Lokalsport

Grünberger Internat: Mädchen Zweifel nehmen

Die Corona-Zeit ist für die Internatsspielerinnen des BI Grünberg nicht einfach. Da kommen die jungen Mädchen ins Grübeln, ob sich ihr Aufwand überhaupt noch lohnt.
07. Januar 2021, 11:49 Uhr
Wolfgang Gärtner
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Dribbeln unter Druck: Nina Horvath stemmt sich gegen Lena Dziuba - unter der Leitung von Grünbergs Basketball-Internats-Headcoach René Spandauw. FOTO: PRIVAT

Das Team Mittelhessen war in der weiblichen U18-Basketball-Bundesliga auf einem guten Weg. Die Mannschaft von René Spandauw zog nach Playoff-Siegen gegen die Pfalz Towers in das Viertelfinale ein. Dort wartete die lösbare Aufgabe BSG Basket Ludwigsburg - Team Mittelhessen stand kurz vor dem Sprung ins Top Four, das in Grünberg geplant war. Doch Mitte März schlug das Coronavirus zu. Der Lockdown folgte. Die Saison 2019/20 wurde abgebrochen - ohne den DM-Titel auszuspielen. Das war für die ambitionierte Truppe um die nach Meriten strebenden Internatsspielerinnen ein Schlag ins Gesicht und ein mehr als unbefriedigender Abschluss.

Dass Elisa Mevius und Co. dann noch die U16-Europameisterschaften verwehrt blieben, weil sie aufgrund der Pandemie ersatzlos gestrichen wurden, und in der neuen Saison der WNBL erst zweimal gespielt wurde, ehe es erneut zur Aussetzung des Spielbetriebs bis Mitte Januar kam, kann die Psyche der jungen Mädchen schon belasten. Viele von ihnen streben nach sehr hohen sportlichen Zielen.

Horvath-Ziel: Profibasketball

Wie zum Beispiel die Zwillinge Nina und Cora Horvath, die seit August Internatsspielerinnen sind. Sie kommen aus dem österreichischen Oberwarth und wohnen zusammen in Grünberg in einer Wohngemeinschaft. »Es hat uns schon sehr heftig getroffen, aber nicht so heftig wie die anderen Vereine. Wir dürfen wenigstens weiter trainieren, weil wir ein Basketball-Bundesstützpunkt sind. Das Spielen ist mit der WNBL-Mannschaft vorerst aber untersagt. Bei der 2. Bundesliga mit den Bender Baskets Grünberg wurden wir vor den Spielen mit einem Corona-Schnelltest getestet. Verlief der negativ, konnten wir dann spielen, wenn wir aufgestellt waren«, erklärt Cora. Mittlerweile hat die 2. Liga den Spielbetrieb auch bis zum 10. Januar eingestellt.

Und Nina verrät: »Das größte Ziel wäre ein Stipendium in Amerika. Wir würden unseren Traum, Profi-Basketballerinnen zu werden, sehr gerne verwirklichen.« Dafür sind die beiden 16-Jährigen an das Internat gekommen. Dort möchten sie die optimalen Bedingungen nutzen, die die Verzahnung von Theo-Koch-Schule, Verein TSV Grünberg (U18-Bundesliga, 2. Liga) und Leistungsstützpunkt bietet.

Mit dem BI-Cheftrainer Spandauw hatten die beiden Horvath-Zwillinge schon in früheren Zeiten Bekanntschaft gemacht. René Spandauw coachte Nina im Sommer 2019 in der deutschen U15-Nationalmannschaft. Ihre Schwester war damals auch im Kader, schaffte aber durch Krankheit und Verletzung nicht den Sprung in die Mannschaft. Beide Horvaths haben die österreichische und die deutsche Staatsbürgerschaft.

Spandauw macht Arbeit viel Spaß

Dass sie auf den Guardpositionen konkurrieren, ist für sie kein großes Thema. »Wir pushen uns gegenseitig«, kommt es aus beiden wie aus der Pistole geschossen. Sie haben sich weit weg von der Heimat gut organisiert. Nina ist für das Kochen zuständig, Cora für das Wäschewaschen. Das Putzen übernehmen sie gemeinsam, dafür haben sie bestimmte Tage vorgesehen. Freie Zeit ist bei ihnen knapp bemessen. Das lässt das tägliche, zweimalige Training gar nicht zu. Sie werden in Grünberg unter Aufsicht zur Selbstständigkeit erzogen - ein wichtiger Punkt im Gesamtkonzept.

Und wie klappt es in der neuen Schule? Da sie gute Schülerinnen seien, gebe es für sie kaum Umstellungsprobleme; sagen sie. »Die Noten passen.«

Heimweh haben die Zwillinge noch nicht. Manchmal vermissen sie zwar die Zeit in Oberwarth. Die Ferien verbringen sie aber zu Hause, ansonsten halten sie Kontakt mit ihren Eltern über Facetime und Videochat. Zurzeit weilen sie noch in Österreich. Möglicherweise kommen sie aufgrund des verschärften Lockdowns erst Ende des Januars zurück nach Grünberg.

»Es sind zwei hoch motivierte, talentierte Spielerinnen, die einen klaren Weg vor Augen haben«, konstatiert Spandauw. Der 62-jährige Niederländer übernahm 2018 am Basketball-Internat den Headcoach-Job von Aleksandra Heuser (vorher Kojic). Und die Arbeit mit den Jugendlichen bereite ihm noch immer - und immer wieder - eine Menge Spaß, so Spandauw, der aufgrund der besonderen Corona-Umstände und des Mangels an Spielen improvisiert: »Weil wir zurzeit keine Liga spielen, haben wir das Programm ein wenig umgekrempelt. Wir machen mehr Individualtraining, Kraft und Athletik.«

»Wir haben ambitionierte, begeisterte, stark leistungsorientierte Basketballerinnen«, erklärt Spandauw, der zu den erfolgreichsten Damentrainern in Deutschland zählt. Seine größten sportlichen Erfolge feierte der dreimalige »Trainer des Jahres« bei den TV Saarlouis Royals (2004 bis 2015), wo er zwei deutsche Meisterschaften (2009 und 2010) und drei Pokalsiege (2008 bis 2010) feierte.

Ab dem Jahrgang 2005 übernimmt Spandauw die weiblichen Talente im Internat und Club. »Wir begleiten die Spielerinnen individual und in Kleingruppen. Die Theo-Koch-Schule übernimmt diesbezüglich eine große Rolle«, so der 62-Jährige. Heuser betreut als Lehrerin/Trainerin die jüngeren Mädchen.

Große Stücke hält Spandauw zudem auf Elisa Mevius. Sie hat sich den Titel WNBL-Rookie des Jahres 2020 gesichert. »Die Auszeichnung ist absolut verdient und auch eine Bestätigung für das ambitionierte Programm am Landes- und Bundesstützpunkt in Grünberg. Ein großes Lob auch an Dejan Kostic, der Elisa bereits viel Spielzeit in der 2. Bundesliga gegeben hat. Dies hat ihr auch in der WNBL sehr viel geholfen«, nahm Spandauw nach der Verleihung des Titels Stellung.

A-Nationalteam mit vier aus »Grünberg«

Das BI Grünberg ist dem Anspruch als erfolgreiche Ausbildungsstätte für leistungsorientierten Basketball schon sehr häufig gerecht geworden. So erhielten in den letzten Jahren Charlotte Kohl, Kira Barra, Ama Degbeon, Henriette Gahmig, Michaela Kucera und Marie Reichert College-Stipendien in den USA. In der aktuellen Frauen-A-Nationalmannschaft spielen vier ehemalige Grünberger Internatsspielerinnen: Finja Schaake, Ama Degbeon, Luana Rodefeld und Alex Wilcke. Das zeigt deutlich, für welche Qualität das Grünberger Internat steht.

Eberhard Spissinger, HBV- Landestrainer weiblich, Grünberger Basketball-Urgestein und einer der Gründungsmitglieder des BI, ist ebenfalls stolz darauf, dass sich das Basketball-Konstrukt in Grünberg nicht nur national, sondern auch international einen Namen gemacht hat. »Es hat sich herumgesprochen, dass Grünberg die erste Adresse ist, wenn es um Collegeplätze geht«, sagt er und fügt an: »Für den Hessischen Basketball-Verband ist das Grünberger Basketballinternat als Bundes- und Landesstützpunkt eine wichtige Säule in der HBV-Leistungssportkonzeption.«

Dass sich die ambitionierten Mädchen aber zurzeit auf allerhöchstem Leistungsniveau nicht präsentieren können, bereitet ihm Kopfzerbrechen - und das nicht nur in der Liga, sondern auch im immer mehr im Fokus stehenden 3x3-Format. Deswegen ist es für ihn von enormer Bedeutung, dass die WNBL weitergeht und dass es in dieser Saison zur Austragung um die deutsche Meisterschaft kommt. Sonst würden sich die Mädchen fragen: Für was betreibe ich eigentlich den ganzen Aufwand?

Mit Topspielerin Mevius führt er ein aktuelles Beispiel an: »Sie zählt zu den stärksten Spielerinnen im Jahrgang 2004. Sie war für die diesjährige ausgefallene Europameisterschaft gesetzt. 2021 ist die EM für den Jahrgang 2003/2004. Da muss sie sich erst einmal in den Kader hineinkämpfen.« Das werden neben Mevius noch Lena Dziuba und Lynn Villwock versuchen - zwei weitere Toptalente aus Grünberg.

Für Spandauw liegt auf der Hand, dass Corona viel Einfluss auf die von außerhalb nach Grünberg gekommenen Mädchen genommen hat. Man solle nicht vergessen, dass sie im Alter von 14, 15 Jahren ihr Leben komplett umkrempeln müssten - und das meist weit weg von ihrer echten Heimat. »Wenn du weißt, dass du jedes Wochenende ein oder zwei Spiele hast, dann verstehst du viel mehr, wozu du das alles machst«, erklärt er. Falle das weg, käme die eine oder andere zum Nachdenken: Ist es das alles wert? »Ich denke, es ist es wert - für die Entwicklung als Mensch und für die Entwicklung als Spielerin.« Das wird Spandauw seinen Spielerinnen in der nicht ganz einfachen Zeit sicherlich auch vermitteln.

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