24. Juli 2021, 10:00 Uhr

Leichtathletik

Lisa Mayer vor Olympia: »Ich habe das beste Leben, das ich mir vorstellen kann«

Für ihr Comeback nach zwei verletzungsgeprägten Jahren bekommt die gebürtige Gießenerin Lisa Mayer deutschlandweiten Respekt. Die 25-jährige Sprinterin spricht über offen über ihre Emotionen.
24. Juli 2021, 10:00 Uhr
Lisa Mayer aus Niederkleen startet über die 100 Meter in Tokio. (Foto: BEAUTIFUL SPORTS/R. Schmitt via www.imago-images.de (www.imago-images.de))

Als Mensch«, sagt Lisa Mayer kurz vor den Olympischen Spielen in Tokio, »habe ich schon gewonnen. Als Sportlerin weiß ich, dass meine Träume riesengroß sind und noch so viel mehr in mir schlummert, was in den nächsten Jahren zum Vorschein kommen kann.«

Nach zwei sportlichen Seuchenjahren 2018 und 2019 mit körperlichen Beschwerden hat sich Mittelhessens Sprintkönigin mit ihrem neuen Trainer David Corell eindrucksvoll zurückgekämpft und 2021 mit 11,12 Sekunden und 11,16 Sekunden über die 100 Meter für Olympia qualifiziert.

»Nach außen«, sagt die 25-Jährige, »war ich immer die Kämpferin. Ich weiß aber auch, wie viele Tränen ich vergossen habe, wie viele Zweifel hochkamen: Ob ich überhaupt noch einmal schnell werde rennen können. Ich habe innerlich gespürt, dass die Veränderung vielleicht meine letzte Chance ist. Deshalb ist es für mich eine große Erlösung, dass ich so zurückgekommen bin.«

Mit dem neuen Trainer David Corell kam die Leichtigkeit zurück: »Mein Körper hat das gebraucht«

Die ebenfalls für Tokio nominierte Sprinterin Rebekka Haase sagte dieser Zeitung gegenüber vor zwei Wochen in Wetzlar: »Für mich ist es einfach erstaunlich, wie sich Lisa nach dieser schweren langen Zeit wieder an diese Leistungen herangekämpft hat. Ich glaube, sie weiß gar nicht, wie viel Respekt sie dafür unter den Sprinterkolleginnen hat.«

Auf der Zug-Rückfahrt vom Red Bull Performance Center in Österreich nach Rehamaßnahmen Richtung hessische Heimat spricht die junge Frau aus Niederkleen über ihre Lehren aus der Zeit mit Oberschenkelverletzung, muskulären Problemen, Infekt und Co.: »2018 dachte ich mir: Ich habe so viel gelernt, Hammer! Und 2019 habe ich festgestellt: Ich habe ja noch mehr gelernt! Es geht immer weiter und du musst dich da emotional auch mal durchkämpfen.«

Die Einzelstarterin und Kandidatin für die 4x100-Meter-Staffel der deutschen Frauen sagt von sich selbst, ein »sehr ehrgeiziger Mensch« zu sein. »Ich bin zu David (Corell, Trainer, Anm. d. Red.) gewechselt und habe ihm gesagt: ›David, ich möchte 2021 im Einzelstart bei Olympia dabei sein!‹ Ich bin ehrlich, ich glaube nicht, dass er davon überzeugt war.«

Lisa Mayer, sagt der 28-jährige Bundesstützpunkttrainer Corell, sei »die disziplinierteste Athletin, die ich kenne. Sie ist ein sehr herzlicher und loyaler Mensch, der den Schalter im Wettkampf sofort umlegen kann. Dann wird sie zur absoluten Wettkämpferin. Wenn wir die körperlichen Probleme weiter in den Griff bekommen, wird eine weitere Leistungssteigerung kommen.«

»Bei allem Ehrgeiz«, meint die Sprinterin, »habe ich gelernt, dass ich auch einfach mal dankbar sein kann, dafür, dass mein Körper jetzt überhaupt wieder zu solchen Höchstleistungen in der Lage ist. Ich habe verstanden, dass ich in einem noch nicht abgeschlossenen Prozess stecke. Wenn du drei, vier Jahre lang immer Beschwerden hattest, kann das nicht auf einmal weggezaubert sein.«

Ihren Körper bezeichnet Mayer als »guten Freund. Nur mit und durch ihn kann ich diese Höchstleistungen erbringen. Ich weiß, dass ich meinen Körper gewissermaßen ausraube«, sagt die Modellathletin und muss lachen: »Wir sind auf jeden Fall Freunde und arbeiten bestmöglich zusammen. Aber natürlich fragst du dich, was deinem Freund fehlt, wenn es nicht so recht läuft.«

Ihren Sport, auf den das Leben der gebürtigen Gießenerin ausgerichtet ist, liebe sie »über alles«. Sie sagt: »Ich bin unglaublich dankbar dafür, diesen Beruf jeden Tag ausüben zu können. In allererster Linie ist es Genuss. Wenn es täglich zwickt und zwackt, und zwar nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag, wenn du dich zu Hause in der Küche bückst und es hinten in den Beuger reinzieht, ist es eine starke Belastung. Und irgendwo geht auch ein bisschen Lebensqualität verloren. Du akzeptierst irgendwann diesen Schmerz.«

Seit dem Trainerwechsel im August 2020 heißt es: Weniger Schmerz, mehr Spaß. Am 15. Mai 2021 sprengt Lisa Mayer schließlich ihre vier Jahre alte Bestzeit (11,14 Sekunden) über die 100 Meter und läuft in Mannheim 11,12 Sekunden. »Da hat gar nichts weh getan. Da habe ich gemerkt, wie gut das tut, was es mit dem Kopf macht.«

Frau Mayer, worauf führen Sie es zurück, dass Sie in diesem Jahr solche Leistungen zeigen und nun dem Olympia-Kader angehören?

Das Allerwichtigste ist, dass mein Trainer einen super Job gemacht hat. Ich bin sehr froh über die Veränderung. Mein Körper hat das gebraucht, mein Kopf war bereit dafür. Ich bin ehrlich: Hätte man mir im April gesagt, dass ich 11,12 Sekunden laufe, hätte ich das in dieser Saison nicht für möglich gehalten. Denn das letzte Dreivierteljahr verlief alles andere als gradlinig. Es ist nicht immer leicht, Rückschläge wegzustecken, wenn du voller Hoffnung bist. Auch die Vorbereitung der letzten Wochen mit Zwicken und Zwacken hat Kraft gekostet. Mein Trainer und mein Team aber schenken mir immer Vertrauen, dass wir das hinbekommen und dass Großes in mir steckt. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Was macht die Zusammenarbeit mit dem 28-jährigen Bundesstützpunkttrainer David Corell aus?

Viele haben mich gefragt: ›Zu so einem jungen Trainer willst du gehen?‹ Ich habe genau darin die Chance gesehen: Zu einem jungen Trainer zu gehen, der nach links und rechts schaut und nicht festgefahren ist. David hinterfragt viele Dinge, er hat für den menschlichen Körper und die Anatomie ein super Verständnis. Das ist mit meiner Verletzungshistorie sehr wichtig. Warum zwickt es da? Welche Ketten greifen ineinander? Das in mein Training zu übertragen, war super wichtig.

Wie hat sich Ihr Trainingsalltag verändert?

Es ist nicht mehr so, dass ich im September, Oktober und November viele Ausdauerläufe und Kraftwiederholungen mache und erst zur Wettkampfsaison die Sprints einstreue. Durch kraftorientiertes Training und schnelle Läufe in Spikes bin ich nun schon im Oktober Vollgas gerannt. Das war für mich früher undenkbar, im Oktober Spikes anzuziehen. Davids Idee dahinter ist: Wenn ich den Körper erst in der Wettkampfsaison an die volle Sprintbelastung heranführe, ist er nicht darauf vorbereitet. Die Philosophie heißt nun, den Körper mit Bedacht das ganze Jahr über diesen Reizen auszusetzen.

Wie geht es Ihnen denn kurz vor Olympia?

(lacht) Erst einmal geht es mir sehr gut und ich bin super erleichtert, dass die Nominierung durch ist. Körperlich zwickt es hier und da etwas.

Wie sehr haben Sie sich daran gewöhnt, dass ihr körperliches Wohlbefinden von großem Interesse für viele Menschen ist?

Dass mich viele Menschen fragen, wie es mir geht, das ist zwar immer nett gemeint, aber es ist auch nicht so leicht. Was soll ich sagen, wenn die letzten drei Trainingswochen nicht so gut waren? Natürlich ist das schwer. Ich habe mir da ein kleines Fell aufgebaut. Aber ich bin insgesamt super dankbar und froh darüber, dass die Menschen Interesse zeigen und mit mir mitfühlen.

Sie sind es seit Jahren gewohnt, eine Person öffentlichen Interesses zu sein, auf den Punkt genau zu liefern. Was hilft Ihnen dabei am meisten? Was lässt Sie befreit laufen?

Ich versuche, das öffentliche Interesse nicht zum Druck werden zu lassen, sondern mich davon eher beflügeln zu lassen. Ich kann als Sportlerin Vorbild für andere Menschen sein, mit meiner Geschichte motivieren und inspirieren, dass aufgeben keine Option ist. Im Wettkampf vertraue ich immer auf mein Können. Für diesen Wettkampf-Moment trainiere ich schließlich.

Welche Bedeutung messen Sie persönlich der Psychologie in Ihrem Sport bei?

Wenn du nicht mit voller Selbstsicherheit auf der Laufbahn stehst, wird es schwer. Mentale Stärke ist im Spitzensport unglaublich wichtig. Ich arbeite schon seit 2018 mit einer Sportpsychologin zusammen. Am Anfang habe ich mich etwas dagegen gewehrt, weil ich mir dachte, dass ich ohnehin ein Wettkampf-Typ bin. Aber ich habe gemerkt, dass Sportpsychologie so viel bietet. Ich glaube, dass wir dem Thema noch offener gegenüber stehen können. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ganz im Gegenteil, ein Zeichen von Stärke, sich Unterstützung zu holen.

Wie betrachten Sie die von Verletzungen geprägten Jahre 2018 und 2019?

Genau so, wie es gelaufen ist, ist es gut. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Diese schwere Zeit hat mich mehr gelehrt als Siege. Ich trauere verpassten Chancen nicht hinterher - ich schaue, was ich Positives aus der Zeit herausziehen kann.

Und heute ist Ihr größter Antrieb...

...mir selbst zu zeigen, wie großartig meine eigenen Grenzen sind. Dass ich viel mehr kann, als ich mir im ersten Moment selbst zutraue. Ich mache das nicht für den äußeren Ruhm oder die Aufmerksamkeit. Es geht darum, es mir selbst zu beweisen. Das innere Feuer sollte an erster Stelle stehen.

Wie ist es, abschließend, um Ihr Feuer für das Studium der Germanistik und Geografie bestellt?

Ich habe schon 2019 meine Bachelorarbeit abgegeben, meinen Master möchte ich mit Herzen machen und ihn nicht nebenbei laufenlassen. Deshalb liegt das derzeit noch auf Eis. Meine besten Jahre warten auf mich - nicht nur, was die sportliche Leistung angeht, sondern auch das Alter an sich. Im Studium mache ich mir daher keinen Stress. Ich bin 25 Jahre alt. Ich empfinde unglaublich viel Dankbarkeit. Ich habe das beste Leben, das ich mir vorstellen kann.

FOTOS: IMAGO

FOTOS: IMAGO

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bachelorarbeiten
  • Emotion und Gefühl
  • Frauen in Deutschland
  • Geographie
  • Kurzstreckenläuferinnen
  • Leichtathletik
  • Lisa Mayer
  • Loyalität
  • Mittelhessen
  • Sportlerinnen
  • Sportpsychologie
  • Wohlbefinden
  • Sven Nordmann
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos