Lokalsport

Vorfreude bei Mörlener WM-Kommentator Florian Naß

Am Mittwoch startet die Handball-WM in Ägypten. Als ARD-Kommentator sitzt Florian Naß aus Ober-Mörlen wieder am Mikro - diesmal aber aus der Ferne.
11. Januar 2021, 22:18 Uhr
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Für den Ober-Mörler Florian Naß bedeutet die Handball-WM das erste Großereignis, das er aus der Ferne kommentieren muss. Trotzdem freut er sich »total«. ARCHIVFOTO: NICI MERZ

Radsport, Handball, Fußball: Florian Naß gehört längst zum Kommentatoren-Inventar der ARD, wenn es um sportliche Großereignisse geht - so auch bei der am Mittwoch startenden Handball-WM in Ägypten. Doch der Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks ist diesmal erstmals nicht vor Ort dabei - was seine Arbeit verändert. Warum sich der 52-Jährige trotz der Corona-Einschränkungen auf die Titelkämpfe freut, was er der DHB-Auswahl zutraut und was er in Sachen Turniermodus anders gemacht hätte, verrät er im Interview.

Herr Naß, inwiefern unterscheidet sich Ihre Vorbereitung auf die WM, da Sie nicht vor Ort sein können?

Gar nicht eigentlich. Die Vorbereitung auf ein Turnier bedeutet für mich immer Arbeit am Schreibtisch zu Hause. Allerdings bedeutet ein Turnier mit nun 32 Mannschaften, von denen etliche dabei sind, die man noch nie auf dem Zettel hatte, auch eine andere Form von Arbeit. Uruguay zum Beispiel ist auf der Landkarte des Handballs ein weißer Fleck gewesen. Mich in diese Themen hineinzuarbeiten, macht mir unglaublich viel Spaß und es freut mich, Kuriositäten zu entdecken. Normal wäre danach irgendwann der Flug zum Spielort, Besuche in der Halle, persönliche Gespräche. Das alles entfällt - das ist schade, aber das beeinträchtigt die Übertragung nicht, denn diese Informationen kann ich mir auch anders beschaffen.

Was verändert sich für Sie während des Turniers?

Mir fehlt vor allem mein Blick über den Monitor in die Halle. Ich habe in Deutschland nur das Bild, dass der Fernsehzuschauer auch hat - neben meiner Vorbereitung und meinem Wissen natürlich. Aber ich sehe zum Beispiel nicht, ob es Unruhe auf der Bank gibt, ob sich der zweite Torwart auf seine Einwechslung vorbereitet, oder ein Spieler, der ausgewechselt wurde, behandelt werden muss. Da entsteht natürlich ein Nachteil. Bei solchen Übertragungen verstehe ich mich außerdem nicht nur als Kommentator, sondern auch als Korrespondent, der auch die Zustände vor Ort beleuchtet - etwa die Umsetzung der Hygienemaßnahmen. Diese Informationen werden mir durch das ARD-Studio Kairo aber trotzdem geliefert.

Die ARD hat sich entschieden, kein Team nach Ägypten zu entsenden. Wie stehen Sie dazu?

Ich muss akzeptieren, dass mein Arbeitgeber gesagt hat, dass er das nach dem vorliegenden Konzept nicht verantworten will, dass jemand vor Ort ist, auch wenn ich natürlich gerne dort gewesen wäre.

Auch bei dem inzwischen viel kritisierten Konzept?

Ehrlich gesagt liest man sich das nicht so genau durch, sondern man geht davon aus, dass man gesund bleibt. Über den Fall der Fälle habe ich mir also keine großen Gedanken gemacht. Bei der Entscheidung der ARD ging es eher darum, dass es bei einer Infektion für 14 Tage in ein Isolationskrankenhaus geht, über das man nicht so viel weiß. Aber genau dafür gibt es Leute, die so etwas dann einschätzen können.

Gab es im Zuge der Kritik an der Durchführung des Turniers Überlegungen, ganz auf die WM-Übertragungen zu verzichten?

Diese Diskussion gab es nicht, auch wenn das Konzept offensichtlich nicht so gut gewesen ist, dass wir mit 20 bis 25 Leuten dorthin fliegen. Ich glaube aber, dass man das für die Teams schon verantworten kann. Dass jetzt doch keine Zuschauer in die Halle dürfen, halte ich - wenn auch so kurzfristig - für die richtige Entscheidung.. Außerdem frage ich mich natürlich, ob gerade jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um erstmals mit 32 statt mit 16 Mannschaften zu spielen oder ob man nicht schneller in eine K.o.-Runde hätte gehen können. Aus diesem Grund kann ich die Absagen einiger Spieler oder die Bedenken der Klubs schon verstehen. Ganz grundsätzlich muss man natürlich auch festhalten, dass es auf der Welt aktuell wichtigere Dinge gibt. Letztlich geht es auch um eine Menge Geld für die Verbände. Das könnte man in meinen Augen aber ehrlicher kommunizieren.

Bedeutet die Gesamtsituation mehr Arbeit für Sie?

Durchaus. Ich bin mit der Handball-WM voll ausgelastet, auch wenn wir »nur« die deutschen Spiele live übertragen können. Trotzdem habe ich jeden Tag mindestens ein Spiel in der Zusammenfassung, beobachte andere Partien und bereite mich auf die deutschen Matches vor.

Wie wird Ihre Arbeit am Spieltag aussehen?

Die Sendungen werden komplett in Köln beim Westdeutschen Rundfunk abgewickelt, von wo Alexander Bommes und Dominik Klein auch moderieren. Ich selbst sitze in einem sehr kleinen Studio, wo ich vor einem sehr großen Monitor mit genauso viel Enthusiasmus wie sonst kommentieren werde. Mein Assistent arbeitet, durch eine Plexiglasscheibe getrennt, wie gewohnt neben mir. Interviews mit Spielern und Trainern können wir per Schalte führen - auch wenn wir nicht vor Ort sind.

Also empfinden Sie trotzdem Vorfreude?

Ich freue mich total auf die WM, denn ich liebe den Handball, weil er sich sehr viel Bodenständiges bewahrt hat und damit - wie etwa auch Eishockey - Nähe, Fairness und gute Charaktereigenschaften verkörpert. Außerdem bedeutet Handball nach wie vor Heimat für mich, es ist der Sport, den ich fast mein ganzes Leben lang betrieben habe. Zusätzlich freut es mich persönlich auch, wenn die Handball-Nationalmannschaft die Menschen so begeistert, dass sie sagen: »Das finde ich gut, das schaue ich mir an.«

Handball-Großereignisse haben nicht selten große Wirkung auf die Mitgliederzahlen der Vereine an der Basis. Inwiefern ist dieser Effekt noch gegeben, wenn sich die Klubs im Lockdown befinden?

Es wäre gut, wenn die WM dafür sorgt, dass das Thema Handball wieder auflebt. Deshalb bin ich auch dafür, dass die WM gespielt wird - auch wenn ich mir einen anderen Modus gewünscht hätte. Jetzt sehe ich aber durchaus Gefahren, dass der Handball - wie viele andere Sportarten auch - durch die Corona-Krise leidet. Es ist schwierig für die Vereine, die Begeisterung hochzuhalten. Wenn aber eine WM dazu führt, dass der Nachwuchs dem Sport treu bleibt, haben wir viel erreicht - und die Durchführung des Turniers ein Stück weit gerechtfertigt.

Was erwarten Sie vom deutschen Team?

Ich traue dieser Mannschaft mehr zu, als man vielleicht annehmen könnte. Ich glaube, dass das Team über die emotionale und charakterliche Schiene kommt - und über den Gedanken, dass das jetzt ihre Chance ist. Dazu haben sie einen guten Trainer, dem sie zu 100 Prozent glauben. Das ist wichtig. Vielleicht bekommt das alles ab einem gewissen Punkt eine Eigendynamik - immerhin sind auch die nachgerückten Spieler trotz allem Leistungsträger in ihren Bundesligamannschaften. Natürlich ist Deutschland kein Titelanwärter, aber es gibt das Potenzial, eine Überraschungsmannschaft zu werden.

Die WM startet aus deutscher Sicht gegen die »Handball-Zwerge« Uruguay und Kapverden. Warum sollte man trotzdem einschalten?

Es ist und bleibt eine Weltmeisterschaft. Man wird sehen, mit viel Enthusiasmus die deutsche Mannschaft ans Werk geht, es wird ein Vorgeschmack auf das Turnier werden und es wird auch zeigen, wie vielfältig Handball ist. Und ich bin mir sicher, dass Uruguay auch das fünfte oder achte Tor gegen Deutschland feiern wird, auch wenn sie selbst schon 30 Tore bekommen haben, denn in diesen Kategorien wird sich das vermutlich abspielen, aber das wird Freude vermitteln. Und wenn die Menschen und die Medien dieses Ereignis als Chance begreifen, den Handball wieder in den Fokus zu rücken, kann die WM ein Erfolg werden.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/vorfreude-bei-moerlener-wm-kommentator-florian-nass;art1434,719792

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