16. Februar 2021, 12:00 Uhr

Fußball ZUR PERSON

Ernst-Rudolf Schmidt: »Der Respekt fehlt«

Zweikampf. Auf einem Fußballplatz irgendwo in der Region. Der Abwehrspieler kommt zu spät, trifft den Stürmer. Ein Schrei, ein Pfiff: Rote Karte. Wer entscheidet, wie der Sünder bestraft wird?
16. Februar 2021, 12:00 Uhr
Ernst-Rudolf Schmidt

Ernst-Rudolf Schmidt ist Fußballer mit Leib und Seele. Und das ist der Laubacher auch nach seiner aktiven Zeit geblieben. Seit 2008 ist er im Fußballkreis Gießen Einzelrichter und zuständig für die G- bis C-Junioren. Zudem ist er Beisitzer am Kreissportgericht. Ein Gespräch über ehrenamtliches Engagement, mangelnden Respekt und über die Wahrheit, die nicht immer nur auf dem Platz zu suchen ist.

Herr Schmidt, wie wird man Einzelrichter?

Ich war nach meiner aktiven Zeit Jugendtrainer und im Kreisjugendfußballausschuss tätig. Berufsbedingt wollte ich hier ein wenig kürzertreten. Da kam Kreisjugendwart Jürgen Jung auf mich zu und fragte, ob ich vielleicht Einzelrichter für G- bis C-Junioren machen möchte. Und zwar mit den Worten: »Da hast du nicht so viel zu tun (lacht).«

Es kam anders?

Im ersten Jahr kam ein Spielbericht nach dem anderen reingeflattert. Ich musste 67 Urteile fällen. Das war absoluter Rekord. Jürgen Jung und ich lachen heute immer noch über seine Worte von damals. Eigentlich hätte ich einen Assistenten gebraucht.

Zur Ergänzung: Vor der Zeit der Einzelrichter wurden solche Fälle von den jeweiligen Klassenleitern bearbeitet. Im Fußballkreis Gießen sind aktuell sieben Einzelrichter tätig. Dazukommt das Kreissportgericht, das seit 2020 von Karsten Kostka geleitet wird.

Was landet denn so alles auf Ihrem Schreibtisch?

Im Normalfall sind es so um die 30 Urteile, die ich pro Saison zu fällen habe. Bei einem Drittel sind es Geldbußen, weil Mannschaften oder Schiedsrichter nicht gekommen sind. Oder weil Spieler nicht regelkonform eingesetzt wurden. Ein Drittel betrifft Platzverweise wegen Foulspielen und ein Drittel wegen Beleidigungen zum Beispiel des Schiedsrichters.

Nimmt Letzteres zu?

Ja, ganz deutlich. Das war früher eher eine Seltenheit. Nun sind es Spieler, Trainer, Betreuer oder auch die Eltern, die sich unflätig benehmen. Das macht mir große Sorgen. Es ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft - und das zieht sich durch alle Bevölkerungsgruppen. Die Hemmschwelle existiert fast nicht mehr, der gegenseitige Respekt und der Anstand fehlen. Und wir reden hier von E- oder D-Junioren. Die Brutalität im Spiel hat ebenfalls zugenommen, obwohl man sagen muss, dass es in Mittelhessen noch relativ gesittet zugeht.

Ab wann sind nicht mehr Sie, sondern das Kreissportgericht zuständig?

Generell bei allen Arten von Spielabbrüchen. Wenn zum Beispiel ein Schiedsrichter tätlich angegriffen wurde. Ausschreitungen mit mehreren Personen gehen ebenfalls an das Sportgericht. Solche Fälle werden in der Regel von den Einzelrichtern entsprechend weitergeleitet.

Bei den G- und bei den F-Junioren wird in Fair-Play-Ligen gespielt. Das bedeutet: kein Schiedsrichter, die Kinder entscheiden selbst. Zudem müssen die Zuschauer einen größeren Abstand zum Spielfeld einhalten. Entsprechend dieser Vorgaben gibt es in diesen Ligen für den Einzelrichter Schmidt auch weniger zu tun.

Die Kinder werden früh an den Fair-Play-Gedanken herangeführt. Wie sieht es in dieser Beziehung mit Trainern, Betreuern und Eltern aus?

Da herrscht teilweise noch Nachholbedarf. Man darf sich nichts vormachen: Es geht immer ums Gewinnen. Auch bei den Kleinsten. Das Problem ist, dass die Erwachsenen es dem Nachwuchs oft genug vormachen, wie man sich nicht benehmen sollte. Teilweise können sich die Mädchen und Jungs nicht mehr auf das Spiel konzentrieren, weil sie nur noch das Gebrüll von draußen wahrnehmen. Das ist traurig. Die Kinder müssen im Vordergrund stehen, Spaß am Spiel haben.

Die Einzelrichter sind bei der Beurteilung der Fälle auf die Angaben des Schiedsrichters angewiesen. Der muss möglichst genau beschreiben, was auf dem Platz passiert ist. Also nicht nur: »Tätlichkeit«. Sondern: »Spieler schlug Gegenspieler mit der Hand ins Gesicht.« Der Einzelrichter beurteilt dann, ob es eine Tätlichkeit war.

Sie sind auch Beisitzer beim Kreissportgericht, sind also auch bei den »Erwachsenen« dabei. Sie kennen wahrscheinlich Ihre Spezialisten...

Ich war ja auch Jugendtrainer. Und die, die in der Jugend schon auffällig waren, die sind es nachher auch als Erwachsene. So manche Akteure sieht man bei solchen Verhandlungen halt öfter als andere (lacht).

Was hat sich bei den Aktiven im Laufe der Zeit verändert?

Die Zahl der Verhandlungen ist schon deutlich nach oben gegangen. 2018 war rekordverdächtig. Es ist wie bei den Jugendlichen: Die Hemmschwelle sinkt, Anstand und Respekt fehlen.

Was würde Sie sich für eine solche Verhandlung wünschen?

Dass einer mal sagt: »Jawoll, es war genau so, wie es der Schiedsrichter gesagt hat. Ich habe Mist gebaut, es tut mir leid.« Das habe ich noch nie erlebt. Ein Beispiel: Ausschreitungen, jeder Verein schickt fünf Zeugen und jeder erzählt bis auf das Komma genau dasselbe. Da wird es mit der Wahrheitsfindung natürlich schwierig.

Und die Schiedsrichter sind die Hauptleidtragenden...

Die sind in vielen Situationen die ärmsten Schweine, um es einmal deutlich zu sagen. Unser Kreisschiedsrichterausschuss kümmert sich wirklich sehr um den Nachwuchs. Aber es ist schwierig. Wenn ein Jungschiedsrichter bei seinem ersten Einsatz gleich niedergemacht wird, dann überlegt er es sich zweimal, ob er sich das weiter antut. Den Schiedsrichtern muss mehr Respekt entgegengebracht werden, denn ohne sie geht es nicht. Wenn sich jeder ein wenig zurücknimmt, entstehen viele Probleme im Fußball erst überhaupt nicht. FOTO: UDO

Ernst-Rudolf Schmidt aus Laubach-Röthges ist in seiner aktiven Zeit für den SV Queckborn, für Trais-Horloff und für Wetterfeld aufgelaufen. Danach war er 20 Jahre Jugendtrainer und seit 1991 für den Kreisjugendfußballausschuss tätig. Der 58-Jährige ist Leiter des Beratungsteams der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Gießen.

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