Lokalsport

Gießen 46ers: Aufstehen und kämpfen

Nach sieben Niederlagen sind die Gießen 46ers am Mittwoch in Bonn und am zweiten Weihnachtstag in Bayreuth gefordert. Es droht der schlechteste Saisonstart der Klubgeschichte.
23. Dezember 2020, 12:00 Uhr
Sebastian Kilsbach
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Heute Abend gilt’s wieder für die Gießen 46ers. In Bonn wollen Jonathan Stark und seine Kollegen im achten Anlauf den ersten Saisonsieg in der Basketball-Bundesliga einfahren. FOTO: BERGMANN

Rolf Scholz ist ein versierter Trainer. Die Rackelos, das Farmteam des Basketball-Bundesligisten, führte er dreimal in Folge souverän in die Playoffs. In der unsteten dritten Liga ProB ist das keine Selbstverständlichkeit.

Doch der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Beginnend mit den Vorgesprächen in der Sommerpause bis zum letzten Pflichtspiel verfolgt der hauptberufliche Polizist eine genaue Philosophie. Die kleinen Schritte sind Scholz wichtig, die behutsame Entwicklung im Saisonverlauf. Nicht zuletzt deswegen kritisierte er im Oktober, dass die ProB trotz Pandemie weiterläuft. Unter diesen Voraussetzungen sei ein solcher Prozess nicht möglich.

Hoffen auf den »Rackelo-Effekt«

In der BBL laufen die Dinge - so würde man erwarten - etwas anders. Der Verein hofft jetzt auf einen »Rackelo-Effekt«. Fakt ist aber: Gehen auch die Partien gegen Bonn am Mittwoch (20.30 Uhr) und Bayreuth (2. Weihnachtsfeiertag, 20.30 Uhr/jeweils live bei MagentaSport) verloren, droht den 46ers wohl der schlechteste Saisonstart der Vereinsgeschichte. 2006 wurden die ersten acht Partien verloren - schon am zweiten Weihnachtsfeiertag könnten es nach dem Spiel in Oberfranken neun sein.

»Für uns wird es darum gehen, über 40 Minuten Intensität zu zeigen und konzentriert zu spielen«, erklärt Scholz. Ein Spiel bis zum Ende offenzuhalten, sei das Ziel: »Wir wollen nichts herschenken.« Wegen der Menge an Baustellen ruht der Fokus dabei weniger auf den beiden Kontrahenten als vielmehr auf dem eigenen Team.

Eine dieser Baustellen ist die mangelnde Kondition. Das Run-&-Gun-System seines Vorgängers Ingo Freyer mag bei den Fans unbeliebt sein. Schwerer wiegt aber, dass die Mannschaft gar nicht darauf ausgelegt ist. So haben die 46ers ein stückweit das Schlechteste aus beiden Welten. »Ich glaube, dass wir insbesondere mit der hohen Belastung dahin kommen müssen, tiefer zu rotieren und die Kräfte zu verteilen. Das hat schon mit der Kondition zu tun, ist gerade mit der engen Taktung aber schwierig«, sagt Scholz.

Die enge Taktung erstreckt sich nicht nur auf die Weihnachtspartien. Vier Spiele in elf Tagen warten auf die Mittelhessen, nach Bonn und Bayreuth geht es gegen Frankfurt (30. Dezember) und Göttingen (2. Januar). Dies sei einerseits gut, da die Spieler immer aufs Neue die Chance bekämen, um sich zu beweisen. Andererseits »würde uns eine reguläre Trainingswoche guttun, um Abläufe zu testen, Routine auf beiden Seiten des Feldes zu bekommen. Aus Trainersicht wäre es mir lieber, wenn es mehr Zeit gäbe.«

Bonn bringt PS noch nicht auf den Boden

Dass diese in den Vorwochen und Monaten ohne echte Verbesserung vorbeizog, ist die Hypothek, mit der der Verein jetzt umgehen muss. Für eine behutsame Entwicklung ist eigentlich keine Zeit. Als »Feuerwehrmann« musste Scholz in der ProB nie agieren, obgleich die Licher BasketBären in seinem ersten Jahr als Zweitligatrainer bis zuletzt um den Klassenerhalt kämpften - erfolgreich. Zusätzlicher Druck kommt durch die Tatsache hinein, dass alle Gegner der kommenden zwei Wochen unter normalen Umständen in Schlagdistanz wären. »Bonn und Bayreuth sind renommierte Programme und haben viel Qualität, gerade Bonn«, erklärt Scholz: »Die PS haben sie aber noch nicht aufs Parkett gekriegt.« Die Baskets konnten immerhin einen Sieg einfahren - allerdings gegen Vechta, das neben Gießen letzte Team noch ohne Punkte. Bonn hatte schon im Vorjahr große Probleme, die eigenen Stärken auszuspielen. Für Thomas Päch - nun übrigens Trainer in Vechta - kam Igor Jovovic, der vor dem Duell mit den 46ers auf der Homepage der Baskets zitiert wird: »Wir müssen verhindern, dass sie ins Laufen kommen, den Rebound kontrollieren und unsere Vorteile unter dem Korb ausspielen.«

Die Diskrepanz zwischen eigentlicher Qualität und Realität wurde selten deutlicher als zuletzt gegen Bamberg. Zur Halbzeit führte Bonn souverän mit 41:27. Es folgte ein 7:24-Debakel im dritten Viertel, Bamberg siegte am Ende souverän. Zum Team zählen wie in den Vorjahren die beiden Ex-Gießener TJ DiLeo und Benjamin Lischka, die aber underperformen. Topscorer ist Strahinja Micovic mit gut 13 Punkten.

Wiedersehen mit Matt Tiby

Bei Bayreuth steht mit Matt Tiby ebenfalls ein alter Bekannter aus Gießener Tagen auf dem Feld. Der Forward zählte zu den positiven Erscheinungen des Vorjahres und verbucht an neuer Wirkstätte zwölf Punkte bei etwas mehr als vier Rebounds. Die Kernrotation der Franken ist im Vergleich zu Bonn deutlich kleiner, aber schlagkräftig. Im Pokal schockte das von Raoul Korner gecoachte Team den FC Bayern - in der Vorrunde hieß es 95:89.

In der Liga konnten vor dem Duell gestern Abend gegen Würzburg die Teams aus Bonn, Vechta und Weißenfels bezwungen werden: allesamt Mannschaften aus dem unteren Tabellendrittel. Bayreuth weiß also, wie man den Favoritenstatus ausspielt. Auf die 46ers wartet ein hartes Stück Arbeit.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/giessen-46ers-aufstehen-und-kaempfen;art1434,718011

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