08. März 2021, 07:00 Uhr

Basketball-Bundesliga

Gießen 46ers: »Es ist so frustrierend!«

Die Gießen 46ers zeigen sich zwar verbessert, doch gegen Bonn setzt es eine 75:92-Heimniederlage. Einmal mehr sind die Mittelhessen dem Druck im Kampf gegen den Abstieg nicht gewachsen.
08. März 2021, 07:00 Uhr
46ers-Trainer Rolf Scholz leidet an der Seitenlinie. FOTO: FRIEDRICH

Gießen 46ers


Die Enttäuschung saß tief. Bei Trainer Rolf Scholz, bei den Geschäftsführern Stephan Dehler und Michael Koch - und auch bei den Spielern. 46ers-Kapitän Brandon Thomas trottete aus der Kabine, drückte den Kopf an die Wand und sagte: »Es ist so frustrierend!« Dann schulterte er seine Sporttasche und schlich zum Ausgang. Wie Recht der Basketball-Profi hatte nach der 75:92-Niederlage der Gießener am Samstagabend gegen die Telekom Baskets Bonn. Nach einer ordentlichen ersten Halbzeit, nach der die 46ers mit 42:44 zurückgelegen hatten, stand am Ende die 18. Niederlage im 22. Saisonspiel. Bis zur 35. Minute waren die Mittelhessen noch in Schlagdistanz, dann fielen sie auseinander und mussten den nächsten Rückschlag im Kampf um den Klassenerhalt in der Basketball-Bundesliga einstecken. Der Rückstand auf den Mitteldeutschen BC und den ersten Nichtabstiegsplatz beträgt weiter vier Zähler, allerdings hat der MBC zwei Spiele weniger bestritten.

Der Glaube schwindet

Rechnerisch ist der Verbleib im Oberhaus also weiter in Reichweite, doch der Glaube daran schwindet von Spiel zu Spiel. In puncto Einstellung und Kampf konnte man den 46ers am Samstag - anders als noch drei Tage zuvor beim MBC - diesmal keinen Vorwurf machen, aber wie sich die Gießener psychologisch aus ihrem tiefen Loch befreien können, ist ein große Rätsel, das die Verantwortlichen schnellstmöglich lösen müssen.

»In der ersten Halbzeit haben wir solide gespielt und sind in Schlagdistanz geblieben. In der zweiten Hälfte haben wir dann leider wieder den Faden verloren. Aus meiner Sicht aufgrund zu vieler Ballverluste und individueller Fehler. Das ist sehr ärgerlich und frustrierend, und ein Stück weit können wir es uns auch selbst nicht erklären«, sagte Scholz sichtlich gezeichnet nach der Partie. »Sicherlich hat es mit dem Druck zu tun und dem Abstiegskampf.«

Ein gutes Beispiel dafür ist Thomas. Dass er es noch kann, hat der Routinier schon bewiesen in dieser Saison. Zum Beispiel beim Sieg in Oldenburg vor rund vier Wochen, als er überragend war. Doch seit geraumer Zeit ist er im Tief und weiß wohl selbst nicht, wie er wieder rauskommen kann. Lange 23 Minuten gab ihm Scholz gegen Bonn die Gelegenheit, sich daraus zu befreien - vergebens. Am Ende blieb er wie schon in Weißenfels ohne Punkt, dafür standen gleich fünf Ballverluste für ihn in der Statistik. »Es ist so frustrierend.«

Für Sportdirektor Michael Koch ist der Abstiegskampf eine Frage der Psyche. »Wo stehen die Spieler mental?«, fragte er rhetorisch. »Wir brauchen mittlerweile einen Mentaltrainer. Wir kommen immer wieder in die gleiche Schleife. Du spielst einigermaßen in der ersten Halbzeit, das dritte Viertel ist sehr häufig so ein bisschen die Krux bei uns. Wenn wir schlecht aus der Kabine kommen oder zu viele Turnover machen, dann fängt da oben das Rattern wieder an. Und das ist etwas, was im Hochleistungssport viel, viel entscheidender ist als alles andere. Der Kopf ist oftmals entscheidend. Den Kopf wieder auf die Schultern zu bringen, ist wahrscheinlich unsere allergrößte Aufgabe.«

Die 46ers, die weiter auf Chad Brown und Issac Hamilton verzichten mussten, hatten gut begonnen gegen die Bonner, deren Trainer Will Voigt auf Benjamin Lischka verzichtete - der gebürtige Gießener stand an seiner alten Wirkungsstätte nicht einmal im Kader. Die Gießener verteidigten besser als zuletzt, zeigten Willen und Energie und gingen immer mal wieder in Führung. Zwar war die Dreierquote erneut dürftig, doch nach den Stationen 19:23 (10.) und 30:25 (14.) war die insgesamt zerfahrene Partie beim 42:44 zur Pause völlig offen.

Zwölf Ballverluste nach der Pause

»Wir haben eine gute erste Halbzeit gespielt«, stellten Ferdinand Zylka und Diante Garrett unisono fest. »Wir müssen das aber 40 Minuten aufs Feld bringen, nicht nur 25 oder 30 Minuten«, fügte Garrett an, der mit 20 Punkten bester Scorer seines Teams war. Zudem verteilte er sechs Assists - leistete sich aber auch vier Ballverluste. Und die waren das große Thema der zweiten Halbzeit. 18-mal schenkten die Gießener in dieser Partie den Ball her - allein zwölfmal in der zweiten Hälfte gegen eine nun variantenreichere und aggressivere Bonner Verteidigung. Und da waren Turnover dabei, die zum Verzweifeln waren. Gleich sechsmal verlor Center John Bryant (17 Punkte/12 Rebounds) die Kugel, der teilweise aber auch Anspiele auf Kniehöhe erhielt, die er kaum kontrollieren kann.

Mit jedem Ballverlust wuchs die Verunsicherung, das Rattern in den Köpfen der 46ers-Profis schien zu beginnen. Wenngleich sie nach einer 47:46-Führung (23.) und einem 54:63 (30.) bis zum 61:71 (35.) in Schlagdistanz waren. Doch es war niemand da, der in der Schlussphase noch einmal die Verantwortung und das Spiel an sich reißen und für eine Wende sorgen konnte.

»Wir funktionieren im Moment nicht als Mannschaft«, stellte Scholz resigniert fest. Er hat die schwierige Aufgabe, das in dieser Trainingswoche zu ändern und seine Spieler auch psychisch wieder aufzubauen für das Hessen-Derby am Samstag in Frankfurt. Vielleicht hilft den 46ers dabei die Erinnerung an den 75:74-Sieg im Hinspiel.

Im Stenogramm

Gießen: Stark (17, 4 Rebounds), Kraushaar (0, 3 Assists), Pjanic (4, 6 Rebounds, 4 Assists), Garrett (20, 6 Assists, 4 Ballverluste), Bowman (6, 5 Rebounds), Zylka (4), James (7), Thomas (0, 5 Ballverluste), John Bryant (17, 13 Reb., 2 Blocks, 6 Ballverluste).

Bonn: Hamilton (12, 8 Assists), Pollard (2), Thompson (5), Micovic (16), Hudson (11), Babb (20, 7 Reb.), DiLeo (7), Binapfl (6), Kratzer (10, 7 Rebounds), Philmore (10), Lukosius, De Oliveira.

Viertelergebnisse: 19:23, 23:21, 12:19, 21:29.

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