17. Februar 2021, 12:00 Uhr

»Eine tolle, eine geile Zeit«

Blickt man zurück auf die 75-jährige Geschichte des heimischen Fußballs, dann gehört Ottmar Wagner zu den bekanntesten und erfolgreichsten Akteuren. Der Stürmer spielte acht Jahre für den VfB 1900 Gießen und gewann1983 mit der Hessenauswahl den Länderpokal.
17. Februar 2021, 12:00 Uhr
Die Hessenauswahl mit Ottmar Wagner (hintere Reihe, 4. v. l.) auf dem berühmt-berüchtigten Hartplatz von Malta, wo die DFB-Elf 1979 in der EM-Qualifikation nur ein 0:0 erreichte.

Der VfB 1900 Gießen polarisierte Fußball-Mittelhessen. Viele hielten es mit dem Klub, aber auch nicht wenige pflegten eine Art Hassliebe. Das altehrwürdige Waldstadion, der Spielstätte des VfB 1900, war bei Heimspielen Treffpunkt der Fußball-Interessierten. Mehr als drei Jahrzehnte, genau 31 Jahre, war der VfB 1900 das Aushängeschild der Fußballregion. Sportliche Heimat war die Oberliga Hessen, ehe 1982 der Abstieg in die damalige Landesliga folgte. Bis in die 1990er Jahre spielte der Verein stellenweise vor mehreren Tausenden Zuschauern. Schließlich aber war der sportliche Niedergang nicht mehr aufzuhalten. So kam 2018 das Aus für die Fußball-Abteilung des VfB 1900 Gießen, die nach dem Zusammenschluss mit dem SC Teutonia Watzenborn-Steinberg im FC Gießen aufging. Einer, der die wechselvolle Geschichte des VfB 1900 Gießen als Spieler und später als Beobachter miterlebt hat, ist Ottmar Wagner. Der Stürmer zählte in den 1970er und 1980er Jahren zu den Besten in Hessen. Mit der Hessenauswahl gewann er 1983 den Länderpokal. Die Auswahlteams dienten in den 1970er Jahren bis Anfang der 1990er Jahre vielen Spielern als Sprungbrett in den Profi-Fußball. Wir haben mit dem 66-Jährigen gesprochen - über den heimischen Fußball in dieser Zeit.

Herr Wagner, wie sind Sie zum Fußball gekommen?

Ich habe im Alter von zwölf Jahren bei meinem Heimatverein VfB Altenvers begonnen - damals bei der A-Jugend. Denn darunter gab es keine Mannschaft. Außerdem musste ich mich entscheiden. Entweder sonntags Konfirmandenunterricht oder Fußball. Die Wahl fiel mir leicht (lacht).

Wie war der Fußball in der 1970er und 1980er Jahren - und wie hat er sich verändert?

Viele Mannschaften sind über das Laufspiel und Kampf gekommen. Einsatz und Bereitschaft waren das A und O. Für Stürmer wie mich war klar, du bekommst in jedem Spiel vielleicht drei, vier Chancen - und da musst du da sein. Zu der Zeit wurde noch mit Manndeckern und Libero gespielt, das war heftig. Du hattest als Stürmer immer einen Gegenspieler bei dir. Heute wird im Raum verteidigt, die Angreifer haben so mehr Möglichkeiten. Man hatte aber damals im Spiel insgesamt mehr Zeit, beispielsweise den Ball anzunehmen, um dann zu entscheiden, was man als Nächstes macht. Heute ist Ballan- und -mitnahme eine Bewegung. Das Spiel ist viel schneller und athletischer geworden.

Nach Ihrer Station im Senioren-Bereich beim FSV Cappel folgte der Wechsel zum Oberligisten KSV Hessen Kassel. Von 1977 bis 1979 spielten Sie in Nordhessen, dann ging es zum VfB 1900 Gießen, für den Sie bis 1984 spielten. Wie war der Fußball dort?

Es war eine sehr schöne Zeit, vor allem beim VfB 1900 Gießen. Dazukamen ja auch die Spiele mit der Hessenauswahl. Vor allem die Kameradschaft war damals einfach anders. Das betrifft auch die sogenannte dritte Halbzeit. Die diente dazu, dass man sich mit seinen Mitspielern unterhält, auch private Dinge austauscht, dass Beziehungen aufgebaut wurden. Ab und an kam es natürlich vor, dass man nach dem sechsten oder siebten Bier zu der Meinung kam, dass ein schlechtes Spiel eigentlich ein gutes war. Sportlich waren natürlich Spiele beispielsweise gegen den KSV Hessen Kassel oder auch den FSV Frankfurt Highlights. Diese Partien waren überall Gesprächsthemen. Der Fußball hatte insgesamt einen höheren Stellenwert.

Sie sprechen von Kameradschaft, dass dies zu Ihrer Zeit anders war. Wie beurteilen Sie das heute?

Es hat sich so viel verändert. Am Ende meiner Trainerzeit bei der TSG Wieseck war es praktisch die Regel, dass die Spieler nach dem Training oder Spiel erst mal ihr Handy oder später ihr Smartphone rausgeholt haben. Der gegenseitige Austausch ist immer weniger geworden, alles ist schnelllebiger geworden.

In den 80er Jahren rückten im Fußballkreis Gießen auch Vereine wie der TSV Utphe oder etwas später der SV Langd in den Fokus. Waren diese beiden Konkurrenz für den VfB 1900?

So schnell wie diese hochgekommen sind, sind sie auch wieder verschwunden. Es muss alles mitwachsen, der Verein, das Umfeld, die Infrastruktur. Das ist nicht passiert. Eine echte Konkurrenz war das für den VfB 1900 nicht.

Wenn Sie zurückblicken, was waren Ihre persönlichen Highlights?

Natürlich die Zeit beim VfB 1900 Gießen. Ich hatte in dieser Zeit Angebote von anderen Vereinen, aber ich habe mich in Gießen sehr wohlgefühlt. Aber auch die Spiele mit der Hessenauswahl waren besonders. Ich will diese Zeit nicht missen. Ich habe viele vernünftige Menschen kennengelernt. Es war eine tolle, eine geile Zeit. Wir haben 1983 den Pokal gewonnen (2:1 gegen Schleswig-Holstein, Anm. d. Red.), das war ein großer Höhepunkt. Wir sind dann vom DFB zu einer China-Reise von Peking bis nach Shanghai samt Freundschaftsspielen eingeladen worden. Wir haben stellenweise vor 30 000 oder 40 000 Zuschauern gespielt. Bei einer Partie hätten die Verantwortlichen in China sogar 300 000 Karten verkaufen können. Ein Wahnsinn! Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Und wir haben auch auf dem berüchtigten Hartplatz von Malta gespielt. Jener Platz, auf dem die deutsche Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation 1979 nur zu einem 0:0-Unentschieden gekommen war. Der Platz war furchtbar.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Das war ganz sicher unser Auswahltrainer Bernd Stöber. Von ihm habe ich am meisten gelernt. Er wusste, wie man mit Spielern umgeht. Das hat sich auch nicht verändert. Fußball ist viel Psychologie.

In der 1980er Jahren haben mehrere Bundesligisten in Mittelhessen gespielt. Unter anderem der 1. FC Köln oder auch Borussia Dortmund. Welcher damalige Profi hat Sie am meisten beeindruckt?

Das war zweifelsohne Klaus Allofs. Er war unglaublich gut, ein Ausnahmespieler.

Und beim VfB 1900 Gießen - wer war für Sie da der beste Spieler?

Jürgen Reichel. Er hat alles mitgebracht. Er war schnell, zweikampfstark, kopfballstark und hatte ein unglaubliches Spielverständnis. Es war egal, ob er in der Abwehr oder im Sturm gespielt hat.

Sie haben nach Ihrer Laufbahn auch ab 1987 als Trainer gearbeitet. Wie verändert sich der Fußball, wenn man »auf der anderen Seite« steht?

Das Ganze dreht sich um 180 Grad, aber die Umstellung geht relativ schnell. Und ich muss sagen, dass ich bei allen Vereinen mit der Mannschaft Spaß gehabt habe und mit einigen Teams Aufstiege gefeiert habe. Das waren gute Zeiten.

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