04. März 2021, 22:39 Uhr

Frontalangriff auf die GmbH

»Schwarzgeld, Gläubiger- benachteiligung, bewusste Täuschung«: Notvorstand Turgay Schmidt vom FC Gießen klagt die »FCG Offensive GmbH« an und erklärt, dass sie den Fußball-Regionalligisten kurz vor das Aus befördert habe. Diese will sich erst später äußern.
04. März 2021, 22:39 Uhr
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Von Sven Nordmann
Präsentierte am Donnerstag Teil eins der Aufarbeitung: Der Notvorstand des FC Gießen, Turgay Schmidt. FOTO: WIßNER

Es war ein außergewöhnlicher, denkwürdiger Vortrag, der in seiner Reich- und Tragweite einmalig ist in den letzten Jahrzehnten Gießener Fußballgeschichte: Der Notvorstand des FC Gießen, Turgay Schmidt, hat am Donnerstag die »FCG Offensive GmbH« mit ihren Gesellschaftern Markus Haupt, Kai Braun, Salvatore Cuneo und Marcel Roscher angegriffen und ihr öffentlich vorgehalten, Gelder am Verein vorbeigeführt und dem FC Gießen »massiv geschadet« zu haben.

»Zeitweise waren alle Konten des Vereins gepfändet. Es gab mehrere Vollstreckungsbescheide. Der Verein wurde von der GmbH sukzessive ausgeblutet. Der Schaden liegt deutlich über den 350 000 Euro an Sponsorengeldern, die dem Verein zugestanden hätten, aber von der GmbH am Verein vorbeigeführt wurden«, erklärte der im Oktober 2020 vom Amtsgericht als Notvorstand eingesetzte Schmidt.

»Die GmbH hat von Januar 2020 bis November 2020 die Geschäfte der Regionalliga-Mannschaft geführt. Es gab allerdings zu keinem Zeitpunkt eine rechtliche Grundlage für die GmbH, in die Belange des FC Gießen e.V. einzugreifen.«

Der Verein sei im Jahr 2020 in eine Situation geführt worden, »in der er kurz vor dem Aus stand. Das Problem sind nicht die viel zitierten Jörg-Fischer-Sachen, sondern das Jahr 2020 und das Handeln der GmbH. Wir müssen davon ausgehen, dass auch Schwarzgeld geflossen ist«, sagte Schmidt.

Der Rechtsanwalt ging in der Pressekonferenz im Waldstadions auf verschiedenste Handlungen der FCG Offensive GmbH ein, von der er Gesellschafter Marcel Roscher ausklammerte. »Er war lediglich Geldgeber. Während der Rest der GmbH blockiert, hilft er.«

Die GmbH selbst will sich mit etwas zeitlichem Abstand zum Themenkomplex äußern.

Das Auftreten der GmbH: Die FCG Offensive GmbH um Braun, Haupt und Co. übernahm bereits im Januar 2020 die Geschäfte der Regionalliga-Mannschaft und eröffnete ein Treuhand-Konto. Einzahlungen der Gesellschafter von jeweils 50 000 Euro und weiteren 45 000 Euro von externen Personen wurden später dem Konto der GmbH, die offiziell seit April 2020 bestand, zugeführt. Eine rechtliche Grundlage für das Handeln habe es nie gegeben, Spielrechte und Lizenz lagen beim Verein.

Das Vorbeileiten der Gelder: Sponsorengelder für die neue Saison 2020/21 in Höhe von rund 350 000 Euro wurden laut Schmidt von der GmbH ohne rechtliche Grundlage vereinnahmt. »Zwei Mitarbeiter wurden als Angestellte von der GmbH installiert. Die Marketingabteilung kostete rund 6 000 Euro brutto im Monat. Bei den Tätigkeiten ist festzustellen, dass der Anschein erweckt wurde, die Mitarbeiter würden für den Verein arbeiten.« Der GmbH sei es angesichts der gepfändeten Vereinskonten darum gegangen, »die Sponsorengelder nicht dem Verein, sondern der GmbH zuzuführen.«

»Die Sponsoren wurden aufgefordert, neue Sponsorenverträge abzuschließen. Diese Verträge wurden unter Verwendung des Vereinslogos des FC Gießen abgeschlossen. So wurde der Anschein erweckt, dass der Sponsor einen Vertrag mit dem FC Gießen e.V. abschließt. Tatsächlich aber tauchte als Vertragspartner die FCG Offensive GmbH auf, ohne eine Gegenleistung bieten zu können.«

Der Rechtsanwalt führte fort: »Zwei Sponsoren machten dieses Agieren nicht mit. Eine große Gruppe und ein Jurist forderten Kai Braun und Co. auf, die rechtliche Grundlage vorzulegen. Da dies nicht geschehen konnte, beteiligten sich die Sponsoren nicht. Ein Nachweis für die Verwendung der Gelder konnte die GmbH bis heute nicht vorweisen. Dem Verein sind durch das Handeln der GmbH erhebliche Schäden entstanden.«

»Bewusste Gläubigerbenachteiligung«: Die GmbH habe die gesamten Zahlungen an die Berufsgenossenschaft für 2020 nicht übernommen, erklärte Schmidt. »Krankenkassen-Forderungen in fünfstelliger Höhe wurden ignoriert. Steuerforderungen des Finanzamts wurden nicht bedient.« Das sei eine »bewusste Gläubigerbenachteiligung, auch gegenüber öffentlichen Gläubigern. Jeder Arbeitgeber muss Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer übernehmen. Es ist nicht normal, nur das Gehalt der Mannschaft zu zahlen und alles andere zu ignorieren. Das sollte bekannt sein.«

Der Notvorstand habe so in den letzten Wochen mit vielen Menschen sprechen müssen, »deren Leistungen für den Verein nicht bezahlt wurden. Das waren keine einfachen Gespräche. Allein die Berufsgenossenschaft hat eine Forderung in Höhe von 130 000 Euro gegenüber dem Verein geltend gemacht.«

Weitere offene Forderungen: Der Hessische Fußballverband habe das Passwesen für den FC Ende des Jahres gesperrt, »weil rund 10 000 Euro an offenen Posten nicht gezahlt wurden«. Forderungen der Regionalliga Südwest GbR für die Saison 2020/21 seien unbezahlt geblieben.

Weitere Kritikpunkte: Turgay Schmidt erklärte, dass es nie einen Ausrüstervertrag mit Jako gegeben habe. »Zahlungseingänge der Verkäufe beim Verein beispielsweise für die Ausstattung der Jugend gab es nicht. Diese Gelder für den Verkauf der Bekleidung floßen ausschließlich auf das Konto der Firma Printline (Inhaber Offensive--Gesellschafter Salvatore Cuneo, Anm. d. Red.). Eine Abrechnung bzw. Quittung gegenüber den Eltern hat es nach unseren Recherchen nicht gegeben. Dem Verein wurde massiv geschadet.«

Der Notvorstand kam auch auf die Spendenaktion mit dem Evangelischen Krankenhaus zu sprechen. »Auch Spendengelder wurden an die GmbH weitergeleitet. Belege konnten wir nicht feststellen. Eine Kapitalgesellschaft ist überhaupt nicht befugt, Spendengelder in Empfang zu nehmen. Das ist eine gesetzliche Vorschrift. Der einzige, der Spendengelder in Empfang nehmen darf, ist der Verein.«

Jörg Fischer wird von Schmidt gelobt

Finanzierung der Saison 2020/21 stand »nie fest«: Die Saison 2020/21 wurde gestartet, ohne jemals ein ausreichendes Budget zur Verfügung zu haben, erklärte Schmidt. »Trotzdem wurde von der GmbH der Eindruck erweckt, die Saison sei finanziell abgesichert. Dabei zeichnete sich schon im Oktober 2020 eine Zahlungsunfähigkeit ab. Spieler und Vermittler wurden bewusst getäuscht.«

Die Folgen für die Gesellschafter: Harmlos erscheint das derzeit geprüfte Vereinsauschlussverfahren gegen Markus Haupt und Dr. Kai Braun. Auf die Frage, welche rechtlichen Konsequenzen das Agieren der Gesellschafter habe, antwortete Schmidt: »Die Bewertung müssen andere Institutionen vornehmen. Die Erkenntnisse liegen dem Amtsgericht vor.« Der Notvorstand erklärte, dass weitere Ermittlungen laufen, eine Anzeige wurde nicht ausgeschlossen.

Der Notvorstand lobt Jörg Fischer: Bauunternehmer Jörg Fischer, der den FC Gießen durch sein Engagement hervorgebracht hatte und sich im Oktober 2019 als Geschäftsführer zurückzog, wurde von Turgay Schmidt gelobt. »Die Person Jörg Fischer ist nicht nur kooperativ, sondern auch hilfsbereit. Das wirtschaftliche Engagement von ihm ist weitaus höher als landläufig bekannt. Jörg Fischer übermittelte die angefragten Unterlagen, er arbeitet mit mir zusammen. Er ist maßgeblich an der finanziellen Rettung und dem Schuldenabbau beteiligt.«



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