04. Juni 2021, 07:00 Uhr

Radsport

Daniel Mauser und das Doppel-Everesting

28:54 und 17 741 - erstmal nur nackte Zahlen, die nach dem Befüllen mit Inhalt Beeindruckendes dokumentieren: Daniel Mauser hat mit dem Rennrad am Stück zweimal den Mount Everest erklommen.
04. Juni 2021, 07:00 Uhr
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Von Ronny Herteux
Daniel Mauser im Gegenlicht bei einer seiner 374 Auffahrten, angefeuert durch (v. l.) Christina, Iris und Pit. FOTO: HERTEUX

Der Wecker schrillt um 3.54 Uhr in der Früh, um 4.58 Uhr sitzt Daniel Mauser nach Duschen und einem halben Brötchen bereits auf seinem Cannondale Caad 13, er hat schier Unglaubliches vor: am Falkenberg in Wettenberg ein Doppel-Everesting unter die Räder zu nehmen. Zweimal so viele Höhenmeter sammeln wie die höchste Erhebung unseres Planeten. 8848 Höhenmeter sind es einfach, 17 696 in der doppelten Version. Das Besondere daran: Mauser hat sich eine kurze wie knackige Strecke mit 14,9 Prozent Durchschnittssteigung ausgesucht, lediglich 300 Meter lang, 50 Höhenmeter sind am Stück zu bewältigen. Da heißt es, mit den Kräften haushalten und einen unerbittlichen Durchhaltewillen an den Tag zu legen.

»Schon relativ hell, war das Licht nur nötig, um nicht übersehen zu werden«, es geht los, die Uhr zeigt 4.58 Uhr - das Gros der Bevölkerung schlummert noch durch die Nacht. Die ersten 1000 Höhenmeter fährt der Assistenzarzt im Gießener »EV« mit dem drittleichtesten Gang, bis nach 2500 Höhenmeter und dem zuvor gewählten zweitleichtesten Gang ab sofort die kleinste Übersetzung (30:34) an der Reihe ist. Ein feiner Zug: »Die ersten Anwohner kommen schon kurz nach dem Start, um mir die Daumen zu drücken.« Und um 5.55 Uhr schaut schon - wie die ganze Zeit über - der erste (Rad-)Besucher vorbei und begleitete Mauser ein Stück weit auf der Strecke: »Mit Daniel Novak sind die Runden teilweise etwas schneller. Geplant sind Rundenzeiten um 3:35 Minuten, mit Daniel komme ich auch mal auf 3:15 Minuten«, schaut Mauser zurück, den die kleine Forcierung nicht aus dem Konzept bring.

Meter um Meter spult der inzwischen zweifache Vater seine Fahrt zum Doppel-Everesting ab, teilweise mit Achim Franke, und nun »treffen auch meine Eltern am Falkenberg ein, Essen und Trinken werden während der Fahrt getauscht und aufgefüllt.« Die erste größere Pause ist für 15 Uhr geplant, jenem Moment, an dem der erste Besuch der Ehefrau geplant ist. Zehn Stunden sitzt der 36-Jährige bis dahin bereits auf dem Rad.

Martin Aslan, Leo Schneider, Thomas Hockauf, die Familie Harsy, Max Schmidt-Kreuzer und Hans Jürgen Loth begleiten ihn an und auf der Strecke. »Immer mehr Interessenten und Unterstützer/innen kommen zur Strecke«, freut sich Mauser, und ganz besonders auf die elf Monate alte Tochter Alma: »In der Pause wurde etwas Nudelauflauf gegessen und mit meiner Tochter Alma gelacht.«

Nach 30 Minuten geht es weiter, schnell stellt sich neue Gesellschaft am Falkenberg ein: »Im EV-Krankenhaus hat der Tagdienst Feierabend und mein Kollege Lukas Otto sorgt, wie er es sowieso immer macht, für noch mehr gute Laune. Dazu kommt wie im vorangegangenen Jahr die Läuferrakete Johannes Sören Gärtner aus Krofdorf. Bergauf ist Johannes an unserer Seite und unterhält sich mit uns.«

»An der Strecke nimmt die Zahl der Unterstützer zu, ob Arbeitskollegen, Oberärzte, Anwohner oder Begeisterte, die aus der Zeitung vom Event gehört haben. Es ist beeindruckend, wie groß die Unterstützung für mich und die kurzfristig geplante Spendenaktion ist.« Am Ende werden über 4000 Euro zur Unterstützung einer Familie mit drei Kindern zusammenkommen, die kürzlich den Verlust des Vaters zu verkraften hatte.

Geschafft, das erste Everesting mit 8849 Höhenmetern ist um 17.16 Uhr nach 12:18 Stunden abgehakt, »somit bin ich um etwa 24 Minuten schneller als beim Everesting im vergangenen Jahr.«

Auch am späten Nachmittag reißt die Unterstützung nicht ab. »Matthias Steinberger, Novak erneut nach der Arbeit, sein Strassacker-Teamkollege Sean Feldhaus, Valentin Szalay und Julia Schallau sind die letzten Raketen, die gegen 19 Uhr mit mir auf den Berg fahren.« So langsam macht sich der Hintern bemerkbar, »er muss immer wieder bei der Wende und der Abfahrt kurz entlastet werden.« Zudem wird nun die Frequenz der Pausen leicht erhöht. Die aktuellen Herausforderungen heißen: später Abend und die Nacht. Iris Schleicher, Torsten Kiel, Pit Schaum, Stephan Dietel, Christina Herteux, kurz darauf noch Wolfgang und Dagi Rinn feuern Mauser an der Strecke an und sorgen für ein wenig Kurzweil während der - zumindest für Außenstehende - monotonen Auf- und Abfahrten. »Björn Röhl begleitet mich in die Dunkelheit - auch die noch zahlreichen Außenstehenden spüren inzwischen, dass mit dem Licht die Frische schwindet. Um 23.48 Uhr habe ich 185 km und 12 500 Höhenmeter erreicht«, zeigt sich Mauer froh über das Erreichte, allerdings »liegt noch ein riesiger Berg vor mir. Mein Plan für die Nacht: Etwa elf Wiederholungen, dann eine Pause, um etwas zu quatschen.«

Das letzte Licht hat sich schon lange hinter dem Gleiberg verzogen, da wird der Gießener gegen 1 Uhr nachts freudig überrascht: »Als ich den Berg abrolle, sehe ich ein Licht auf mich zukommen. Im steilsten Stück, im letzten Moment, erkenne ich meine Frau, die sich den Berg mit ihrem Rennrad hochschuftet. Das ist eine große Freude.« Natürlich legt Mauser eine Pause ein, zu diesem Zeitpunkt befinden sich noch sein Vater, Heiko und Dieter Nuber an der Strecke.

Es geht in die Nacht, Mausers Eltern halten »Wache«. Es folgen »zähe Stunden«, auch krabbelt so langsam die Kälte in den Körper, und noch einige 1000 Höhenmeter türmen sich vor Mauser auf. Für 5 Uhr hat sich Unterstützung angesagt: »Aber wer steht schon um 3.30 Uhr an der Rampe: Oliver Harsy. Er ist schon vor seinem Wecker aufgewacht und hatte eben Bock, früher loszufahren. Für mich eine sehr willkommene Motivationspumpe.«

Licht am Ende des Tunnels, buchstäblich wie wörtlich. Die Nacht zieht in Richtung Westen ab, im Osten kündigt sich ein neuer Tag an. »Meine Intervalle werden wieder etwas länger, und der verbleibende Berg an Höhenmetern schmilzt zusehends: Um 5.21 Uhr habe ich 15 152 Höhenmeter erreicht, und es ist wieder hell.«

Um 7.42 Uhr stehen noch 1200 Höhenmeter auf dem Plan, Schmidt-Kreuzer nimmt auf dem Weg zum Friseur noch ein paar Falkenbergrunden mit.« Der Extremsportler hat während der Nacht teilweise rausgenommen, was Rundenzeiten von 4:10 Minuten belegen. Mit Anbruch des neuen Tages steigert sich der Gießener wieder auf 3:40er-Zeiten.

»Nicht nur ich, auch mein Vater hat die Nacht überstanden, er hat die ganze Nacht durchgemacht. Ein Frühstück mit Kaffee, Brötchen und Wurst, gesponsert durch die lieben Anwohner, hat er sich redlich verdient.« Mauser selbst ist »schon lange nicht mehr nach Essen und Trinken zumute. Die Müdigkeit ist bei dieser Fahrt zwar kein Problem, dennoch bleibt eine Nachtdurchfahrt auch immer eine Motivationsfrage.«

Endlich, um 9.52 Uhr, nach 28:54 Stunden hat Mauser nach 374 Auffahrten und 261,6 Kilometern Gesamtstrecke 17 741 Höhenmeter erreicht - das Doppel-Everesting ist perfekt. Pünktlich treffen Thomas Langner von Delta-Bike und Florian Anders als Gratulationschor ein.

»Mit den Anwohnern, den Freunden, meiner Frau, meinen Eltern wurde auf den erfolgreichen Abschluss des Projekts und auf die überwältigende Unterstützung unserer Freunde angestoßen. Mausers Dank gilt auch der Unterstützern eines sozialen Projekts: »Ich bin begeistert von unserer Region, in der so etwas nicht in der Masse verpufft, sondern gehört und getragen wird.«



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