22. Juli 2021, 10:00 Uhr

Karrierehöhepunkt Olympische Spiele in Tokio

Marc Weber vor Olympia: »Ich will schneller sein als alle anderen«

Vom Gießener Bootshaus nach Tokio: Auf den 23-jährigen Marc Weber warten seine ersten olympischen Spiele.Der Ruderer erklärt: »Ich will immer zum oberen Bereich gehören, auch im Studium.«
22. Juli 2021, 10:00 Uhr
»Das, was ich mache, führt zum Erfolg«: Marc Weber (vorne) vom Gießener Ruderclub Hassia will mit Stephan Krüger (Frankfurt) im Doppelzweier ins Olympia-Finale von Tokio. FOTOS: IMAGO (Foto: Laci Perenyi via www.imago-images.de (www.imago-images.de))

Marc Weber schreibt Geschichte: Der 23-Jährige ist nach Gießens früherer Sportlerin des Jahres, Ruth Kaps (1996 in Atlanta), der zweite Athlet des Gießener Ruderclubs Hassia, der an den Olympischen Spielen teilnimmt - und geht Tokio ganz ruhig an.

»In meiner Jugendzeit habe ich vor den Wettkämpfen immer wilde Musik gehört, mich gepusht. Dann wurde ich kurz vor dem Start ängstlich, meine Motivation war eine Stunde zu früh da«, erzählt der Olympiateilnehmer aus Butzbach. »Jetzt gehe ich es ganz ruhig an, mache meine Gymnastik, höre entspannte Musik. Ich versuche, so lange wie möglich entspannt zu bleiben und erst wenige Minuten vor dem Wettkampf hochzufahren.«

Marc Weber lebt in einer Wohngemeinschaft im Gießener Fasanenweg, studiert an der Justus-Liebig-Universität Gießen - und rudert Ende Juli 2021 nun im Sea Forest Waterway von Tokio um eine olympische Medaille. Im Doppelzweier tritt er mit dem 32-jährigen Stephan Krüger (Frankfurt) in einem engen Feld an. Er sagt: »Die Tagesform entscheidet über Goldmedaille oder B-Finale.«

Den Wettkampftag, an dem das Rennen in der Regel gegen 10.30 Uhr steigt, beginnt Marc Weber um sieben Uhr morgens - nach dem Aufstehen wird der Kreislauf hochgefahren und ein kleiner Snack eingenommen. In einer rund halbstündigen Sporteinheit auf dem Ergometer wird der Puls auf 120 bis 130 hochgefahren - nach einer fettarmer Mahlzeit geht es knapp zwei Stunden vor dem Rennen an die Strecke: runterkommen, durchatmen, die Gegebenheiten verinnerlichen. Eine Stunde vor dem Rennen wärmt sich Weber auf, ehe rund 30 Minuten vor der Regatta spezifische Übungen warten und es an die Strecke geht.

»Gerade auf den ersten 500 Metern bist du voller Adrenalin«, weiß der U 23-Weltmeister im Einer von 2019. »Da musst du unfassbar aufpassen, dass du nicht überpaced. Du denkst, du wirst ewig so weiterrudern können, aber das geht nach 800 Metern in dieser Intensität nicht mehr.«

Der Butzbacher legt großen Wert auf Psychologie: »Du musst absolut überzeugt davon sein, dass du schneller bist als das Boot vor dir und das hinter dir. Sie müssen Angst vor dir haben.«

Rudern funktioniere »wie ein Uhrwerk. Jeder Schlag muss sitzen. Wenn ich nicht daran glaube, werde ich nervös - dann will ich im Rennen etwas ändern und das ist meistens eher dämlich. Es klappt selten und wenn ich meinen Schlag umbaue, dann muss mein Partner diesen erst übernehmen. Deshalb ist es so wichtig, dass du davon überzeugt bist: Das, was ich mache, führt zum Erfolg.«

Der Erfolg in Tokio ist im Vorhinein nicht klar definiert: »Für uns ist das Halbfinale schon ein Finale. Vielleicht ergibt sich eine Medaille, aber wir können sie uns nicht zum Ziel machen. Das wäre vermessen«, weiß Welt- und Europameister Stephan Krüger.

Ins Schwärmen gerät der Vorsitzende des Gießener Ruderclub Hassia, Kai Frenzel, wenn er an »seinen Schützling« denkt: »Marc hat bei uns im Kinderrudern angefangen und ist nun selbst als Trainer bei uns engagiert. Er lehrt unsere Kinder in Gießen an und ist immer ein Hassianer gewesen. Er bringt JLU-Studenten nächstes Jahr wieder das Rudern bei. Marc ist ein verdammt kämpferischer Typ, der über sich hinauswachsen kann.«

Für den 23-jährigen Weber sind es die ersten Olympischen Spiele: »2024 in Paris wird kommen, aber ich will mich jetzt schon beweisen und als Junger die anderen ärgern«, sagt er.

Herr Weber, Sie trainieren seit Anfang Juli im japanischen Kinosaki und befinden sich seit vergangenen Samstag in Tokio. Ist schon Olympia-Stimmung aufgekommen?

Um ehrlich zu sein, fühlt es sich noch an wie immer. Die Corona-Regeln unterdrücken das olympische Gefühl etwas. Vielleicht liegt es aber auch an meiner verhaltenen Art. Viele nehmen mich im ersten Moment als recht emotionslos wahr. Die Emotionen kommen bei mir erst im Nachgang. Wahrscheinlich realisiere ich erst im Zieleinlauf, dass ich hier an den Olympischen Spielen teilnehme (lacht).

Olympia stellt aber Ihr Karrierehighlight dar, oder?

Klar, etwas Größeres gibt es nicht.

Wie lief das Trainingslager in Kinosaki?

Ambivalent, mal richtig gut, mal eher mäßig. Da solltest du dir keine Gedanken darüber machen, du hast immer mal einen Durchhänger. Ich gehe unvoreingenommen in jedes Rennen. Unser Ziel ist das A-Finale. Das wird aber ein großes Ding.

Ihr ausgeprägter Wille hat Sie dorthin gebracht, wo Sie nun stehen - was steckt hinter diesem Willen? Was will der Wille?

Schneller sein als alle anderen. Wenn du gewinnen willst, dann musst du alles dafür tun, dass es so kommt. Das peitscht mich nach vorn. Das kann dann auch mal unschön werden. Beim zweiten Saison-Weltcup im Mai 2021 in Luzern hatte ich einen Nierenkollaps und musste eine Stunde ins Sauerstoffzelt. Im Hotel zuckten meine Augen, ich habe hyperventiliert. Dann war ich sportlich zwei Wochen weg vom Fenster. Rudern ist ein Ausdauersport mit hoher Belastung im enormen Laktat-Bereich (Laktat ist ein Stoffwechselprodukt des Körpers, das bei konstanter Anstrengung produziert wird, Anm. d. Red.). Die Tests reichen bis 26 Laktat und meiner ging darüber.

Darüber machen Sie sich keine Gedanken?

Im Grunde gar nicht. Ich weiß, dass ich gesundheitlich aufpassen muss. Sonst rückt das Motto »Sport ist Mord« doch näher, als du denkst. Aber ich werde ja immer medizinisch durchgecheckt und ich habe ein gutes Körperverständnis. Für mich gilt: Rudern ist nicht alles. Ich passe auf. Für Außenstehende ist das natürlich trotzdem schwer nachvollziehbar. Auch meine Familie sorgt sich mehr als ich.

Treibt Sie dieser Wille auch an, trotz des Trainingspensums mit 23 Jahren den Psychologie-Bachelor abzuschließen?

Ich habe vor zwei Wochen meine Bachelorarbeit und parallel die Bewerbung für den Master abgegeben. Wirtschaftswissenschaften läuft derzeit eher nebenbei. Als ich für mein Exposée zehn Punkte bekommen habe, war ich angefressen. Das hat meinen Ehrgeiz geweckt. Ich habe immer mehr Spaß daran gefunden, mich reinzuknien, immer mehr statistische Verfahren in die Bachelorarbeit eingebaut.

Gehen Trainings- und Lernfleiß miteinander einher?

Durch den Leistungssport bin ich es gewohnt, dass ich etwas gut machen will. Ich will zum oberen Bereich gehören. Wenn ich also im Studium mal nicht mitkomme, dann frage ich mich nicht: Ist das überhaupt etwas für mich? Nein, ich setze mich hin, bis ich es kann.

Inwiefern verspüren Sie vor Ihren ersten olympischen Spielen Druck?

Ich freue mich darauf und diese Vorfreude überwiegt. Druck entsteht eher durch die Art von gesellschaftlicher Ächtung, wenn du keine Medaille holst. Auf dem Hinflug saßen die WM-Medaillengewinner in der Business Class, die Athleten der deutschen Rangliste von vier bis acht in der Economy Plus und die Sportler*innen ab Rang neun sind Economy geflogen. Das ist es, was etwas Druck aufbaut. Wir können finanziell nicht von diesem Sport leben, Geld generieren wir über Sponsoren, die durch die Medienpräsenz kommen. Anerkennung und Aufmerksamkeit sind für uns also schon wichtig - es ist schade, dass das wegfällt, wenn du keine Medaille holst. Du trainierst zwei Jahre dafür, aber Rang vier findet weniger Beachtung und Bedeutung als Platz drei.

Ist das nicht Teil des Kosmos Spitzensport?

Wir haben 35 Athletinnen und Athletin aus Hessen, die zu Olympia reisen. Da sind viele Sportarten vertreten, die sonst ohnehin kaum Beachtung finden. Ich habe Verständnis dafür, dass Medien bei ihrer Berichterstattung viele Interessen berücksichtigen müssen. Es wird bloß schnell vergessen, dass wir unser gesamtes Leben darauf ausgerichtet haben.

Würden Sie den Weg des Spitzenruderers noch einmal genau so gehen?

Ich würde an meinem Weg nichts ändern. Jeden Schritt, jeden Fehler, jede Erfahrung würde ich genau so noch einmal machen - auch, wenn ich dafür auf viel verzichtet habe. Ich bin durch den Sport zu einer starken Persönlichkeit geworden, die weiß: Ich muss für mich einstehen.

Abschließend: Stimmt es, dass viele Ihrer jetzigen Physiotherapeuten aus dem Fußball stammen?

Ja, wir haben viele Physios hier, die keine Lust mehr auf Fußball hatten. Dort wurde auch mal nachts um drei Uhr an der Tür geklopft, weil jemand behandelt werden wollte. Hier versuchen wir im Athleten-Team auch mal Drei-Stunden-Slots zu schaffen, damit die Physiotherapeuten ebenfalls mal an den Strand können.

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