23. Oktober 2021, 10:00 Uhr

Leichtathletik

Sprinterin Lisa Mayer: »Ich habe mich zu stark über den Sport definiert«

Die in Gießen geborene Sprinterin Lisa Mayer ist ein Parade- beispiel dafür, dass (sportliche) Rückschläge den Reifeprozess fördern und spricht über ihre persönliche Entwicklung.
23. Oktober 2021, 10:00 Uhr
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Von Sven Nordmann
»Ich bin glücklicher denn je. Denn durch die letzten Monate habe ich mehr zu mir selbst gefunden«: Sprinterin Lisa Mayer ist mit dem Sport »noch nicht fertig«. FOTO: IMAGO (Foto: Oliver Vogler via www.imago-images.de (www.imago-images.de))

Erfolge feiert Lisa Mayer derzeit eher im Stillen, ohne große Kenntnisnahme der Öffentlichkeit. Die gebürtige Gießenerin wächst, findet zu sich und neuer Stärke und bleibt dem Sprintsport verbunden.

Nach der Ende Juli verletzungsbedingten Absage der Olympischen Spiele 2021 in Tokio dachte die Olympia-Halbfinalistin von 2016 mehrere Wochen über ein Karrierende nach: »Ich wusste nicht, ob es weitergeht. Ich habe vier Jahre lang, was Verletzungen angeht, auf den Deckel bekommen.«

Nach Tagen des Wanderns, einem Amsterdam-Urlaub und »vielen offenen, ehrlichen Gesprächen mit meiner Sportpsychologen, meinem Trainer und Sportkollegen« ist die 25-Jährige dann zum Schluss gekommen: »Ich bin noch nicht fertig mit dem Sport.«

Dass ein Beenden der Laufbahn eine ernsthafte Option gewesen sei, lag auch daran, dass Lisa Mayer mit einem Lachen sagt: »Ich habe einfach zu wenig Angst vor dem Leben nach dem Sport.«

Die Geographie- und Germanistik-Studentin setzt ihren Master vorerst auf Eis und legt die Konzentration auf die Sprintlaufbahn, hat jenen Master aber noch auf dem Zettel: »Ich werde ihn mit der notwendigen Energie nachholen.« Beruflich zieht es Mayer in die Persönlichkeitsentwicklung: »Der Sport hat mich geprägt« - und verhilft ihr neben für die Öffentlichkeit sichtbaren Erfolgen wie Staffel-Bronze bei der EM 2016, Gold bei den World Relays 2017 oder gelaufenen 11,12 Sekunden über die 100 Meter in 2021 zu persönlichem Wachstum.

Eine der weitreichenden Erkenntnisse: »Ich habe mich super stark, zu stark, nur über diesen Sport definiert: Ich muss abliefern, sonst denken andere Menschen dieses oder jenes über mich. Das ist total gefährlich für das Selbstwertgefühl. Dabei bin ich Lisa, ich bin sehr, sehr viel wert. Und das ist vollkommen unabhängig vom Sport.«

Der Druck, »den du dir selbst machst, sorgt dafür, dass der Spaß auf der Strecke bleibt. Das kriegst du in dem Moment nicht mit und erkennst es erst rückblickend. Die Lasten, die ich mir selbst auf die Schultern gelegt habe, haben dafür gesorgt, dass ich vor Wettkämpfen teils nur ein bis zwei Stunden geschlafen habe.«

Trotzdem lief Mayer gleich in ihrem ersten Saisonrennen 2021 über 100 Meter 11,12 Sekunden und knackte die Olympia-Norm. »Ich hatte im Grunde ein Superjahr. Es zeigt, was in mir steckt.«

Der Spannungsbogen dieses Jahres deutete auf die Olympischen Spiele in Tokio hin - das ultimative Ziel. Fünf Tage vor dem Solo-Vorlauf brach bei der aus den letzten Jahren leidgeplagten Sprinterin eine Verletzung am hinteren Oberschenkel auf. Kurz vor dem Zieleinlauf platzte der große Traum im Vorbereitungstrainingslager im japanischen Miyazaki. »Wenn du krampfhaft darauf hinarbeitest, alles darauf ausrichtest und es dann nicht funktioniert, stehst du gefühlt in deiner Wahrnehmung vor einem Scherbenhaufen.«

Dass jener Moment tatsächlich ein weiterer Teil der Entwicklung und des Reifeprozesses der aus Niederkleen stammenden jungen Frau war, realisierte Mayer einige Wochen später: »Ich mache all das aus freien Stücken.«

Ihr Frankfurter Bundesstützpunkttrainer David Corell machte sich sogleich an die Ursachenforschung, organisierte einen neuerlichen MRT-Termin bei einem Spezialisiten, sammelte Meinungen ein: »Wir haben eine neue Ursache gefunden, die wir bislang kaum berücksichtigt hatten.« Neben den Muskeln sollen künftig die vernachlässigten Sehnen mehr berücksichtigt und auf die Belastung vorbereitet werden.

Mit neuem Elan geht die Athletin des Sprintteams Wetzlar nun in die Saisonvorbereitung: »Ich bin 25 Jahre alt, ich habe meine besten Jahre noch vor mir.«

Große Ziele setzt sich Mayer derzeit nicht: »Wenn die Hallensaison klappt, ist es schön, wenn es keine gibt, gibt es keine.« Geduld und Nachsicht seien gefragt: »Schmerzfrei trainieren, Lebensqualität gewinnen - wenn das gewährleistet ist, kann alles andere folgen. Und wenn das bis Februar dauert, dann ist es so.«

Bis zu den Spielen 2024 in Paris plant die Sprinterin mit dem Sport, dem sie in diesen Tagen im Trainingslager im türkischen Belek nachgeht. Zu Teambuildingszwecken sind dort beim Kickoff disziplinübergreifend Deutschlands beste Leichtathleten versammelt, starten in die neue Saison, lauschen Vorträgen, machen Yoga und tauschen sich aus.

»Ich empfinde das als sehr, sehr angenehm«, sagt Mayer. Die Motivation ist zurück - und überhaupt: »Ich bin glücklicher denn je. Denn durch die letzten Monate habe ich mehr zu mir selbst gefunden« - Erfolge feiert Lisa Mayer derzeit eben vor allem im Stillen.



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