. Wer Strecke fliegen möchte, braucht zudem eine entsprechende Lizenz.

Am kommenden Wochenende sollte die Drachenfliger-Saison beginnen. Bis zum Oktober sollte es in Pohlheim sonntags feste Termine und fest eingeteilte Windenfahrer geben. Nun hat aber die Coronavirus-Krise auch die Flieger erreicht und hält sie auf dem Boden.

Immerhin, der alljährliche Flug auf herkömmlichem Weg nach Lanzarote vor einem Monat klappte aber noch. »Dort gibt es viel Sonne und einen konstanten Passatwind. Dazu die Steilklippen und die Berge«, sagt er. Für Stephan und alle anderen Drachenflieger ist es das Paradies.

An diesem Tag im Januar ist das Paradies aber direkt vor der Haustür. Als Stephan wieder gelandet ist, ist er selbst noch nicht mit seinem Drachen unterwegs gewesen, aber sein Grinsen ist noch breiter geworden. »Wenn ich fliege, bleiben alle Sorgen am Boden«, sagt er und fügt an: »Drachenfliegen ist mein Lebenselixier.«

Drachenfliegen ist der geilste Sport , weil »es dem Traum vom Vogelflug am nächsten kommt«, sagt Harald Stephan.

Flugzeiten sind im Sommerhalbjahr immer sonn- und feiertags am Flugplatz Pohlheim (Am Trieb). Bei gutem Wetter sind auch Termine unter der Woche möglich. Mehr Infos gibt es unter drachenflieger-pohlheim.de.

Die Fix-Kosten im Jahr liegen bei 140 Euro Mitgliedsbeitrag. Ausgaben für Schleppflüge und Ausrüstung kommen individuell hinzu. (esa)

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