26. Juni 2021, 18:00 Uhr

HSG Wetzlar

Niemals geht man so ganz

Von fünf ihrer Bundesliga-Profis verabschiedet sich die HSG Wetzlar am Sonntag. Vier Spieler und Trainer Kai Wandschneider haben am Sonntaggegen GWD Minden (15.30 Uhr) ihren letzten Auftritt.
26. Juni 2021, 18:00 Uhr
Am Sonntag geht die nächste Ära bei der HSG Wetzlar mit den Abschieden von Trainer Kai Wandschneider, Torhüter Tibor Ivanisevic, Kapitän Kristian Björnsen, Kreisläufer Anton Lindskog und Spielmacher Filip Mirkulovski zu Ende. Collage: Oliver Vogler

HSG Wetzlar


Mit vielen spannenden und emotionalen Spielen haben Kai Wandschneider, Kristian Björnsen, Anton Lindskog, Tibor Ivanisevic und Filip Mirkulovski Eindruck hinterlassen. Wir haben mit Co-Trainer Jasmin Camdzic, der bereits seit 2011 im Club ist, auf eine turbulente Zeit zurückgeblickt:

Dovidenja - Tibor Ivanisevic

Der serbische Nationaltorhüter kam am 1. Juli 2018 als dänischer Pokalsieger, Meister, Super-Cup-Gewinner und Nachfolger von Benjamin Buric zur HSG. Mit den Ambitionen als Nummer eins viel Spielpraxis in der Bundesliga zu sammeln, angetreten, ereilte ihn bereits zwei Monate später die erste Hiobsbotschaft: Außenbandriss im rechten Knie. Ein Jahr später, Ivanisevic hatte sich erfolgreich zurückgekämpft und in der neuen Saison überzeugt, warf ihn ein Mittelhandbruch erneut zurück. Den Rang der Nummer eins hatte ihm Nachwuchstalent Till Klimpke danach endgültig abgelaufen und so trat der 30-jährige mit der Bitte an den Verein heran, seinen Vertrag vorzeitig aufzulösen. »Obwohl ich mich bei der HSG Wetzlar unheimlich wohl fühle, weil es ein außergewöhnlicher Club ist, gibt es im Sport manchmal Momente wie diese«, begründete »Tibi« im Februar seine Entscheidung. Er war in Mittelhessen angetreten, einen Weg einzuschlagen wie Andreas Wolf oder Benjamin Buric, »und das Zeug hat er dazu«, so Camdzic. »Die bisherige Zeit in Wetzlar war eine großartige Herausforderung und Schule für mich, allerdings habe ich den Wunsch, alles, was ich hier gelernt habe, in mehr Spielzeit zwischen den Pfosten anzuwenden und in einem neuen Umfeld so eine andere Rolle einzunehmen.« Nach 80 Spielen für die HSG Wetzlar wird der Grillgut-Liebhaber diese neue Rolle ab 1. Juli beim VfL Gummersbach einnehmen.

Unvergessen wird sein herausragendes Spiel im Dezember 2019 beim THW Kiel bleiben. Mit 19 Paraden zog er den Weltstars von der Ostsee den Zahn und ermöglichte so den überragenden 27:20-Erfolg der Wetzlarer. Auch in den Jahren danach spielte sich die Nummer 16 etliche Male in einen Rausch und brachte die gegnerischen Angreifer zur Verzweiflung. Einen Namen machte er sich auch als Siebenmeterkiller, allein in dieser Saison entschärfte der Serbe bisher 20 Strafwürfe.

Doviduvanye i dobredojde - Filip Mirkulovski

Als der Nordmazedonier im Sommer 2015 nach Mittelhessen kam, hatte er bei Liga-Konkurrent TSV Hannover-Burgdorf bereits vier Monate Bundesligaerfahrung gesammelt. Der Reiz, in die Fußstapfen seines Vorbilds Ivano Balic zu treten, führte den Spielmacher nach Wetzlar, wo er in der ersten Saison so seine Schwierigkeiten hatte. »Ich wollte damals nicht in seiner Haut sein«, nimmt Camdzic leichter Kritik den Wind aus den Segeln.

Dank der sensiblen Führung der Verantwortlichen entwickelte sich der zweifache Familienvater schnell zum Kopf der Mannschaft und verlängertem Arm von Trainer Kai Wandschneider, der im Januar 2020 von ihm sagte: »Er ist ein Spieler, der den Unterschied macht und eine außergewöhnliche Persönlichkeit.« Von Außenstehenden oft unterschätzt, zog er im Spiel der HSG geschickt die Fäden, immer darauf bedacht, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Er stellte sich wie kaum ein anderer in den Dienst der Mannschaft, war immer zur Stelle, wenn er gebraucht wurde. »Filip ist mit gerissenen Bändern im Sprunggelenk aufgelaufen und war der beste Spieler auf dem Platz, das war der Wahnsinn«, erinnert sich Camdzic.

Ab August 2018 führte der Nationalspieler die »Wetzlarer Jungs« als Kapitän an. »Filip ist sowohl auf als auch abseits des Spielfeldes ein absoluter Leader-Typ, der sich zudem in hohem Maße mit seinem Beruf als auch der HSG Wetzlar identifiziert«, erläuterte Wandschneider damals seine Entscheidung.

Seit dieser Saison fungiert der 37-jährige als Co-Trainer und Standby-Spieler bei den Wetzlarern. Er geht den Coaches im Bereich des Individual- und Kleingruppentrainings zur Hand und unterstützt Camdzic im Scoutingbereich. Am Sonntag wird »Zuti« zum 189. Mal im grün-weißen Dress auf dem Parkett stehen, hat bis dahin 251 Mal für seine Farben getroffen. Der Wechsel vom Spieler zum Trainer wird nunmehr endgültig vollzogen - die Rückennummer 13 wird in Wetzlar noch lange mit seinem Namen verknüpft werden.

»Filip ist eine überragende Persönlichkeit, ist seit Jahren bei der HSG und hat sich hier als Spieler und Mensch bewiesen«, so Camdzic. »Ich bin sehr glücklich, dass uns Filip in neuer Funktion erhalten bleibt. Von seiner enormen Erfahrung kann die HSG Wetzlar nur profitieren.« Zusammen mit dem neuen Trainer Benjamin Matschke wird er einen neuen Weg bei und mit der HSG Wetzlar einschlagen.

Hej sa länge! - Anton Lindskog

Vor fünf Jahren kam »Toni« als zweimaliger schwedischer Meister von IFK Kristianstad an die Lahn. In den ersten beiden Jahren hatte er mit dem deutschen Nationalspieler Jannick Kohlbacher im Angriff eine unüberwindbare Hürde vor sich. Über seinen Einsatz in der Abwehr etablierte sich der Kreisläufer im Kader der HSG und setzte sich nach Kohlbachers Abgang auch im Angriff durch. Lohn waren die Vertragsverlängerungen bis 2020 bzw. 2022, in die letzte war jedoch eine Ausstiegsklausel eingebaut. Ende letzten Jahres kochten die Gerüchte hoch, dass der U 21-Weltmeister einen Wechsel zur SG Flensburg/Handewitt anstrebt. Nach der Vize-Weltmeisterschaft in Ägypten wurden die Befürchtungen der HSG-Fans Realität. »Ich bin den Verantwortlichen der HSG Wetzlar wirklich dankbar, dass sie mir damals die Chance gegeben haben, mich in der Handball-Bundesliga zu beweisen«, erklärte Lindskog im Februar. »Meine Mitspieler und Trainer haben mich stets gefordert und gefördert, sodass ich eine super Entwicklung machen konnte.« »Uns hat das nicht überrascht«, erklärte Camdzic. »Wir wussten um seine Entwicklung zu einem kompletten Spieler, zu einer kompletten Führungspersönlichkeit bei der HSG Wetzlar.«

Der fast zwei Meter große Vater einer Tochter ist zu einer festen Größe im Spiel der Wetzlarer gereift. »Er ist der ruhende Vulkan«, beschreibt ihn Camdzic. Einer, der immer alles gibt, sich trotz der Belastung voll reinwirft und nie so ganz zufrieden mit sich ist. Über die konstant guten Leistungen im Mittelblock der Abwehr, steigerte er sich auch im Angriff kontinuierlich und wird mit mindestens 135 Treffern seine beste Bundesligasaison hinlegen.

Lindskog wird morgen Nachmittag zum 162. Mal für Wetzlar auf der Platte stehen und hat dann mindestens 373 Tore für die Grün-Weißen erzielt. Die logische Folge für den 27-jährigen ist der Wechsel an die Förde, der ihm trotzdem schwergefallen ist, »weil ich fünf überragende Jahre in Wetzlar hatte und mich immer sehr wohl gefühlt habe«.

Farvel - Kristian Björnsen

Zusammen mit Anton Lindskog kam Björnsen aus Kristianstad nach Wetzlar. Der damals 27-jährige war mit 47 Länderspielen bereits eine feste Größe in der norwegischen Nationalmannschaft. Trotz zahlreicher Angebote aus ganz Europa hatte sich der Rechtsaußen für die HSG und die Bundesliga entschieden. Mit seiner Dynamik, seiner Torgefahr (123 Treffer in der ersten Saison) und seiner positiven Ausstrahlung hatte er sich schnell in die Herzen der Fans gespielt.

Ein Grund zum Luftanhalten waren seine Einsätze in der Nationalmannschaft. Als Dauerbrenner auf der rechten Seite bekam der zweifache Papa kaum Verschnaufpausen. Dafür brachte er als zweifacher Vize-Weltmeister (2017, 2019) und EM-Dritter 2020 einen besonderen Glanz in die heimische Arena. »Dass Kristian damals zu uns gekommen ist und als Vize-Weltmeister den Vertrag verlängert hat, war etwas Großartiges für die HSG. Das war ein Geschenk«, schaut Camdzic zurück. Egal wie hoch die Belastung war, wie viele Spiele Björnsen in den Knochen hatte, wie müde er war, er war in Training und Spielbetrieb immer konzentriert bei der Sache.

Zum Anfang dieser Saison übernahm die Nummer 7 das Kapitänsamt von Mirkulovski. »Ich bin überzeugt, dass Kristian als neuer Kapitän alles mitbringt, um die Mannschaft anzuführen«, begründete Trainer Kai Wandschneider im September 2020 seine Wahl. »Er besitzt Leader-Mentalität, ist ein absoluter Leistungsträger unseres Teams und übernimmt sowohl auf als auch abseits des Spielfelds in entscheidenden Momenten Verantwortung.«

»Meine Familie und ich genießen es in Mittelhessen von Anbeginn an. Es war und ist eine tolle Zeit hier, an die ich mich wegen vieler sportlicher Highlights und auch der Geburt unserer Kinder immer zurückerinnern werde«, sagte er im Februar über seinen Wechsel. »Allerdings war es schon immer mein Ziel, auch im Verein noch einmal international, möglichst Champions League zu spielen. Deshalb habe ich mich, auch weil ich mittlerweile 32 Jahre alt bin, für eine Veränderung entschieden«, erklärt der Norweger. Nach 156 Spielen, in denen er mehr als 585 Tore erzielte verabschiedet sich Familie Björnsen aus Deutschland.

»Kristian hat von allen Spielern mit Abstand die kontinuierlichste Leistung in seiner Zeit bei der HSG Wetzlar abgeliefert«, lobt Camdzic. »Auf höchstem Niveau kontinuierlich gut, das ist eine Besonderheit. Du konntest dich immer zu 100 Prozent auf ihn verlassen«

Alles Gute - Kai Wandschneider

»Ich muss in meiner Seele ein Kapitel zuschließen, dass neun Jahre gedauert hat.« Es schwingt ein wenig Wehmut in der Stimme von Camdzic mit, wenn er an den Abschied von Kai Wandschneider denkt. Seit März 2012 waren die beiden durch Dick und Dünn gegangen, eine bewegte Zeit, die ihre Spuren hinterlassen hat. »Ich habe in den Jahren mit Kai mehr Zeit verbracht als mit meiner Frau«, schmunzelt sein Co.

Zwei Mal (2013 und 2017) wurde Wandschneider in seiner Zeit in Wetzlar zum »Trainer der Saison« gekürt und betreute 2009 und 2013 im All-Star Game das Team der DKB Handball-Bundesliga als Co-Trainer. Der studierte Psychologe und Sportwissenschaftler brachte Spieler wie Steffen Fäth, Jannick Kohlbacher, Andreas Wolff, Philipp Weber und Tobias Reichmann auf ein höheres Level.

Als er zur HSG kam, drohte dem Verein der Absturz in die 2. Liga. Mit viel Geschick brachte er die erfahrene Mannschaft wieder in die Spur und vollbrachte ein kleines Wunder. Der Klassenerhalt sollte nicht das letzte sein, in den folgenden Jahren versetzte sein Team die Fachwelt in Erstaunen. Seine Spieler zeigten kaum für möglich gehaltene Leistungssprünge und wuchsen als Mannschaft ein ums andere Mal über sich hinaus.

Ikone, Legende, Handball-Philosoph, Kultstatus - es gibt einige Superlative, um Kai Wandschneider zu beschreiben. Nach seinem letzten Arbeitstag am 30. Juni folgt an dieser Stelle deshalb ein würdiges Abschlussinterview.

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