Lokalsport

Die Gefahr eines verlorenen Jahrgangs

Martin Rumpf ist Vorstandsmitglied im Hessischen Leichtathletik-Verband. Ein Gespräch über Aufgabenstellungen und die Gefahr eines verlorenen Jahrgangs.
10. Mai 2021, 22:28 Uhr
der Redaktion
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Die Leichtathleten möchten zurück auf die Bahn. FOTO: IMAGO

Vom Dauer-Lockdown in Deutschland sind auch die Leichtathleten hart betroffen, auch wenn sie im Vergleich zu den Hallen- und Mannschaftssportlern noch vergleichsweise gut wegkommen. Ein Interview mit Martin Rumpf, dem Vizepräsidenten des Hessischen Leichtathletik-Verbandes.

Herr Rumpf, wie ist es um die Leichtathletik in Hessen bestellt?

Es dürfen aktuell nur die Kaderathleten am Landes- oder Bundesstützpunkt trainieren. Alle anderen können nur 1:1 entsprechend der Kontaktregeln trainieren. Die Kinder unter 14 Jahre dürfen trainieren. Wir haben als Landesverband dazu allerdings empfohlen, bei einem Schlüssel ein Trainer mit neun Kindern zu bleiben. Es ist Kreativität gefragt.

Welche Aufgaben haben Sie in Ihrer Funktion als Vizepräsident Leistungssport im Hessischen Leichtathletik-Verband?

Mein Job ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, um einen guten Nachwuchsleistungssport in Hessen zu garantieren. Wir arbeiten also auf den Ebenen Talentfindung und -entwicklung und im Bereich des Übergangs zum Landeskader. Zielstellung ist hier stets eine Teilnahme an einer internationalen Meisterschaft im Bereich der U18, U20 oder U23. Wir sind in Hessen in der glücklichen Lage, einen Bundesstützpunkt Leichtathletik in Frankfurt betreiben zu dürfen. Auch die Steuerung hierfür liegt bei mir. Da geht es ganz klar um Medaillen bei Olympischen Spielen. Das ist das Maß, das angelegt wird. Formal bin ich verantwortlich für unsere hauptamtlichen Trainer und Honorartrainer und alles, was den Leistungssport in Hessen betrifft. Meine Partner sind der Landessportbund mit seinem Leiter Leistungssport, Thomas Neu, und das Innenministerium Hessen mit Abteilungsleiter Jens-Uwe Münker und Referatsleiter Oliver Palme. Über den hessischen Weg im Leistungssport ist es uns so möglich, Athleten mit internationalem Potenzial zu entwickeln und zu fördern. Im HLV bin ich auch verantwortlich für das Thema Kindeswohl. Das ist ein wichtiger Aspekt, der meist auf das Thema sexualisierte Gewalt reduziert wird. Wir wollen weiterdenken und haben uns Unterstützung von der Sportjugend Hessen und vom Kinderschutzbund geholt. Seit 2019 bin ich zudem Stellvertreter des HLV-Präsidenten.

Wie sieht die Wettkampf-Saison 2021 aus?

Wir haben in 2020 schon im Juni einen Wettkampf unter Trainingsbedingungen kreiert und dem Innenministerium vorgestellt. Danach war es sehr schnell möglich, wieder Wettkämpfe und Meisterschaften anzubieten. Im Kreis Limburg-Weilburg haben wir uns gegen den Begriff Meisterschaften entschieden und uns auf Wettkämpfe reduziert. Da gab es ein breites und gutes Angebot für jeden, nicht nur für Kaderathleten. Wir hatten Läufe, Sprints, Würfe und so weiter. Was wir allerdings nicht hatten - und das tat weh - war der Süwag-KiLa-Cup, den haben wir in eine @home-Variante umgestaltet, so dass die Kinder zu Hause den Wettbewerb ablegen konnten. Im HLV haben wir Meisterschaften angeboten - sogar im Mehrkampf, aber ohne die Senioren. Das war ein enormer Aufwand im hygienischen Bereich - aber es hat sich gelohnt. Die komplette Hallensaison 2020/21 war leider den Kaderathleten vorbehalten. Für 2021 haben wir nun entschieden, eine »late Season« im Herbst anzubieten.

Während die Berufs- und Leistungssportler noch weitestgehend ihren Sport ausüben können, sieht es bei den Breiten- und Nachwuchssportlern verheerend aus.

Das ist ein Problem - und zwar ein gewaltiges, das uns in den nächsten zehn Jahren noch verfolgen wird. Wir werden die zweite oder dritte Reihe, die aktuell nur unter erschwerten Bedingungen trainieren kann, sich aber nicht im Wettkampf messen darf, verlieren. Wir müssen hier kreative Lösungen erarbeiten. Die Vereine, die Trainer und die Sportler sind gefragt, jeder muss und darf Ideen entwickeln. Das große Sportfest mit 600 Teilnehmern und Zuschauern werden wir so schnell nicht mehr erleben. Wir müssen die Kinder in Bewegung bringen. Der Schulsport, dessen Qualität für den Leistungssport ohnehin seit Jahren schwindet, ist komplett stillgelegt. Die Kinder brauchen Bewegung - auch um besser lernen zu können. Jammern hilft da nicht, Machen ist angesagt.

Muss man von einem verlorenen Jahrgang oder gar Jahrgängen sprechen? Und was heißt das für die nächsten zehn Jahre?

Genau das wird die spannende Frage sein. Die Weichen dazu stellen wir jetzt, hier und heute. Wir müssen diese Jahrgänge nicht verlieren, aber die Gefahr ist schon sehr groß. Ich denke, in der Leichtathletik sind wir da ganz gut aufgestellt. Wenn ich etwa an Schwimmen, Tischtennis oder denke, dann wird es da sicherlich ungleich schwieriger werden als in der Leichtathletik.

Gibt es Disziplinen in der Leichtathletik, die sich in der Pandemie besser durchführen lassen als andere?

Definitiv ja: Laufen geht immer. Gerade in der Pandemie haben viele das Laufen wieder für sich entdeckt. Hier braucht man keine Bahn oder Equipment. Einfach raus in Wald, Flur, Feld. In der Leichtathletik hatten wir in 2020 beispielsweise die Staffelwettbewerbe komplett untersagt, weil das mit der Übertragung unklar war und man deswegen vermieden hat, einen Staffelstab zwischen mehreren Läufern zu übergeben. Leichtathletik an sich wäre immer möglich gewesen, aber leider wurden immer wieder die Sportanlagen geschlossen.

Gibt es in den Leichtathletik treibenden Vereinen einen Mitgliederschwund?

Das lässt sich aktuell nicht genau beziffern; aber ja, das gibt es. Prominentes Beispiel: Der FSV Frankfurt hat seine Leichtathletik-Abteilung abgemeldet, und das ist immerhin ein Verein, der mal einen Olympiasieger im 100-Meter-Sprint hervorgebracht hat: Armin Harry. Es gibt aber auch ein positives Gegenbeispiel: Die LSG Goldener Grund hat in 2020 so viele Sportabzeichen absolviert wie noch nie in der Vereinsgeschichte. Dahinter steckt ein enormes Engagement von vielen Leuten.

Wie ist die Situation bei den Kampfrichtern aus, die ja meistens Senioren sind?

Bei einer Hessenmeisterschaft benötigt man sechs Kampfrichter/Helfer pro Disziplin. Die Leichtathletik hat ganz viele verschiedene Disziplinen, so dass der Aufwand an Kampfrichtern entsprechend hoch ist. Wenn die LSG zum Beispiel einen Werfertag durchführt, dann sind dort zirka 30 Leute im Einsatz. 2020 haben wir uns entschieden keinen über 60 Jahre dazuzunehmen, weil das die absolute Risikogruppe war. Bei den Hessenmeisterschaften war auch diese Altersgruppe im Einsatz, denn wir brauchten 60 bis 80 Helfer. Wir haben auch Online-Schulungen für Ältere eingeführt, um sie aktuell zu halten und ihnen etwas Gutes zu tun.

Was macht die Traineraus- und -fortbildung? Gibt es auch hier Defizite?

Nein - im Gegenteil. Wir haben im HLV enorm viel gemacht und sind auf neue Formen und Tools ausgewichen. Wir haben Online-Fortbildungen angeboten, die sehr gut angenommen wurden. Unsere Trainer haben zwei »Manuals« erarbeitet, mit denen die Themen Talentfindung und -entwicklung stärker und besser beleuchtet werden können. Es ist uns hier auch gelungen, einheitliche Vorgaben dafür zu entwickeln, auf was man achten soll und was die Schlüsselqualifikationen sind, auf die man sich fokussieren muss. Das alles war wohl nur in der Pandemie möglich, da es hier freie Kapazitäten gab und wir den Trainern ein Angebot machen mussten. Im HLV muss jeder Trainer alle zwei oder vier Jahre eine Fortbildung nachweisen, um seine Lizenz zu behalten. Daher haben wir uns im Frühjahr 2020 schon mächtig ins Zeug gelegt und etwas Tolles aus dem Boden gestampft. Der HLV hat seine Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit geschickt, sondern auf diese freien Themen angesetzt.

Gibt es Problemfelder, die erst die Pandemie-Situation ans Licht gebracht hat?

Was es vor der Pandemie nicht gab, sind unsere monatlichen und wöchentlichen Abstimmungen per Videokonferenz. Ein Landesverband wird ja aus Menschen aus ganz Hessen geführt. Wenn einer aus Kassel bisher immer zur Sitzung nach Frankfurt fuhr und dafür mehr als vier Stunden opfern musste, setzt er sich jetzt einfach vor den PC, und wir können uns viel besser untereinander abstimmen. Das ist etwas, was wir nach der Pandemie sicher beibehalten werden. Das Problem wird sein: Wie können wir verhindern, eine ganze Generation zu verlieren, und wie können wir die Defizite im Schulsport aufholen, beseitigen oder sogar umkehren? Schulsport allgemein sollten wir mit den Sportarten wieder stärker in den Fokus rücken.

Ist es nicht so, dass die Leichtathleten durch ihre Aktivitäten hauptsächlich im Freien eher besser durch die Pandemie kommen?

Klares Ja. Die Hallensportarten oder auch das Schwimmen sind viel stärker und massiver betroffen. Die Mannschafts- und Kontaktsportarten noch einmal mehr. Ich persönlich glaube aber, dass auch hier trotz der Krise eine Chance steckt: Ein Fußballer mit einer verbesserten Ausdauer, einem verbessertem Laufstil und einer verbesserten Ballbehandlung kann rascher durchstarten als einer, der in diesen Bereichen Defizite hat. Anderes Beispiel ist der Handball; der besteht aus Laufen, Springen und Werfen - richtig! Genau wie die Leichtathletik.

Wie lautet Ihre Zukunftsprognose?

Wir werden da rauskommen, wir werden lernen, mit dem Virus zu leben, wir werden Lösungen finden. Es wird anders sein, aber gut und vielleicht sogar besser.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/die-gefahr-eines-verlorenen-jahrgangs;art1434,735054

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