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Daniyel Bulut: Stillstand darf es nicht geben

In Fußball-Deutschland geht die Angst um. Vor allem bei der Dachorganisation, dem DFB. Die Furcht davor, dass man im Kinder- und Jugendfußball wichtige Entwicklungen verpasst haben könnte.
03. Dezember 2020, 07:00 Uhr
Michael Schüssler
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Es gibt immer weniger Kinder- und Jugendfußballer, neue Konzepte müssen her. Das ist keine neue Erkenntnis, doch beim DFB schrillen die Alarmglocken immer lauter, vor allem in Sachen Training - aber auch für den Wettkampf. Davon soll schließlich auch die Nationalmannschaft von morgen profitieren. Im Blick haben die Verantwortlichen in Frankfurt/Main in erster Line die Kinder von den G- bis zu den E-Junioren. DFB-Direktor Oliver Bierhoff hat es aus Sicht der Oberen so formuliert: »Wir machen uns große Sorgen.« Und Deutschlands U21-Trainer Stefan Kuntz legt nach. Er hat das Niveau der Nachwuchsausbildung im deutschen Fußball beklagt. Wenn man in Europas Top-Ligen vergleiche, wie viele für die U21 spielberechtigte Profis zum Einsatz kommen, »sind wir komplett im Hintertreffen«, sagte der 58-Jährige im Podcast »kicker meets DAZN« und legte nach: »Wir sind so was von abgeschlagen!«

Abhilfe schaffen sollen Spaß und Spiel. »Funino« meint der DFB. Der Begriff ist ein Kofferwort aus dem englischen Fun (Spaß) und dem spanischen Nino (Kind). Die Kernelemente: deutlich kleinere Teams und Spielfelder, keine Torhüter, vier (!) Mini-Tore, mehr (verpflichtende) Wechsel, kein zu früher Fokus auf Taktik, keine Tabellen, weniger Druck. Dazu eine neue Turnierform: siegreiche Teams steigen auf, unterlegene ab. An der Basis im Jugendfußball sieht man das stellenweise skeptisch, ein Argument: Was macht man mit Torhütern, die in diesen Altersklassen nicht existieren würden? Leiden große Talente unter dieser Spielform? Ist Funino überhaupt ein Ansatz? Wir haben mit Daniyel Bulut gesprochen. Er ist nicht nur Trainer des Hessenligisten FSV Fernwald, sondern auch in der Nachwuchsarbeit des Fußballkreises Gießen beim DFB-Stützpunkt Grünberg seit Jahren engagiert.

Der DFB plant im Jugendfußball große Veränderungen hinsichtlich Training und Spielformen. Wie stehen Sie dem grundsätzlich gegenüber?

Prinzipiell bin ich immer offen für neue Ideen und finde diese sehr gut. Man muss immer das Aktuelle hinterfragen und sehen, ob man etwas verbessern kann. Zufriedenheit ist Stillstand - und Stillstand darf es nicht geben.

Der DFB selbst ist der Ansicht, dass viel Überzeugungsarbeit notwendig sein wird. Welche Probleme sehen Sie in diesem Bereich?

Egal, ob im Sport oder im Privaten. Menschen sind erst mal bequem und wehren sich gegen Neues. Jedoch glaube ich, dass es sich mit der Zeit legen wird. Und wenn man merkt, dass es unseren Kindern gut tut, dann werden diese Probleme auch schnell vergessen sein. Deshalb sehe ich im Moment keine Probleme. Die Lösung des Problems ist der Spaß der Kinder.

Was erwarten Sie als DFB-Stützpunkttrainer und ihre Kollegen in anderen Fußballkreisen von Ihrem Verband als Amtshilfe?

Im Grunde sind wir Stützpunkttrainer, aber auch die Trainer beim Verband, in Dauerschulungen. Wenn Veränderungen in Konzepten stattfinden, werden wir sehr aktuell benachrichtigt und darauf vorbereitet. Ich kann nur für uns in Grünberg sprechen, dass wir, ob materiell, was Ausrüstung angeht, zum Beispiel Kleintore oder theoretische Trainingshilfen (Übungen - Internetplattformen), sehr gut ausgestattet sind.

Ist das, was vorgesehen ist, überhaupt für einen DFB-Stützpunkt von Interesse, da hier ja ohnehin nur eine begrenzte Auswahl von Jugendspielern betroffen ist - und in diesen Zentren ja eher der Leistungsgedanke im Mittelpunkt steht?

Jein, hier geht’s auch um Spielformen von 2:2 bis 7:7, oder auch um Funktionsspieltage, bei dem sich ein Stützpunkt mit einem anderen misst, beispielsweise Stützpunkt Grünberg gegen Stützpunkt Wetzlar. Was Ergebnisse und Tabellen angeht, sind wir außen vor, das hat bei uns noch nie gezählt.

Welche Probleme sehen Sie bei den Vereinen?

Auch da sehe ich weniger Probleme, da viele Vereine gut aufgestellt sind. Meistens unterschätzt man die Jugendarbeit in den Klubs. Viele Vereine machen sich schon gute Gedanken und sind, was Struktur, Konzept oder auch Trainingsmaterial angeht, auf einem sehr guten Stand.

Können Sie den »Vorwurf«, Trainer würden die Kinder als Mini-Erwachsene betrachten, teilen?

Noch mal jein. Man darf hier nicht pauschalisieren. Wie ich bereits gesagt habe, in vielen Vereinen wird eine sehr gute Jugendarbeit gemacht. Natürlich gibt es noch vereinzelt Erwachsenen-Methoden im Kinderfußball, aber das ist eher Unwissenheit als Absicht. Ich denke, wenn man als DFB noch mehr in die Vereine geht und schult, wird das aktuell Gute, noch besser. Ich sehe das Ganze eher positiv, weil ich viele Vereine kenne, die mit viel Leidenschaft und vielen ehrenamtlichen Trainern gute Arbeit leisten.

Der Spaß soll bei den Kindern in den Fokus rücken, es würde zu viel auf Taktik geschaut werden - aus Ihrer Sicht begründet?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, der Spaß ist schon da. Ich glaube, hier geht’s weniger um Taktik. Eher muss man den Spaß, den man bei einem Spiel hat, auf mehr Spieler verteilen. Wenn man zum Beispiel 7:7 spielt, haben von diesen 14 Spielern bestimmt sechs bis acht Spaß, das sind oft die, die um den Ball spielen. Fünf bis sieben Spieler berühren den Ball in 40 Minuten vielleicht zwei- bis viermal. Wenn man 2:2 spielt oder 3:3, ist die Berührung des Balles zwangsmäßig für jeden Spieler öfter gegeben - und Kinder spielen Fußball, weil sie Spaß am Ball haben.

Mit welchen Problemen müssen Sie sich als DFB-Stützpunkttrainer beschäftigen?

Wir DFB-Stützpunkttrainer haben eher die Probleme mit der Auswahl der Spieler. Zu entscheiden, wer aktuell genommen wird. Es ist oft schwierig, im Kindesalter zu erkennen, wer in zehn Jahren Profi sein könnte und den zu begleiten. Auch wir sind keine Zauberer und können nicht in die Zukunft schauen. Wir haben die Probleme, dass es Eltern gibt, aber natürlich nicht alle, aber einige, die denken, wenn sie nicht im Stützpunkt sind, ist die Profi-Karriere gefährdet. Da kann ich alle beruhigen, so ist das nicht. Oder auch Probleme, Kindern die sich nicht wie gedacht entwickeln, mitzuteilen, dass sie jetzt erst mal nicht mehr beim Stützpunkt sind.

Mittelfristig, wie sehen Sie den deutschen Jugendfußball an der Basis aufgestellt?

Wenn man mit Basis den Dorffußball von nebenan meint, wird der zu kämpfen haben. Unsere Gesellschaft entwickelt sich dahin, dass, wenn man nicht zur Elite gehört, sollte am besten nichts machen sollte. Wir sehen dass in der F-Jugend teilweise bis zu 100 Kilometern eine Strecke gefahren wird, damit das Kind in Mainz, Frankfurt, Offenbach oder Darmstadt spielt. Das tut der Basis natürlich nicht gut. Auch Mannschaften wie eine D4, C4 oder B3 im Jugendbereich, sind nicht gesund für den Basis-Fußball und für Amateurvereine. Auch deshalb ist eine neue Ausrichtung, eine neue Idee für die Zukunft dringend notwendig, um auch in die Breite auszubilden und nicht nur in die Spitze.

Die Basis des Jugendfußballs ist die eine Seite, was heißt das für die Jugendabteilungen der Nachwuchsleistungszentren - was würden Sie sich hier wünschen?

Nachhaltigkeit! Ein Jugendkonzept, das nicht über ein, zwei Jahre geht, sondern ein Jugendkonzept, das als Ziel hat, dass ein Jugendspieler mit Qualität, auch die Möglichkeit bekommt, ganz oben zu landen. Ich glaube, hier wird zu ungeduldig gearbeitet.

Nicht erst seit der WM 2018 ist die Debatte über den »Bundesliga-Nachwuchs« dahingehend entfacht, ob die NLZ vielleicht zu sehr auf kurzfristige Erfolge schauen, statt die Entwicklung in den Vordergrund zu stellen. Wie sehen Sie die Situation?

Die aktuelle Situation scheint so, jedoch haben einige Bundesligisten ihre Zentren vergrößert und verbessert. Unter anderem hat der FC Bayern München die Kapazität von 30 auf 70 Plätze erweitert. Ich denke, viele haben jetzt begriffen, dass es nicht nur ein Jugendkonzept ist, sondern auch ein Geschäftsmodell, mit dem man viel Geld verdienen kann.

Michael Mutzel, HSV-Sportdirektor und früher Nachwuchsleiter bei der TSG Hoffenheim, hat im Kicker gesagt: »Es gibt Jungs, die sechs Jahre in einem NLZ ausgebildet werden und dennoch nur selten beidfüßig sind. Da fragt man sich: Wie kann das sein?« Das spricht nicht gerade für die NLZ - oder?

Im Prinzip schwer nachzuvollziehen. Im Grunde ist das aber nicht außergewöhnlich. Oft ist es so, in dem Moment, wo du in ein NLZ kommst, kommst du wegen einer besonderen Stärke in ein NLZ - Schnelligkeit, Körpergröße, gute Technik etc.. Ein Trainer bekommt dich und probiert, deine Stärke in eine Mannschaft einzubringen. Ihm wird gar nicht die Zeit gegeben, einen Spieler noch individuell zu trainieren. Da ist auch manchmal der Ehrgeiz der Spieler gefragt. Will ich mich verbessern oder ruhe ich mich auf meinen Stärken aus?

Mit Blick auf den internationalen Vergleich, was muss sich beim DFB und auch in den NLZ ändern - welche Ansätze oder Änderungen für zum Beispiel die Bundesliga würden Sie sich wünschen?

Statt nur darüber zu diskutieren, würde ich mir wünschen, dass Lösungsansätze gefunden werden. Es gibt schon gewisse Regelungen, die aber anscheinend nicht ganz fruchten. Wie zum Beispiel eine U23-Regel. Möchte ich deutsche Junge Spieler weiterbringen bis in die Spitze, muss ich ihnen die Chance geben. Manchmal muss man Vereine dazu zwingen. Eine Möglichkeit wäre, dass bei jedem Bundesligisten zwei deutsche U23-Spieler in der Startformation stehen müssen. Ich glaube nicht, dass dadurch die Teams schlechter dastehen würden - und es wäre dem deutschen Nachwuchs geholfen. FOTO: FRO

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