07. April 2021, 12:00 Uhr

Vier Titel, ein Star und »Wetten, dass..?«

Eine proppenvolle Ost- halle, spannender Erstliga-Sport und enthusiastische Meisterfeiern. Nein - wir erinnern nicht an ruhm-reiche Gießener Basketball-Tage. Sondern an die Volleyballer des USC, die in den 1980er Jahren mit drei deutschen Meistertiteln und dem Double 1984 das sportliche Aushängeschild der Stadt waren.
07. April 2021, 12:00 Uhr
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Von Markus Konle
Das waren Zeiten: Volleyball-Legende Burkhard Sude (r.) und der Gießener Zuspieler Peter Hassenpflug beratschlagen sich in der Meister-Saison 1981/82. (Foto: imago sportfotodienst)

Der 27. März 1982 ist ein denkwürdiges Datum in der Gießener Sportgeschichte: Durch einen 3:0-Sieg in Leverkusen holt der USC Gießen erstmals die deutsche Meisterschaft - mit nur einem Satz Vorsprung vor dem VBC Paderborn. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Volleyball-Märchens, dem der Klub weitere Kapitel hinzufügt: Auch in den beiden folgenden beiden Jahren wird der USC Meister und macht 1984 mit dem Gewinn des Pokals das Double perfekt.

»Das waren fantastische Zeiten«, blickt der Kinzenbacher Gernot Buseck zurück. Er war damals so etwas wie der »ehrenamtliche Manager« des Bundesliga-Teams, das die Menschen der Region bewegte. In Spitzenzeiten peitschten über 4000 Fans in der Osthalle ihre Mannschaft nach vorn - und das war keine Profi-, sondern eine Studententruppe. Sie lebte von ihrem Teamgeist und hatte in dem gebürtigen Nordhessen Burkhard Sude den überragenden deutschen Volleyballer in ihren Reihen.

Vereinsgründung aus der Not heraus

Den Anfängen des USC lag dabei ein trauriger Umstand zugrunde: Die volleyballbegeisterten Gießener waren von ihrem Verein, dem CVJM, vor die Tür gesetzt worden. Auf der Jahreshauptversammlung des Christlichen Vereins Junger Menschen im Dezember 1971 wurde die Ausgliederung der Volleyballer beschlossen. »Die haben damals zu uns gesagt: ›Ihr betet zu wenig und spielt zu viel Volleyball‹«, erinnert sich Buseck lachend.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat klopfte Werner Faber für die Sportler bei der Justus-Liebig-Universität an. Universitäts-Sport-Club wollte man werden - doch die Hochschule lehnte ab. Ebenso der MTV 1846 Gießen. Also gründeten Faber und seine Mitstreiter im Januar 1972 einen eigenen Verein - den Unabhängigen Sportclub (USC) Gießen. Und der arbeitete sich in den folgenden Jahren in die nationale Volleyball-Spitze vor.

»Dass es so gekommen ist, war eine glückliche Fügung«, sagt Buseck heute, für den im Rückblick viele Steinchen zu einem wunderbaren Mosaik wurden. Ein wichtiges Teilchen war Volker Paulus. Der Gießener, der bei den Olympischen Spielen 1972 in München das Nationaltrikot getragen hatte, stellte sich nach seiner aktiven Zeit in den Dienst des USC und war in dessen Hochzeit der Vorsitzende. Ein zweiter Name, der eng mit den Erfolgen des Vereins verbunden ist, ist Burkhard Sude. »Der hatte mit Gießen eigentlich gar nix zu tun«, sagt Buseck. »Er kam anfangs mit dem Mofa von einer Hühnerfarm in Dorfitter bei Korbach über die B 3 zum Training«, ergänzt der 66-Jährige lachend. »Dem hat es hier einfach gefallen.« Sude studierte in Gießen zunächst Sport und Russisch auf Lehramt und entwickelte sich als Volleyballer sensationell. Außerdem war er ein talentierter Fußballer, der bald vor der Frage stand: Spiele ich Fußball beim VfB 1900 Gießen oder Volleyball beim USC?

Sude traf offenbar die richtige Entscheidung und war der Motor des Gießener Höhenflugs. Er wurde von 1980 bis 1984 fünfmal in Folge zum Volleyballer des Jahres gewählt, spielte 203-mal für die deutsche Nationalmannschaft und bekam von den Medien den Beinamen »Mr. Volleyball«.

Sudes legendärer TV-Auftritt im ZDF

»So richtig ab ging es, als Frank Winkler dazukam«, erinnert sich Buseck. Sude war bei einem Lehrgang der Nationalmannschaft vor allem von der Sprungkraft des Angreifers beeindruckt und brachte ihn beim USC ins Gespräch. Im Sommer 1981 wechselte Winkler nach Gießen und war ein weiteres Mosaiksteinchen auf dem Weg zum ersten Titel nur ein Jahr später.

Schon einige Monate vor der Krönung hatte Sude in Deutschland für großes Aufsehen gesorgt: In der TV-Show »Wetten, dass..?« besiegte er bei Moderator Frank Elstner ganz alleine eine komplette Verbandsligamannschaft live vor mehreren Millionen TV-Zuschauern und gewann damit seine Wette.

Etat unter 60 000 DM

Viel Geld gab es nach den Worten von Buseck trotz großer TV-Präsenz und vollen Hallen damals nicht zu verdienen. »Das waren damals alles Studenten, keine Profis«, macht er klar. Die Mannschaft hatte sich mit dem Vorsitzenden Paulus auf ein ausgeklügeltes Gewinnsystem geeinigt - Geld gab es nur bei Siegen, bei Heimspielen auch in Abhängigkeit von der Zuschaueranzahl. »Wenn die Halle proppenvoll war und das Spiel gewonnen wurde, sind die Spieler auch schon mal mit 500 Mark nach Hause gegangen«, erklärt Buseck, der auch verrät: »Als wir zum ersten Mal deutscher Meister geworden sind, hatten wir einen Saisonetat von unter 60 000 Mark.«

Was den USC in seinen Erfolgsjahren vor allem auszeichnete, war der Zusammenhalt. »Wir Spieler haben uns so gut verstanden. Das ist bei einem Mannschaftssport ja eher selten. Wir haben viel trainiert und uns an trainingsfreien Tagen noch zum Fußballspielen getroffen«, erinnerte sich Sude einst im Gespräch mit dieser Zeitung.

So schaffte es das Team um den Gießener Zuspieler Peter Hassenpflug trotz im Vergleich zur Konkurrenz überschaubaren finanziellen Mitteln und kleinem Kader, den DM-Titel 1983 und 1984 zu verteidigen. Das Sahnehäubchen war schließlich der Gewinn des Pokals, der 1984 das Double perfekt machte.

Der Höhepunkt der Vereinsgeschichte war zugleich der Beginn der Talfahrt. Sude, der heute eine Zahnarztpraxis am Bodensee betreibt, wechselte in die italienische Profiliga nach Falconara, Winkler ging nach Belgien. Andere Spieler beendeten ihr Studium und verließen ebenfalls die Stadt.

Heute wieder eine Nummer in Hessen

Buseck blickt mit Stolz und Dankbarkeit auf die Sternstunden zurück - und ohne Wehmut. »Uns war damals klar, dass wir dieses Niveau nicht auf Dauer halten konnten«, sagt der heute 66-Jährige. 1988 ging es für den USC in die 2. Liga, nach einem einjährigen Bundesliga-Gastspiel 1991 wurde der Verein bis in die Landesliga durchgereicht. Heute ist der USC - mit dem Vorsitzenden Buseck - zumindest auf der hessischen Volleyball-Landkarte wieder eine Nummer. Die Gießener spielten zuletzt mit der »Ersten« bei den Frauen und Männern in der Oberliga, schickten in der letzten Vor-Corona-Saison je vier Frauen- und Männer- sowie ein Mixed-Teams ins Rennen.

Nationale Titel, große Namen und volle Hallen sind beim USC Gießen Geschichte - an die sich nicht nur Gernot Buseck gerne erinnert.



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