21. Dezember 2020, 06:18 Uhr

Gießen 46ers

Gießen 46ers: »Stimmen viele Grundlagen nicht«

Bei den Gießen 46ers herrscht nach der 83:95-Niederlage im Kellerduell gegen Chemnitz alles andere als vorweihnachtliche Besinnlichkeit. Interimscoach Rolf Scholz hat viel Arbeit vor sich.
21. Dezember 2020, 06:18 Uhr
Viel Arbeit wartet auf 46ers-Interimstrainer Rolf Scholz, um sein Team im Kampf um den Klassenerhalt in die Spur zu bringen. FOTO: FRIEDRICH

Gießen 46ers


Schlecht verteidigt, schwach gereboundet, viele Bälle unnötig hergeschenkt und unter dem Strich die siebte Niederlage im siebten Spiel kassiert. Die Mängelliste bei den Gießen 46ers, dem Tabellenletzten der Basketball-Bundesliga, ist nach der deprimierenden Pleite gegen die Niners Chemnitz lang. Der Eindruck, dass der Mannschaft derzeit die Qualität für das Oberhaus fehlt, hat sich noch einmal verstärkt. Vor allem am Brett und auf den Guard-Positionen muss etwas passieren.

Rolf Scholz, der am Mittwoch nach der Beurlaubung von Ingo Freyer die Mannschaft als Interimstrainer übernommen hat, muss angesichts des eng getakteten Terminplans an vielen Baustellen gleichzeitig arbeiten. Sportdirektor Michael Koch ließ schon vor der Partie gegen den Aufsteiger keine Zweifel daran, dass Scholz auch in den Begegnungen bis Anfang Januar die Verantwortung tragen wird - so lange hat der Polizeibeamte auch noch Urlaub. Wie es dann weitergeht, ist noch nicht besprochen. Wichtiger ist ohnehin, dass die Mannschaft schnell in die Spur findet und ein Signal im Abstiegskampf sendet. Im Interview spricht der 40-jährige Scholz über seine Eindrücke von seinem Debüt und wie er das Maximum aus der Mannschaft herausholen möchte.

Wie bewerten Sie mit etwas Abstand das Spiel gegen Chemnitz und was waren für Sie die Hauptgründe für die Niederlage?

Wir haben im Moment keine verlässliche Verteidigung. Da machen wir ganz viele Fehler, ganz viele grundsätzliche Sachen falsch. Für mich fängt das in der Eins-gegen-Eins-Verteidigung an. Es wird ja immer viel über Pick-an-Roll-Verteidigung geredet und andere taktische Dinge, das ist sicher auch ein Teil davon. Bei uns stimmen aber ganz viele Grundlagen im Eins-gegen-Eins nicht. Wir haben uns viel zu oft und zu leicht schlagen lassen. Auf allen Positionen. Es fehlen Automatismen, die wir erst wieder wecken müssen. Da haben wir versucht, daran zu arbeiten in den zwei Tagen vor dem Spiel. Ich habe auch vereinzelt gute Ansätze gesehen, aber wenn es stressig wurde auf dem Feld, wenn der Gegner ein Erfolgserlebnis hatte oder bei uns etwas nicht so gut gelaufen ist, dann sind wir wieder in solche alten Automatismen zurückgefallen. Und ich glaube, dass das auch menschlich ist, dass man das nicht von heute auf morgen umstellen kann. Uns ist bewusst, dass wir nicht viel Zeit haben und uns schnell weiterentwickeln müssen.

Gab es weitere Punkte?

Ein weiterer Punkt, den ich gesehen habe: Dass wir einfach nicht tough genug waren. Ich finde, wir haben nicht physisch genug gespielt. Wir sind nicht die größte Mannschaft, auch nicht das athletischste und körperlich stärkste Team, aber wir geben zu oft Positionen ab, ohne richtig dagegenzuhalten, ohne Körperkontakt zu suchen.

War es für Sie nicht erschreckend, wie dominant Chemnitz nach einem guten Start ihrere Mannschaft phasenweise war?

Ich finde, dass wir gut angefangen haben, nicht nur weil die Würfe gefallen sind, sondern weil wir uns auch an das gehalten haben, was wir uns vorgenommen hatten. Es ist doch klar, dass der Gegner irgendwann einen Run hat. Aber davon dürfen wir uns nicht aus der Bahn werfen lassen. Das hat auch mit Präsenz und Physis zu tun. Ich hatte phasenweise das Gefühl, dass wir da nicht aggressiv und nicht bedingungslos genug spielen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass in den stressigen Situationen jemand fehlt, der die Verantwortung an sich reißt. Das haben am Freitag nur Bjarne Kraushaar und Alen Pjanic getan. Gerade von den Amerikanern, insbesondere von Jonathan Stark, kann man sicher mehr Führungsqualität erwarten.

Absolut. Bjarne und Alen haben ein gutes Spiel gemacht, mit viel Energie, sie haben sehr mutig gespielt. Auch Brandon Thomas hat viel Verantwortung übernommen, gerade in der ersten Halbzeit. Aber es ist richtig, dass wir in der Breite des Kaders Spieler haben, die mehr Verantwortung übernehmen und mehr Leadership zeigen müssen, gerade Stark. Auch das muss man einfordern. Da ist er auch bereit zu. Er hat auch schon in der kurzen Saison ansatzweise gezeigt, dass er es kann. Aber das ist ganz klar die Erwartungshaltung, dass er ein Leader für uns ist. Auch auf den anderen Import-Positionen muss mehr kommen.

Wie können Sie das in kurzer Zeit hinbekommen?

Es ist wichtig, ein Rollenverständnis bei den Leuten zu wecken, ihnen klarzumachen, dass es nicht reicht, nur mitzuschwimmen. Es ist wichtig, mit jedem über seine Rolle zu reden und diese zu definieren, wenn sie bis jetzt noch nicht klar war. Die Jungs haben ja in der Vergangenheit gezeigt, dass sie gewisse Leistungen abrufen können. Das, war wir machen können, ist, dass wir aus jedem das Beste rausholen. Ich glaube wir sind noch nicht an dem Punkt, dass jeder seinen besten Basketball spielt.

Glauben Sie, dass die Qualität der Mannschaft ausreicht, um die Klasse zu halten?

Ich glaube, dass können wir erst bewerten, wenn jeder an seinem Maximum spielt. Das ist ein erster, ein sehr frischer Eindruck aus wenigen Tagen, da will ich es mir nicht anmaßen, zu urteilen: reicht oder reicht nicht. Was ich sagen kann: Die Qualität, die aktuell abgerufen wird, reicht nicht für die BBL.

Haben Sie mit Sportdirektor und Geschäftsführer Michael Koch schon über mögliche Nachverpflichtungen gesprochen?

Nein, in der kurzen Zeit noch nicht.

Wie arbeiten sie das Chemnitz-Spiel auf, zumal in den nächsten zwölf Tagen vier weitere Partien anstehen - die nächste am Mittwoch in Bonn?

Wir versuchen, das als Team gemeinsam nachzubereiten - auch mit Videoanalysen. Das war wohl bisher nicht üblich. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Element, dass wir den Jungs zeigen, wie sie wirken, wie sie spielen, um sich dann daraus zu verbessern. Ich führe auch viele Einzelgespräche, um die Spieler abzuholen. Die Fehler macht ja keiner mit Absicht. Ich gucke, woran es liegt, um so vielleicht die Stärken jedes Einzelnen besser herauszuarbeiten.

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