01. Juli 2021, 06:13 Uhr

Kai Wandschneider

»Ich habe nicht das Gefühl, irgendwann im Leben falsch abgebogen zu sein«

Ikone, Legende, Handball-Philosoph - es gibt viele Superlative, um Kai Wandschneider zu erklären. Nach neun Jahren ist der gemeinsame Weg des Trainers mit der HSG Wetzlar zu Ende.
01. Juli 2021, 06:13 Uhr
Hobby-Gitarrist Kai Wandschneider (r.) durfte zwei Spielzeiten mit Ivano Balic (l.), dem »Mozart des Handballs«, zusammen- arbeiten. FOTO: VOGLER

HSG Wetzlar


Eine nicht zu kopierende Erfolgsgeschichte. Und der 61-Jährige hat den Profisport zum Abschiedsogar noch einmal eines Besseren belehrt, indem er der »Lame Duck«-Mär ein Ende bereitet hat. Obwohl sein Abschied seit 18 (!) Monaten feststand, hat Kai Wandschneider die Grün-Weißen weiter von Erfolg zu Erfolg geführt.

Der einstige Fallschirm-jäger ist als »Christian Streich der Handball-Bundesliga« immer auch als Widerstandskämpfer unterwegs gewesen. 1:22 Stunden hat das Abschluss-Interview nach neun Jahren Kai Wandschneider nur (!) gedauert, zeigt das Diktiergerät an. Gespräche mit ihm aber dauern in der Regel viel länger. Sie sind spannend und unterhaltsam zugleich.

»Ich bin total erleichtert. Ehrlich«, sagt Kai Wandschneider, schließlich habe er 16 Monate Zeit gehabt, sich mit der neuen Situation anzufreunden. Jetzt nimmt er sie an. So wie sie ist. Er mag keinen Rückblick mit Vergleichen und Ranglisten, er mag keine Bilanz ziehen im Sinne von Auf- und Abrechnen. Kai Wandschneider ist und bleibt ein charakterfestes Unikat.

Können Sie sich erst einmal ein Leben ohne den Handball vorstellen?

Ich merke bei meinen Urlauben, dass ich nach zwei Wochen lockerer werde, einen Blick für andere Dinge bekomme. Ich hatte ja auch ein Leben vor diesem Profi-Dasein. Ich bin mir noch nicht so ganz im Klaren, ob es überhaupt noch einmal etwas mit Handball bei mir geben wird. Erst einmal werde ich versuchen, mich physisch und psychisch wieder in Form zu bringen über Fahrrad fahren, rumreisen, Menschen besuchen. Zu 100 Prozent sicher ist, dass ich wieder Thai-Chi-Chuan mache, diese Bewegungsgymnastik und -meditation. Auch werde ich gezielt Gitarrenunterricht nehmen. Dennoch brauche ich Struktur. Zwei, drei Wochen geht das mal, aber dann kann ich den Gott nicht mehr einen guten Mann sein lassen.

Für jemanden, der bislang ein Trainer-Workaholic war, wird das bestimmt nicht einfach…

Wenn man älter wird, hat man mehr Verlangen nach Sicherheit, auch materiell. Ich bin zum Glück finanziell so aufgestellt, nicht jeden Job annehmen zu müssen. Das war vor zehn, 20 Jahren anders. Ausgesorgt habe ich aber nicht. Ich kann jedoch in den nächsten Monaten überlegen, was ich mit meinem Leben noch anfangen will. Ich hab Handball nie wegen des Geldes, sondern aus Leidenschaft gemacht, auch wenn sich das etwas ändert, wenn man dann Profi wird. Ich hatte hier fünf Verträge, die letzten beiden waren sehr gut. Das muss ich zugeben.

Noch einmal: Können Sie loslassen?

In dieser beschleunigten Steigerungswelt, in der wir uns alle befinden, immer mehr Spiele, immer mehr Punkte, immer höhere Ziele, wo wir einfach nicht mehr zur Ruhe kommen, muss man wissen, dass man Grenzen in vielerlei Beziehung überschreitet. Auch ich. Ich denke, da wird mir die nächsten Monate etwas Abstand gut tun.

Sie sind jetzt 20 Jahre Cheftrainer. Hat sich ihre Persönlichkeit dadurch verändert?

In der Frage steckt fast schon ein philosophischer Ansatz. Es gibt die These vom unverwandelbaren Kern, die besagt, man bleibe doch derselbe. Ich denke aber, ich bin geduldiger, nachsichtiger, gelassener, ausgeglichener geworden. Wenn ich Spieler wäre, hätte ich lieber den heutigen Trainer Wandschneider als den vor 20 Jahren.

Stimmt es, dass sie - gebürtiger Hamburger - im Sturm der Kapitän sind?

Das ist bei mir familiär begründet und stimmt zu 100 Prozent. Ich bin das älteste von fünf Geschwistern. Da liegt es an meiner Sozialisation, weil ich ganz früh Aufgaben übernehmen musste, für die jüngeren Geschwister da zu sein, dass ich Verantwortung habe. Ich war schon immer ein Typ, der stressresistent ist, der innerlich ruht.

Da haben Sie bestimmt einige Beispiele aus ihrem Leben.

Ich bin nachts an der Tankstelle in Köln, an der ich in jungen Jahren gejobbt habe, überfallen worden. Ich war der Ruhigste und die beiden, die mit vorgehaltener Waffe vor mir gestanden haben, haben gezittert. Ich bin auch als Fallschirmjäger so gewesen. Da war ich 18 und bin beim Überlebenstraining aus Flugzeugen und Hubschraubern gesprungen. Mich hat da nix aus der Ruhe gebracht.

Das hat man auf der Bank x-fach erlebt. Sie haben in Stresssituationen selbst in den Endphasen der Spiele nie den Kopf verloren.

Man darf sich von Emotionen nicht wegreißen lassen. Wie kann ich helfen? Was ist jetzt noch angebracht? Es gibt ein schönes Buch »Schnelles Denken, langsames Denken« von Daniel Kahneman, wo er beschreibt, das Intuition eigentlich auch gespeichertes Wissen ist. Das beherrsche ich seit langer Zeit. In Drucksituationen werde ich eiskalt im Sinne von: Das macht mich noch stärker.

Ihr Führungsstil ist aber alles andere als eiskalt.

Meine Art Führung ist komplett anders, ich sehe in den Spielern auch die Menschen. Ich beteilige die Spieler aktiv an den Prozessen und bin nie falsch damit gefahren. Die Räume, die ich zur Verfügung gestellt habe, sind nie ausgenutzt wurden. Die Spieler sind dadurch selbstständiger und selbstbewusster und damit erfolgreicher geworden.

Im übertragenden Sinne ein »demokratischer« Trainer?

Ich bin ein ehrgeiziger, leistungsmäßig ausgeprägter Typ. Dennoch ist Macht nur Mittel zum Zweck. Ich habe als Trainer natürlich eine gewisse Amtsautorität, ich möchte aber grundsätzlich keine Macht über andere Menschen haben. Was muss man für ein Mensch sein, der Macht braucht, um sich selbst fühlen zu können?

Ein Trainer, der sich als Teamplayer versteht.

Ich möchte etwas in der Gemeinschaft erreichen, nicht für mich alleine. Das steckt in mir. Es liegt in uns, sich immer steigern zu wollen, aber es darf nicht zum Wahn werden. Man muss sein eigenes Maß finden und vor allem nicht vergleichen. »The winner takes it all« ist nicht mein Ding.

Das bedeutet aber, die Treppe statt dem Lift zu benutzen.

Ich kann das nicht, den Lift benutzen. In manchen Dingen bin ich Purist. Ich möchte nicht über Beziehungen irgendwo hinkommen, sondern durch Leistung. Wobei Beziehung ja auch eine Leistung ist, aber eine, die für mich nicht zählt. Ich bin nicht bereit, mich in meinen Überzeugungen zu verraten, nur um irgendwo hinzukommen. Ich hasse es, andere Menschen auszustechen. Ich will natürlich meine Kollegen an einem Tag in einem Spiel schlagen, aber ich will nicht meinen Kollegen schlagen. Ich spüre nach Siegen sogar Mitgefühl, weil ich weiß, wie sich Niederlagen anfühlen.

Die Spieler haben immer mitgezogen und das auch verstanden?

Ich konnte nicht jedem einzelnen Spieler bei der hohen Fluktuation in fast zehn Jahren zu 100 Prozent gerecht werden. Aber ich denke, die gesamte Linie hat gestimmt und meine Spieler haben mir immer dabei geholfen. Gerade die Mannschaft dieser Saison ist super zusammengewachsen, das kannst du alleine als Trainer nicht schaffen. Selbst Spieler, die das woanders gar nicht kannten, die, sagen wir mal aus einem autokratischen Staat kommen, nehmen dieses Mitspracherecht sehr gerne an und steigern sich.

Sie haben es dadurch immer geschafft, den Teamgeist zu fördern.

Unsere Trainingslager waren mit die schönsten Team-Erlebnisse, ob das in der Schweiz, in Österreich oder in Portugal war. Sie alle haben stark zu diesen positiven Teamentwicklungen beigetragen.

Gab es nicht mal den einen oder anderen Moment, wo Sie sich heute sagen, da hätte ich besser mal drauf hören sollen?

Ich sage nur: Je ne regrette rien - das schöne Lied von Edith Piaf. Ich bedaure nichts, ich bin dankbar. Ich habe nicht das Gefühl, an irgendeiner Weggabelung den falschen Abzweig genommen zu haben.

Sie haben Dutzende Klippen umschifft. Niemals kapituliert.

Niemals! Auf keinem Fall. Ich gehe bei Widerständen vor keinem in die Knie. Wer mal die Odyssee gelesen hat, der kennt die Bedeutung von Niemand. Es ist ganz gut, wenn andere einen für einen Niemand halten. Es gibt ganz viele Leute, die mich unterschätzen. Und das ist gut so. In der Regel ist das ein Dir-zeig-ich’s-Ansporn. Dafür braucht man Kraft und im Handball Punkte - oder eben »Jasko« (Jasmin Camdzic). Wir sind Brüder im Geiste. Unsere Zusammenarbeit ist einzigartig.

Wurden Sie nie menschlich enttäuscht? Die Gefahr bei einer derartigen Grundhaltung ist ja gegeben.

Das passiert immer mal. Aber im Trainer-Metier von niemanden, allerdings von einigen wenigen Spielern mit einer gewissen Scheinheiligkeit. Die haben sich aber nicht gegen mich, eher gegen die Mannschaft gerichtet - und damit doch wieder gegen mich. Es gibt so eine Technik, Aikido, da glaub ich wirklich dran, die Kraft des Gegners gegen ihn selber wenden. Ich hab das ein halbes Jahr mal gemacht. Do ist der Weg, Ai ist das Zusammenfügen, Ki ist die kosmische Kraft. Wenn jemand zuschlägt, bringt er sich selber aus der Balance. Solche Spieler haben keine innere Mitte. Genau so einem Schlag weichst du aus und er schlägt damit sich selber. Das ist bei mir sportlich auch die Taktik gegen Gegner, wo man sich überlegt, die Stärke dieser Mannschaft zur Schwäche werden zu lassen. Das ist mir ein paar Mal gelungen.

Mit dem 30. Juni ist Ihre Trainerzeit bei der HSG Wetzlar zu Ende gegangen. War das Management keine Option?

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, noch zwei Jahre Trainer zu machen und dann tatsächlich etwas hier im Management. Das war sogar schon einmal so angedacht gewesen. Dass es dann anders gekommen ist, war für mich anfangs schwer zu verstehen. Ich finde es schade.

Wo ist künftig Ihr Lebensmittelpunkt?

Erst einmal in Köln. Im Rheinland bin ich ja groß geworden. Einen Monat noch habe ich die Wohnung in Gießen, der Umzug erfolgt aber Schritt für Schritt.

Was bleibt?

Die persönliche Wertschätzung, die mir in den letzten Wochen und Monaten durch Spieler, Trainer und Verantwortliche in der Bundesliga entgegengebracht worden ist, hat mich tief berührt. Ich habe so viele Einladungen aus Deutschland, da ist mein Kalender erst mal voll für die nächsten zwei Monate. Im September geht es dann drei Wochen aufs Rad. So ist es jetzt jedenfalls in meinem Hinterkopf. Allerdings hab ich während Corona zugenommen, bin nicht ganz fit. Das will ich ändern.

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