08. April 2021, 22:01 Uhr

FC Gießen

Die Gründe für die Trainerrotation in der Jugend des FC Gießen

Mit dem Führungswechsel von Martin Selmo hin zu Robert Majcen folgt eine große Trainerrotation in der Jugend des FC Gießen. Die scheidenden Übungsleiter bemängeln fehlende Wertschätzung. i
08. April 2021, 22:01 Uhr
Sportlich gibt’s in der Jugend des FC Gießen häufig Grund zum Jubeln - strukturell herrscht Nachholbedarf. FOTOS: VOGLER , FRIEDRICH (2) (Foto: Oliver Vogler (Sportfoto Oliver Vogler))

Der FC Gießen steht im Jugendbereich vor einem Umbruch: Gleich fünf Jugendtrainer des FC ziehen vor der neuen Saison im hessischen Fußball von dannen, drei warten auf weitere Verhandlungen mit dem neuen Jugendchefkoordinator Robert Majcen.

Mit der Installation von Turgay Schmidt im Oktober 2020 und der Ankündigung, »dass jeder G-Jugend-Kicker genauso wichtig ist wie ein Regionalligaspieler« keimte Hoffnung auf im Jugendbereich des FC.

Tatsächlich besitzen die Jugendtrainer seit März 2021 nun Verträge - viele aber klagen darüber, dass kein finanzieller Ausgleich für die Nicht-Bezahlung im Jahr 2020 erfolgt und eine ehrliche Kommunikation fehlt. Mit Martin Selmo hat sich der sportliche Kopf mittlerweile verabschiedet.

Während unzufriedene, scheidende Trainer anklagen: »Die Kommunikation ist eine Katastrophe. Wie mit uns umgegangen wurde, ist eine Sauerei«, sehen Notvorstand Schmidt und der neue Jugendchef Majcen mittlerweile alles im Plan. »Die neue Besetzung von Trainerposten wurde von Robert Majcen ja bewusst initiiert«, sagt der Notvorstand.

Mit der U16 und U17 sind nach Informationen dieser Zeitung zwei Altersklassen noch ohne Trainer für die kommende Saison - alle anderen Bereiche sollen abgedeckt sein. Gehen werden Matthias Grützner, Maurice Heil, Dorian Balser, Wolfgang Justus und Hannes Euler. In offenen Gesprächen befinden sich Fatih Yildirim, Jan Budzinski, Niklas Kaufmann und Jonathan Kaufmann.

In den unteren Jahrgängen ab der U11 soll sich wenig ändern, die U13 von Yannick Schwabe, die U19 von Eduardo Dursun trainiert werden.

Die Gründe für die Fluktuation im Leistungsbereich liegen nicht nur im Führungswechsel von Selmo zu Majcen - sie sind vielschichtig und hängen auch mit der stiefmütterlichen Behandlung der Jugend im Jahr 2020 zusammen.

Ein Jugendtrainer sagt: »Ich erwarte nicht viel von einem Verein, aber Bälle und Trikots sollten gestellt werden - das war im letzten Sommer schon ein Problem. An der Neumühle mussten wir uns auf dem Kunstrasen zudem öfter den Platz dritteln mit anderen Herrenmannschaften. So entstand insgesamt eine Situation, in der du als Trainer deine Arbeit machst und gehst - fertig. So sollte es nicht sein.«

Die Jugendabteilung, die in A-, B-, und C-Jugend in der Hessenliga vertreten ist und damit beste sportliche Argumente vorzuweisen hat, erfuhr weder vom zurückgetretenen Vorstand noch von der FCG Offensive GmbH wirkliche Beachtung.

So kam es, dass die Jugendtrainer im Corona-Jahr 2020 finanziell nicht entlohnt worden sein sollen. Verträge gab es nicht, lediglich eine mündliche Vereinbarung zwischen Selmo und dem Geschäftsführer der GmbH, Markus Haupt, soll existiert haben.

Als Notvorstand Schmidt im Oktober 2020 alle Jugendtrainer in Watzenborn-Steinberg zusammentrommelte, herrschte Aufbruchstimmung, Hoffnung auf Transparenz und Ordnung flammte auf.

Im November installierte der Rechtsanwalt dann Robert Majcen als neuen Jugendchefkoordinator, um den Sportlichen Leiter Martin Selmo »zu entlasten«. Selmo hatte in den vergangenen zwei Jahren das sportliche Sagen in der Jugendabteilung.

Zwischen den Jahren folgte ein Gespräch zwischen Majcen und Selmo, in dem Majcen klar gemacht haben soll, dass er künftig über die Besetzung der Jugendtrainerposten entscheide und Selmo den Bereich U12 bis U15 übernehmen könne.

»Nach diesem Gespräch war für mich abzusehen, dass es beim FC Gießen nach einer schönen und turbulenten Zeit nicht weitergeht«, erklärt Selmo. Offiziell verabschiedet hat er sich am 19. März 2021.

Ein Jugendtrainer sagt: »Durch schlechte Kommunikation wurde eine funktionierende Trainergemeinschaft auseinandergerissen.« Ein anderer meint: »Das Einzige, das funktioniert hat, war die sportliche Arbeit von Martin Selmo. Das Vertrauensverhältnis war groß. Und ihm wurde jemand vor die Nase gesetzt. Das hat Unruhe unter den Trainern verursacht und mittlerweile herrscht angesichts dessen auch Unruhe unter den Eltern.«

Notvorstand Schmidt sagt: »Es gab Gründe, warum Robert Majcen gekommen ist. In der Jugend konnte vorher jeder machen, was er will. Es geht unter anderem darum, künftig eine einheitliche Spielphilosophie zu etablieren.«

Einen finanziellen Ausgleich für die Nicht-Bezahlung im Jahr 2020 gibt es für die Jugendtrainer noch nicht - dafür feste Vereinbarungen ab März 2021

Robert Majcen, der den Abgang Selmos bedauert: »Ich habe den Ist-Zustand gesehen und erkannt, was wir ändern müssen. Wir wollen Ausbildungsschwerpunkte festlegen und dafür sorgen, dass unsere Talente top ausgebildet werden und mehrere Systeme spielen können.« Auch eine engere Verzahnung von Jugend und zweiter Mannschaft, die als U23 firmieren soll, ist angestrebt.

Anfang des neuen Jahres sitzen Turgay Schmidt und die versammelte Trainerschar im VIP-Zelt des Waldstadions zusammen - in der Folge werden feste Vereinbarungen und eine künftige verlässliche Bezahlung fixiert - ein echter Fortschritt.

Die Trainerriege fragt an, ob die Summe der künftigen Entlohnung zwischenzeitlich angepasst werden könne, um den Lohnausfall aus dem Jahr 2020 auszugleichen. In diesem standen die Trainer in fünf Monaten auf dem Platz, ohne bezahlt zu werden. »Das wäre Wertschätzung«, meint ein Jugendtrainer.

»Wir haben uns mit den Spielern sogar in der Corona-Pause über Zoom getroffen, Übungen vorgegeben.« Martin Selmo sagt: »Es geht um Kleckerbeträge, mehr um die Symbolik.«

Ab März schließlich gelten Verträge, auf Basis einer Liste mit den ursprünglichen finanziellen Vereinbarungen vom Sommer 2020 - ob ein Ausgleich für die Nicht-Bezahlung aus 2020 erfolgt, ist nach wie vor offen. Eine Klausel im seit März gültigen Vertrag besagt, dass für die Zeit des Individualtrainings nur die Hälfte der finanziellen Vereinbarung ausgezahlt wird.

Rechtsanwalt Schmidt geht rechtlich-pragmatisch vor. »Ich habe mich mit allen Trainern zusammengesetzt und Verträge ausgearbeitet. Ich kann als Notvorstand keine Phantasieverträge ausgestalten. Warum soll ich nun eine Leistung der Jugendtrainer höher bewerten, weil sie zu einem früheren Zeitpunkt nicht bezahlt wurden?«

Einige Übungsleiter akzeptieren diese Sichtweise, andere nicht. So gehen fünf Trainer - »es geht uns nicht ums Geld, das ist nie eine Motivation eines Jugendtrainers. Es geht um Wertschätzung und ehrliche Kommunikation.«

Im April 2021 fehlen dem FC so im U16- und U17-Bereich noch Trainer - Selmo: »Wenn du im Leistungsbereich im April keinen Trainer hast, ist es schwer, die Kinder zu überzeugen. 98 von 100 Elternteilen wollen wissen, unter welchem Trainer ihr Kind spielt.«

Majcen, der weiterhin als Scout beim FSV Mainz 05 aktiv ist, sagt: »Ich sehe das als nicht so gravierend an. Wir haben durch Corona gelernt, dass wir uns in Geduld üben müssen.«

Dass sich beim Abgang der Trainer mehr der Frust aus einer gesamten Saison Bahn bricht und weniger gegen den Notvorstand Turgay Schmidt richtet, zeigt sich in einer Aussage eines scheidenden Trainers: »Herr Schmidt hat mit der Regionalliga-Mannschaft eine Heidenarbeit. Es bewegt sich etwas, ich habe großen Respekt davor und ziehe meinen Hut. Er verlässt sich in der Jugend eben auf Robert Majcen.«

Dieser nimmt sich nun also der Aufgabe an, eine neue Struktur in den lange vernachlässigten Jugendbereich zu bringen - von der passenden Trainerbesetzung und der Befriedung aller Parteien über die echte Integration in den Verein und die Einheitlichkeit in den Spielsystemen bis hin zum Überführen von Talenten in die neue U23. Kontinuität würde dem FC Gießen in der Jugend gut zu Gesicht stehen.

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