09. Juni 2021, 10:00 Uhr

75 Jahre GAZ

Der Blick zurück: Gießener Leichtathletik-Größen Birgit Clarius und Gerhard Steines im Interview

Siebenkämpferin Birgit Clarius und Kugelstoßer Gerhard Steines sorgten in ihrer aktiven Zeit für Schlagzeilen. Die beiden Gießener Leichtathletik-Größen blicken im Interview zurück und nach vorn.
09. Juni 2021, 10:00 Uhr
Für Siebenkämpferin Birgit Clarius waren die Olympia-Teilnahme 1992 in Barcelona sowie der Gewinn der Studenten-WM die Highlights ihrer Karriere.

Birgit Clarius schwärmt von ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Barcelona 1992, aber auch von ihrem Studenten-WM-Titel im Siebenkampf. Die heute 56-Jährige, die in Gießen geboren ist und nun in der Nähe von Heidelberg wohnt, ist seit 1993 mit dem ehemaligen Zehnkämpfer Michael Heß verheiratet und hat vier Kinder. Gerhard Steines (73 Jahre), bis 2012 Mitglied der Chefredaktion dieser Zeitung, war in den 1970er Jahren einer der besten Kugelstoßer West-deutschlands. Der mehrfache deutsche Meister stellte 1975 in Wetzlar mit 20,12 Metern seine Bestleistung auf. Zusammen mit seiner Frau Christine lebt der 73-Jährige in Vetzberg und schreibt weiterhin in der Sportkolumne »Anstoß«.

Was war Ihr außergewöhnlichster Moment in oder mit Ihrer Sportart?

CLARIUS: Die Teilnahme bei der Studenten-WM 1991 im englischen Sheffield: Es war das Jahr, in dem ich mein Diplom an der Uni (Ökotrophologie, Anm. d. Red.) gemacht habe, deswegen kam ich erst später in die Saison rein. Der Verband wollte mich nicht nominieren, doch der Chef des ADH, Prof. Gerhard Treutlein, schenkte mir sein Vertrauen, nominierte mich: Ich »bedankte« mich mit dem Gewinn der Studenten-WM! Ein irres Gefühl. Zudem der nachträgliche Gewinn der Bronzemedaille bei der Hallen-WM in Toronto 1993, nachdem die Siegerin des Dopings überführt worden war. Ich habe mich betrogen gefühlt, denn das Stehen auf dem Siegerpodest wurde mir so verwehrt. Das Highlight meiner Karriere waren aber die Olympischen Spiele in Barcelona 1992! Ich hatte immer von Olympia geträumt - und es war ein Traum!

STEINES: Vorolympischer Tag 1975 in Hannover, wichtigster Wettkampf des Jahres. Ich hatte kurz zuvor aus dem Training heraus 20,12 Meter gestoßen, war in Topform und fühlte mich bereit für den deutschen Rekord und vielleicht sogar für 21 Meter. Schon vor dem letzten Versuch stand ich als Sieger fest, vor dem Weltrekordler Al Feuerbach, war aber mit den bisher erreichten 19,99 Metern sehr unzufrieden. Im Niedersachsenstadion wurde vor 40 000 Zuschauern mein Sieg durchgesagt und der letzte Versuch angekündigt. Aus allen Ecken des Stadions sprinteten die Fotoreporter herbei, kauerten hinter dem Ring nieder und richteten ihre Objektive auf mich. Als ich mich zum Auftakt des Stoßes niederbeugte, versank ich mit dem Kopf fast in der dicht herandrängenden Meute. In diesem Moment schoss mir der Gedanke durch den Kopf, wie absurd die Situation war. Der kleine Gerhard aus dem Gießener Asterweg wirft eine Kugel, für ihn sehr wichtig, aber für die Welt nur ein Sack Kartoffeln, der in der Wetterau umkippt, und dennoch steht er plötzlich im Mittelpunkt. Die Konzentration war weg, der Versuch ungültig, ich war tief enttäuscht, fast verzweifelt, wurde aber zu meinem »großen Sieg« über den Weltrekordler beglückwünscht, obwohl für mich ein großer Sieg nur der über mich selbst gewesen wäre, also eine neue persönliche Bestleistung Richtung 21 Meter. Diese Konstellation wiederholte sich regelmäßig und prägte meine sportliche Laufbahn: Je besser in Form, desto tiefer die Enttäuschung, da die Erwartung zu groß war.

Ist die Leichtathletik für den sportlichen Nachwuchs attraktiv?

CLARIUS: Ich finde die Leichtathletik ist nach wie vor attraktiv für den sportlichen Nachwuchs. Wenn ich unsere kleinen Leichtathleten bei uns im Stadion sehe, mit wie viel Bewegungsfreude und Feuereifer sie dabei sind, das macht richtig Spaß! Schade ist allerdings, dass die Leichtathletik in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern nicht mehr präsent ist. Nirgendwo können sich die Kinder mal anschauen, wie die »Großen« das machen - und so braucht es uns auch nicht zu wundern, wenn die Kinder bei manchen Disziplinen keine Idee haben, wie die Bewegungsabläufe aussehen könnten.

STEINES: Leider nein. Um in der Leichtathletik Erfolg zu haben, muss man viele Jahre lang trainieren, oft sehr mühsam, mit vielen Rückschlägen, öffentlich unbeachtet und ohne Erfolgsgarantie. Das verträgt sich nicht mit dem »Spaß haben«-Anspruch der Event-Gesellschaft und ihrem Ex und Hopp an »Kicks«, zum Beispiel den wechselnden Fun-Sportarten. Daran ist aber nicht »die Jugend« schuld, denn das wird ihr vorgelebt. Kürzlich habe ich auf Instagram ein Videoschnipsel von Malaika Mihambo gesehen, als kleines Mädchen beim Weitsprung. Hinter ihr drängten sich viele Mädchen und Jungs, die nach ihr drankamen, ein wildes, schönes Gewusel auf dem Platz und auch auf der Tribüne. Tempi passati.

Was kann die Leichtathletik tun, damit sie mehr Akzeptanz und Zulauf erhält?

CLARIUS: Wir haben guten Zulauf bei unserem Verein. Es hapert an ausreichend Trainern. Wer stellt sich schon in seiner Freizeit für »umme« Woche für Woche auf den Platz. Als Trainer musst du zuverlässig immer da sein. Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder meine ehemaligen Athleten dafür gewinnen können, eine Kindergruppe - mit voller Verantwortung - zu übernehmen. Aktuell haben wir riesige Probleme durch die Corona-Pandemie. Erst war das Stadion monatelang komplett gesperrt - ich durfte nur meine stärksten Athleten in Zweiergruppen trainieren. Dies bedeutete stundenlanges Stehen im Stadion - eine Zweiergruppe nach der anderen -, während die meisten Kinder und Jugendlichen nicht ins Stadion durften, das so viel frische Luft bietet und wo Aerosole schnell davonfliegen. Dann konnten wir nur wenige Kinder ins Training einladen - leider ab 14 Jahren und älter nur mit negativem Corona-Test. Wettkämpfe gab es für die Nicht-Kader-Athleten überhaupt keine - das ist traurig!

STEINES: Leider wenig. Sie versucht zwar, sich an den Zeitgeist anzupassen, mit Hoppsassa und Trallala, Einlauf-Brimborium, schnellerer Wettkampfabfolge usw., aber am Grundproblem, das aber gleichzeitig ihre Stärke ist, kann sie nichts und sollte sie nur wenig ändern. Wer dem Geist der Zeit hinterläuft, hinkt hinterher. Damit abfinden, abputzen, weitermachen, für sich selbst, für die Leichtathletik, nicht für den Zeitgeist. Das spricht aber nicht gegen kleine, attraktive Regeländerungen, wie gemischte und Pendel-Staffeln oder Duo- oder Trio-Teamwettkämpfe in den technischen Disziplinen.

Wie sind Sie der Leichtathletik noch verbunden?

CLARIUS: Als meine Tochter Carolin in Neckargemünd als kleines Mädchen mit der Leichtathletik begann, bin ich nach und nach in die Trainerlaufbahn gestartet. Warum? Weil Trainernotstand herrschte. Eigentlich hatte ich nie vor, Trainerin zu werden. Mittlerweile habe ich die ganze Jugendabteilung unter meinen Fittichen - trainiere selbst die Altersklassen ab 13 Jahren aufwärts bis ins Erwachsenenalter. Ich kämpfe für meine Athleten, für Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten. Hier ist der Dialog mit der Stadt und den Verbänden nötig. Gerne kümmere ich mich um die Öffentlichkeitsarbeit unserer Jugend-Leichtathletikabteilung und schreibe zu den Wettkämpfen Artikel. Seit zwei Jahren bin ich auch für den Badischen Leichtathletik-Verband ehrenamtlich im Jugend-Fördertraining der U 14 tätig.

STEINES: Nur noch ideell und als interessierter Zuschauer. Leider selten vor dem Fernseher, mangels Übertragungen. Auf Youtube, Facebook oder Instagram finden sich aber viele aktuelle Spots, meist von den Sportlern selbst gepostet, auch mit interessanten Einblicken ins Training.

Würden Sie sich noch einmal für Ihre Disziplin entscheiden?

CLARIUS: Ich würde mich immer wieder für den Siebenkampf entscheiden, das war und ist mein Ding! Gerade kürzlich haben mein Mann und ich uns den Livestream vom Mehrkampfmeeting in Götzis angeschaut. Es fesselt uns nach wie vor. An den Mehrkampf haben wir unser Herz verloren.

STEINES: Ich möchte die Erfahrungen nicht missen, die ich mit und durch die Extremdisziplin Kugelstoßen gemacht habe, auch wenn sie mit vielen Enttäuschungen verbunden waren und einer ungesunden extremen Ernährung - vom Dopingproblem ganz zu schweigen. Zudem haben mir die exklusiven Einblicke in die Hintergründe und die Heuchelei der Verantwortlichen, bis in höchste staatliche und politische Stellen, berufliche Vorteile gebracht, da selbst die investigativsten Journalisten nur aus zweiter Hand informiert waren, ich aber aus erster, aus meiner. Vom Talent her wäre ich aber besser Zehnkämpfer geworden, meine Faszination, oder Handballer geblieben.

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