26. Mai 2021, 12:00 Uhr

Jugendfußball

Wenn es einfach nicht mehr passt

Das war ein Paukenschlag im heimischen Jugendfußball. Denn vor wenigen Wochen haben sich der SV Annerod, der SV Garbenteich und der TV Hausen vom JFV Mittelhessen per Kündigung getrennt.
26. Mai 2021, 12:00 Uhr
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Von Michael Schüssler
Lutz Becker, Sportvorstand im FSV Fernwald, ist glücklich, dass der JFV Mittelhessen bestehen bleibt. ARCHIVFOTO: FRO

Vor sieben Jahren, 2014, wurde der Jugendfußball-Förderverein (JFV) Mittelhessen gegründet. Getragen wurde der Verein vom FSV Fernwald, dem SV Annerod, dem SV Garbenteich und dem TV Hausen. Zu Beginn war auch der SC Teutonia Watzenborn-Steinberg dabei, doch nach dem Zusammenschluss zum FC Gießen war die Zusammenarbeit mit der Teutonia beendet.

Nun ist der JFV mit seinen späteren vier Klubs aber Geschichte. Der SV Annerod, der SV Garbenteich und der TV Hausen haben sich zur neuen Saison durch Kündigung vom JFV Mittelhessen getrennt. Florian Spies (stellvertretender Abteilungsleiter SV Annerod), Lars Klingmann (Jugend SV Annerod), Philipp Heyse (Vorstand FSG Garbenteich/Hausen) und Simon Pötter (Jugendleiter FSG Garbenteich/Hausen) haben sich gemeinsam unseren Fragen gestellt.

Nach sieben Jahren erfolgt die Trennung. Die Vereine führe »Unstimmigkeiten über die zukünftige Ausrichtung der Jugendarbeit« an. Was ist konkret damit gemeint?

Wenn man sieht, dass mit den drei Vereinen, die gekündigt haben, alle drei Vereine in der A-Klasse beheimatet sind und mit dem FSV Fernwald ein Hessenligist als Stammverein verbleibt, kann man sich einen großen Faktor schon herleiten. Der JFV war und ist in seinen Bestrebungen sehr leistungsorientiert organisiert. Was, wie so oft im Leben, wenn es um Leistung geht, zu kurz kommt, ist da ein Stück weit die Möglichkeit, Kompromisse zu schließen und sich von eigenen Vorstellungen zu verabschieden. Das Kräfteverhältnis im JFV war und ist ja so organisiert, dass wir von einem eigenständigen, durch einen geschäftsführenden - und erweiterten Vorstand geführten Verein sprechen. Da war die Möglichkeit, Veränderungen umzusetzen, die von den scheidenden Stammvereinen vorgeschlagen wurden, begrenzt. Nachdem klar war, dass es keine Zukunft im JFV geben würde, wurde in konstruktiven Gesprächen sehr schnell deutlich, dass die drei Vereine aus Annerod, Garbenteich und Hausen ähnliche Auffassungen, was eine gelungene Jugendarbeit ausmacht, haben.

In dem Schreiben der Vereine heißt es unter anderem auch noch weiter, man wolle für die neue JSG ein Hauptaugenmerk auf eine »nachvollziehbare Führungsphilosophie« legen. Was bedeutet das?

Man sollte dieses Projekt der drei Ortsvereine als das sehen, was es ist. Zum einen natürlich die kurzfristige Möglichkeit, den Kindern, die in den vergangenen Jahren schon zusammengespielt haben, so wenig Veränderung wie möglich zuzumuten. Gleiches gilt natürlich auch für die Eltern, die ja durch die einzelnen Vereinsvertreter der Stammvereine in der JSG immer einen bekannten Ansprechpartner haben. Zum anderen ist es in einer JSG im Vergleich zu einem JFV, zumindest zum JFV wie wir ihn kannten so, dass die JSG im Idealfall Entscheidungen durch einen möglichst einstimmigen Konsens aller drei Vereine trifft. Wenn wir es dann schaffen, die Eltern und Kinder transparent, offen und nachvollziehbar in diese Prozesse einzubinden, dass das Thema Fußball in den Familien zum Beispiel beim Abendessen vielleicht von allen gleichermaßen mit Leben gefüllt werden kann, man sich zusammen über gute Dinge freut oder Themen die anstehen auch daheim als Familie bespricht, weil alle Familienmitglieder sich abgeholt fühlen und ein berechtigtes Interesse daran haben, dann denken wir, ist uns das geglückt, was uns vorschwebt. Nicht von heute auf morgen, aber stetig vorwärts und perspektivisch, ohne seine Ziele ständig über den Haufen werfen zu müssen, konstant.

Wie stellen Sie sich die künftige Ausrichtung der JSG mit dem SV Annerod, dem SV Garbenteich und dem TV Hausen vor - und was wollen Sie anders machen als zuvor im Rahmen des JFV? Genannt sei hier das Motto »Sport mit Freunden?

Vereinsleben - und das merkt man in diesen verrückten Zeiten mehr denn je - bedeutet auf dem Dorf: Ich gehe raus, treffe Freunde, habe eine gute Zeit und im Idealfall tue ich was Gutes für mich und die Gemeinschaft im Ort. »Sport mit Freunden« soll ein geflügelter Begriff sein, den jeder Verein und Ort individuell für sich definieren kann und auch sollte, aber trotzdem auch das große Ganze, die JSG, die gleichen Werte vorlebt und den gleichen Zweck erfüllt. Egal, ob aus Garbenteich, Hausen oder Annerod, wenn die Kids zusammen ihr Training haben, haben sie einfach Spaß und das beim »Sport mit Freunden«. Aus dieser Situation heraus sollte es uns dann hoffentlich auch gelingen, die heimischen Kinder auch in ihren Heimatvereinen Fußball spielen zu lassen. Das Kinder und Eltern untereinander das beste Netzwerk bilden und sich über Freundschaften in Kindergärten und Schulen automatisch auch Kontakte ergeben, die Kinder gegenseitig in die Vereine bringen, stimmt uns hoffnungsvoll, hier den richtigen Ansatz zu verfolgen.

Wie sieht es aktuell mit Trainern aus - kann die noch zu gründende JSG schon Namen nennen?

Natürlich haben die ersten Gespräche mit unseren heimischen Trainern bereits stattgefunden. Sie blicken alle sehr positiv nach vorne und freuen sich auf die weitere Zusammenarbeit mit ihren bisherigen Mannschaften. Das sollte dabei, gerade im Gründungsjahr, auch erst mal im Vordergrund stehen. Die Kids kennen sich und ihre Trainer, das war uns wichtig bei den Planungen. Von unserer Seite wurde seit den Kündigungen immer offen kommuniziert und man kann sagen, dass das sehr gut angekommen ist bei den Trainern. Wie immer ruhen wir uns aber darauf nicht aus. Wir arbeiten daran, auch weitere Leute davon zu überzeugen, dass unser Konzept eine Überlegung wert sein könnte, sich einzubringen. Wie und in welchem Umfang das nachher Früchte trägt, muss man abwarten. Aber unsere gemeinsamen Vorstellungen darüber, wo das Hauptaugenmerk liegen sollte, ist klar definiert, dass der künftigen Aus-, Fort- und Weiterbildung der Trainer ein hoher Stellenwert innerhalb der JSG beigemessen werden muss. Durch Investition in die Trainer, natürlich neben der ohnehin notwendigen Infrastruktur, werden Mannschaften auf vielen Ebenen profitieren - und darauf freuen wir uns. Namen werden genannt, sobald auch andere Dinge feststehen. Ein Name der JSG, die Vereinsfarben, ein Wappen, da hängt ja schon richtig Arbeit dran. Auch den Weg in die sozialen Medien wollen wir von Anfang an gehen und so mit der Zeit gehen. Spätestens da werden dann auch Namen von Teams und Trainern feststehen.

Mit Blick auf die neue Saison: In welchen Altersklassen kann die neue JSG Hohe Warte Mannschaften stellen - mit wie vielen Kindern bzw. Jugendlichen rechnen Sie?

Aufgrund der Konstellation, dass fast ausschließlich Kinder der G- bis D-Jugend in den Vereinen aus Garbenteich, Hausen und Annerod spielen, bildet dies auch die Basis unserer Planungen. Der Stamm in diesen Jahrgängen ist gut und der Zulauf in den jungen Altersgruppen ist konstant, so dass man hier getrost anfangen kann. Unser Bestreben ist es natürlich, mindestens die Kinder aus den eigenen Dörfern auch für die eigenen Vereine Fußball spielen zu sehen. Das Schöne ist ja, dass man theoretisch den Kindern, Eltern und Trainern »nur« die passende Perspektive bieten muss und sich so ältere Jahrgänge von ganz allein ergeben, wenn von unten ausreichend Nachwuchs zu erwarten ist. Über wie viele Kids wir am Ende sprechen, lässt sich noch nicht in validen Zahlen erfassen, aber wir rechnen damit, dass die Fluktuation gering ausfallen wird und wir im Gegenzug vielleicht, durch ein gutes, nachhaltiges Konzept, Kinder und Eltern dafür begeistern zu können, sich der neuen Jugendspielgemeinschaft anzuschließen.



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