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»Lieber gestorben als sich aufzugeben«

Kampf, Einsatz, Leidenschaft, Charakter, Moral - die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar lieferten am Donnerstagabend beim 28:28 (12:17) gegen den HC Erlangen ein Lehrbeispiel für eine vorbildliche Berufsauffassung. Wer zwei Tage zuvor den blutleeren, emotions- und willenlosen Auftritt der Bundesliga-Basketballer der Gießen 46ers beim 82:101-Desaster in Würzburg verfolgt hat, sollte deren Verantwortlichen von Aufsichtsrat über Geschäftsführung bis Trainerstab das Video vom Pay-TV-Sender Sky als Anschauungsmaterial zur Verfügung stellen.
26. Februar 2021, 23:11 Uhr
Ralf Waldschmidt

Kampf, Einsatz, Leidenschaft, Charakter, Moral - die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar lieferten am Donnerstagabend beim 28:28 (12:17) gegen den HC Erlangen ein Lehrbeispiel für eine vorbildliche Berufsauffassung. Wer zwei Tage zuvor den blutleeren, emotions- und willenlosen Auftritt der Bundesliga-Basketballer der Gießen 46ers beim 82:101-Desaster in Würzburg verfolgt hat, sollte deren Verantwortlichen von Aufsichtsrat über Geschäftsführung bis Trainerstab das Video vom Pay-TV-Sender Sky als Anschauungsmaterial zur Verfügung stellen.

12:19 lagen die Wetzlarer zurück. Durch einen 2:12-Lauf zwischen der 18. (10:7, Björnsen) und 32. Minute (12:19, Ivic). »Es war, als hätte man uns im Angriff den Stecker gezogen«, blickte Trainer Kai Wandschneider auf diese niederschmetternde Phase gegen einen zwar individuell gut besetzten und wurfstarken Gegner aus dem Fränkischen zurück, »über das unterirdische Überzahlspiel und die technischen Fehler müssen wir im Training demnächst aber noch einmal sprechen«.

12:19-Rückstand nach 2:12-Einbruch - im Grunde genommen war die HSG Wetzlar schon tot. Doch dann kam das, was die Grün-Weißen seit Jahrzehnten, seit der Ära »Wolle Klimpke«/Ralf Kraft auszeichnet und besonders unter der Ägide von Kai Wandschneider ihr Image im bundesweiten Handball manifestiert hat.

Trotz am Saisonende erneut feststehender Abgänge von Leistungsträgern, trotz körperlicher Probleme bei Stefan Cavor, trotz erkennbarer Defizite (»Man muss ihr auch einmal erlauben, schlecht zu spielen«, Wandschneider), begannen sich Mannschaft und Trainer zu wehren, ließen sich nicht - wie wiederholt die 46ers - auf die Schlachtbank führen. Tibor Ivanisevic parierte mehr Würfe als Till Klimpke und auf der Gegenseite Martin Ziemer. Anton Lindskog holte am Kreis 90 Prozent Wurfeffektivität heraus. Magnus Fredriksen wurde Assistkönig.

Keine Resignation, keine Ohnmacht - eine Jetzt-erst-recht-Reaktion. Sowohl handballerisch als auch kämpferisch. Olle Forsell Schefvert (mit Hannover-Cut) und Stefan Cavor (mit schmerzverzerrtem Gesicht) warfen sich heldenhaft in den Ring und füllten die 3:3-Abwehr Wandschneiders mit Einsatz des siebten Feldspielers im Angriff mit (Über-)Leben.

Acht Minuten später, beim 18:20 in der 40. Minute, war das Match wieder offen. 28 Sekunden vor Schluss, beim 27:28, beförderte der HSG-Coach in einer denkwürdig emotionalen Auszeit (»Das ist großartig, was ihr hier geleistet habt«) den letzten Schuss Adrenalin in die Körper seiner Spieler - den Maximilian Holst mit dem in der Schlusssekunde verwandelten Siebenmeter zum 28:28 ins Ziel setzte.

Eine Partie mit unglaublicher Dramaturgie war zu Ende. Nach einer Energie- und Willensleistung der Björnsen und Co. Trainer Wandschneider hatte die Spieler seiner 3:3-Formation ohne einen Spezialisten durchspielen lassen bis zum Schluss und merkte hernach an, dass »alle glasige Augen« und all ihre Energie gelassen hatten. Und dann kam dieser Trainer-Satz, der noch lange nachhallen wird, der die Wetzlarer Fans nach Corona die Arena wieder stürmen lassen wird: »Meine Spieler wären lieber gestorben als sich aufzugeben.«

Bei den Gießen 46ers würde sich die Hinter-dem-Korb- Fraktion, die gestern einen Wut- und Brandbrief öffent-lich gemacht hat, eine solche Traineraussage über die Bundesliga-Basketballer sehnlichst wünschen. 2021 ein frommer Wunsch. Ralf Waldschmidt

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/lieber-gestorben-als-sich-aufzugeben;art1434,725867

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