Lokalsport

Dr. Scheuch: »Im Freien steckt man sich nicht an«

Während die Politik für den Sport nur langsame Öffnungsschritte vorsieht, geht Dr. Gerhard Scheuch weiter. »Ich würde alle Sportarten im Freien sofort wieder erlauben«, sagt der Aerosolforscher.
11. März 2021, 12:00 Uhr
Redaktion
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An der frischen Luft: Neben Joggern hoffen auch andere Sportler auf schnelle Lockerungen. FOTO: IMAGO

Für den 65-Jährigen aus Gemünden/Wohra ist klar: »Im Freien steckt man sich nicht an.« Daraus folgt für ihn: »Wir sollten alles tun, damit sich die Menschen im Freien aufhalten. Sport im Freien ist optimal.«

Herr Scheuch, Sie haben gesagt: »Ich würde den Sport im Freien sofort komplett wieder öffnen.« Damit dürften Sie vielen Sportvereinen aus der Seele gesprochen haben…

Ich würde alle Sportarten im Freien sofort wieder erlauben - egal ob Kontakt- oder Nichtkontaktsportarten. Im Freien steckt man sich nicht an. Es gibt nur eine Situation im Freien, wo man sich anstecken kann: Wenn zwei Menschen 15 Minuten dicht zusammenstehen und sich unterhalten. Ich sage immer: Wenn sie in der Aerosolwolke des anderen stehen. Das ist im Sport aber nicht der Fall. Da gibt es höchstens Sekundenkontakte. Leider hört da die Politik nicht auf uns.

Komplett erlauben heißt nicht nur Training mit Abstand, sondern Training ohne Einschränkungen und Wettkampfbetrieb?

Natürlich. Im Freien passiert nichts. Letztes Jahr hat man noch geglaubt, Übertragungen könnten durch Schmierinfektionen stattfinden. Inzwischen weiß man, dass die Viren nur durch Einatmen in die Atemwege gelangen. Und man braucht eine gewisse Dosis, damit man sich ansteckt. Das geht nur, wenn man engen Kontakt über längere Zeit hat oder sich in Innenräumen aufhält. Im Freien konzentriert sich das Aerosol nicht, es verfliegt sofort, verdünnt sich und wird ungefährlich. Und: Viren können UV-Licht nicht vertragen. Deswegen sage ich: Wir sollten alles tun, damit sich die Menschen im Freien aufhalten. Sport im Freien ist optimal.

Höre ich heraus, dass die ganzen Hygienemaßnahmen, wie Geräte und Bälle regelmäßig zu desinfizieren, nichts bringen?

Das bringt überhaupt nichts. Diese Maßnahmen kann man einstellen. Covid-19 ist keine Schmierinfektion, sondern eine Atemwegserkrankung. Ich muss das Virus in die Atemwege befördern, um mich anzustecken. Wie soll das mit der Hand passieren?

Gehen Ihnen die Lockerungen für den Sport nicht weit genug?

Sie gehen nicht weit genug. Die Lockerungstabelle beginnt ja für den Sport erst in der dritten Stufe. Das ist zu spät, warum warten wir so lange?

Wurde dem Sport bislang zu wenig Beachtung seitens der Politik geschenkt?

Natürlich. Lockerungen im Freien sollte es sofort geben. Wenn ich zum Beispiel eine Maßnahme aus Hamburg höre, dass Leute beim Joggen eine Maske tragen müssen, da fasse ich mir an den Kopf. Wenn die Maßnahmen zu absurd werden, dann werden die Leute sagen: Die spinnen doch. Ich bin kein Corona-Leugner. Corona ist eine schwerwiegende Sache. Aber Corona ist ein Innenraumproblem. Dort finden die Übertragungen statt.

Sollten auch Zuschauer zu Wettkämpfen zugelassen werden?

Absolut. Man hat ja in der Bundesliga gesehen, dass es da im Herbst wenig Ansteckungen gab. Problematisch war zum Beispiel die Anreise, im Stadion selbst ist nichts passiert. Auch im Amateursport ist das problemlos, wenn man Abstand einhält.

Und was ist mit Vereinsheimen, Umkleiden und Toiletten?

Da muss man darauf achten. Das sind die Bereiche, wo es ein Infektionsrisiko gibt. Man sollte zu Hause duschen, nicht im Vereinsheim. Toiletten müssen zum Beispiel sehr gut belüftet sein. Geht dies nicht, würde ich verpflichtend Raumluftfilter einbauen lassen. Wenn ein Infizierter beispielsweise auf die Toilette geht und die ist nicht gut belüftet, stecken sich andere an.

Der Sport war im Sommer und Herbst nachweislich kein Infektionsschwerpunkt. Trotzdem hat man im November alle Sportanlagen geschlossen, nicht mal Joggen auf der Tartanbahn war möglich. War das verhältnismäßig?

Nein. Ich habe auch Gutachten für die Skilifte in Willingen geschrieben. Die hatten ein vernünftiges Konzept. Skilifte hätte man öffnen müssen. Man muss seitens der Politik alles tun, um die Leute zu motivieren, ins Freie zu gehen. Solange sie sich in Innenräumen aufhalten, stecken sie sich an. Das ist ja auch der Grund, warum wir im Winter mehr Infektionen haben. Das Wort Ausgangssperre sollte übrigens im Wortschatz der Politiker keinen Platz haben. Denn das Wort Ausgangssperre signalisiert ja: Achtung, draußen ist es gefährlich, bleib lieber zu Hause. Aber gerade da steckt man sich an. Und das verstehe ich als Wissenschaftler nicht.

Warum hört man auf Wissenschaftler wie Sie nicht?

Ich weiß es nicht. Wir Aerosolforscher waren vielleicht zu lange ruhig und haben uns nicht zu Wort gemeldet. Es kamen oft nur Mediziner und Virologen zu Wort. Vielleicht müssen wir lauter sein.

Wie sieht es mit Sport in der Halle aus?

Auch dort kann man Hoffnung machen. Eine Halle ist ein sehr großer Raum. Es gibt bestimmte Faktoren, die eine Ansteckung begünstigen. Zum einen die Anzahl der Personen in einem Raum, zum anderen spielt die Zeit eine große Rolle. Ein ganz wichtiger Faktor ist auch das Volumen im Raum und Turnhallen haben große Volumina. Dort verdünnt sich das Aerosol fast so gut wie im Freien. Selbst wenn ich da Handball spiele, passiert nicht viel. Zumal ich regelmäßig im Training Pausen machen und lüften kann.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/dr-scheuch-im-freien-steckt-man-sich-nicht-an;art1434,727465

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