21. Mai 2022, 06:00 Uhr

Fußball

So haben drei Gießener Eintrachts Euro-Ekstase live verfolgt

Drei Gießener erzählen, wie sie den Europa-League-Triumph von Eintracht Frankfurt verfolgt haben: Vom Alkoholkonsum im Flugzeug über Fangesänge zwischen Apfelbaum und Zwibbel...
21. Mai 2022, 06:00 Uhr
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Von Sven Nordmann

Die Europa-Euphorie rund um die Frankfurter Eintracht reicht von Gießen bis nach Sevilla, wie Niklas Grünewald, Torsten Ströher und Dr. Kai Braun beim Erinnern an den geschichtsträchtigen Mittwoch verdeutlichen.

»Der geilste Flug, den ich je hatte«

Niklas Grünewald aus Rödgen flog wie viele Mittelhessen am Mittwochmorgen nach Sevilla und am Donnerstagfrüh direkt zurück - 24 Stunden Eintracht pur ohne Schlaf: »Mein Wecker hat am Mittwochmorgen um fünf Uhr geklingelt - um kurz vor sechs sind wir Richtung Frankfurt gefahren.«

Als sich das Terminal allmählich in weiß färbte »und ich bekannte Gesichter sah, stieg die Vorfreude. Sobald wir Flughöhe erreicht hatten, brachten die Stewardesse die erste Essensfuhre - keiner hatte Interesse. Bei der zweiten Fuhre wurde Bier ausgeschenkt - und jeder war dabei. Ich glaube, die meisten haben auf dem Flug sechs, sieben Bier getrunken. Gesänge und Stimmung hoch in der Luft - das war der geilste Flug, den ich je hatte. Die 32 Grad auf der Landebahn in Sevilla waren dann ein Brett.

Die Shuttle-Busse haben uns direkt zum Fanpark gefahren. Ich habe auf dem Weg sehr, sehr viele Menschen in blau gesehen. Im angelegten Wasserbecken am Fanpark standen etliche Frankfurter oberkörperfrei im Wasser. Durch die Hitze waren es gefühlte 50 Grad - der Tag war schon hart.

Gegen 17 Uhr sind wir im Fanmarsch Richtung Stadion gelaufen - die Polizei war sehr hart, auch die Security hat durchgegriffen. Viele mussten ihre Powerbanks vor dem Stadion wegwerfen. Ich saß in der dritten Reihe hinter der Trainerbank. Die Rangers-Hymne war ohrenbetäubend laut. Aber während dem Spiel waren die Eintracht-Fans wie immer geiler!

Nach dem 0:1 war die Stimmung gedämpft, nach dem Ausgleich gab es kein Halten mehr - alle haben daran geglaubt. Vor dem Elfmeterschießen hat Kevin Trapp gegrinst und sich darauf gefreut, das konnte ich aus der Nähe gut erkennen.«

Nach Trapps Elfmeterparade »hat sich die Euphorie so wahnsinnig aufgeladen. Und als Borre das Ding reinzimmert, ist so viel abgefallen. Ich stand erstmal drei Minuten da, um zu verstehen, dass wir den Pokal gewonnen haben.«

Bis um ca. ein Uhr nachts war Grünewald im Stadion, »die Frankfurter Versammlung war bis um fünf Uhr in einem Nachtclub feiern. Ich habe auf dem Fanplatz noch zwei Bier getrunken und etwas gegessen und war um vier Uhr morgens wieder am Flughafen. Der war gepflastert von Frankfurtern, die auf dem Boden geschlafen haben. Der Rückflug war dann sehr ruhig. Gegen 10.40 Uhr war ich wieder in Frankfurt - und für mich ist all das immer noch etwas surreal.«

»Stimmung im Apfelbaum war wie im Stadion«

Torsten Ströher , u.a. Inhaber vom Apfelbaum und dem Klimbim in Gießen, verfolgte den Euroabend am Mittwoch im prall gefüllten Biergarten des Apfelbaums: »Die Stimmung war wie im Stadion. Im Apfelbaum haben sie ‘Eintracht’ gerufen, in der Zwibbel ‘Frankfurt’. Das ging hin und her. An einigen Tischen hast du gemerkt, dass dort Eintrachtler mit Leib und Seele sitzen. Es wurde auch ‘Im Herzen von Europa’ angestimmt.

Aus Wirt-Sicht sei die Eintracht »ein Zugpferd. Gerade die Auswärtsspiele sind interessant. Aber bei solchen Events musst du eine Leinwand bieten, Security finanzieren. Es tut nach zwei Corona-Jahren gut, aber es ist nicht so, dass die Wirte durch die Eintracht reich werden.«

Ströher bemerkt: »Die Leute lechzen nicht nur nach Freiheit, sie trinken auch viel Bier. Diejenigen, die zu uns kommen, geben eher mehr Geld aus als vor der Pandemie.«

»Die Euphorie hat heute eine andere Dimension«

Der Gießener Dr. Kai Braun wurde 1974 im Alter von acht Jahren Frankfurt-Fan, sah Jürgen Grabowski noch live spielen und erlebte den UEFA-Pokal-Triumph 1980 mit: »Die Euphorie heute hat aber eine andere Dimension.« Braun flog am Mittwoch von Mallorca aus nach Sevilla, spricht von einer »überfluteten, aber friedlichen Stadt, überwältigenden Gefühlen«, aber auch von schlechten Eindrücken rund um die Organisation der Veranstalter.

»Die Security war fast schon aggressiv. Und in der Halbzeitpause gab es im gesamten Stadion nichts mehr zu trinken. Alkohol gibt es im Stadion in Spanien ja ohnehin nicht, aber wir reden von Wasser - bei der Hitze bitter nötig. Ohne Flüssigkeit ab der Halbzeit bis spät in die Nacht hat so auch etwas die Energie gelitten. Selbst in den Toiletten haben die Spanier das Wasser abgedreht.«

Abgesehen davon schwärmt auch Braun von einem »überragenden Fan-Auftritt der Frankfurter« und einem Erlebnis, »das man so nicht noch einmal erleben wird«.



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