31. Oktober 2021, 21:27 Uhr

HSG Wetzlar

Cavors Wurf ins Glück nach ewig langer Schlussminute

Beim 29:30 gegen die Rhein Neckar Löwen fand der finale Wurf von Stefan Cavor nicht den Weg ins Tor. Gegen den TVB Stuttgart sorgte das Tor des Linkshänders kurz vor Schluss für den 35:34-Erfolg.
31. Oktober 2021, 21:27 Uhr
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Von Ralf Waldschmidt
Sekunden nach der 35:34-Erlösung durch Stefan Cavor brechen bei der HSG Wetzlar alle Dämme. FOTO: VOGLER

So ist der Sport. Vor einer Woche noch mit dem Schicksal hadernd, weil 29:30 gegen die Rhein-Neckar Löwen unterlegen, badeten die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar am Sonntag nach dem Zielgeraden-35:34 (21:16) gegen den TVB Stuttgart in einem Meer der Glückseligkeit. Hatte Rückraum-Linkshänder Stefan Cavor vor Wochenfrist den Schlussakt mit seinem direkten Freiwurf nicht erfolgreich gestalten können, so war der Montenegriner am gestrigen Sonntag vor 2500 Zuschauern in der künftigen Buderus-Arena zwei Sekunden vor Ende der umjubelte 35:34-Siegtorschütze.

»So ist der Sport«, erklärte Routinier Filip Mirkulovski fast schon emotionslos. Der Standby-Spielmacher war am Sonntag im zweiten Abschnitt zur großen Stütze eines nach deutlichen Führungen (6:3, 8./10:4, 12./16:9, 23.) immer stärker aus der Spur zu geraten drohenden HSG-Teams geworden. »Wir waren zuletzt unglücklich und jetzt glücklich. Mal gewinnst du, mal verlierst du.«

Als der Stress auf dem Parkett gegen die von Stuttgarts Coach Roi Sanchez angeordnete und vom siebenfachen Torschützen Patrick Zieker nahezu optimal umgesetzte 5:1-Deckung für die Grün-Weißen am größten wurde, warf der spielende Co-Trainer der HSG Wetzlar all seine Klasse und Routine in die Waagschale, traf vom 26:24 (45.) bis zum 29:27 (49.) dreimal und hielt sein Team im Spiel.

»Wir haben in der ersten Halbzeit speziell im Angriff sehr gut gespielt«, resümierte Mirkulovski, »wir wollen allerdings nicht über den Angriff die Spiele gewinnen, sondern über unsere Defensive. Und da sind 34 Gegentore zu viele. Dennoch ist ein Sieg ein Sieg.«

Aber dieser war trotz der vermeintlich sicheren 21:16-Pausenführung über das 24:21 (37.) immer stärker in Gefahr geraten. Und beim 33:34 durch Stuttgarts wurfstarken Halblinken Adam Lönn zweieinhalb Minuten vor dem Abpfiff war das Momentum plötzlich auf Seiten der Schwaben. TVB-Trainer Roi Sanchez: »In der zweiten Halbzeit haben wir das mit der 5:1-Deckung probiert - und die hat super funktioniert. Ich denke, wir hätten den einen Punkt verdient gehabt.«

Klappte aber nicht, da die Mannschaft der HSG Wetzlar noch einmal zusammenrückte und mit enormer Kampfkraft und großer Moral nicht nur die Rückschläge der vergangenen beiden Wochen mit dem Spielabbruch beim Bergischen HC sowie der Ein-Tore-Niederlage gegen die Rhein Neckar Löwen wegsteckte, sondern auch jene psychische Last bewältigte, dass ihr nach 50 Minuten in Führung der schon sicher geglaubte Sieg doch noch aus den Händen gerissen würde.

Dem 34:34-Ausgleich (58:05) des achtfachen Schweizer Torschützen Lenny Rubin und der siebten Parade von Torhüter Anadin Suljakovic (58:48) folgte eine ewig lange, die Nerven aller strapazierende Schlussminute. 59:13 Auszeit Wetzlar. 59:31 Freiwurf Wetzlar (Zeit angehalten). 59:42 Freiwurf Wetzlar (Zeit angehalten). 59:50 Freiwurf Wetzlar (Zeit angehalten). 59:58 - Durchbruch-Siegtor Stefan Cavor.

Das lässt die Mittelhessen bei nunmehr 7:9 Punkten und Platz elf erst einmal wieder durchatmen, zumal sich am Spieltag kurzfristig Abwehrstratege Felix Danner krank gemeldet hatte und Trainer Benjamin Matschke die Defensive neu justieren musste. Auch dieses Handicap wurde letztlich weggesteckt.

Coach Matschke wusste bei seiner Analyse aber schon, bei wem er sich ganz besonders bedanken konnte: »Filip Mirkulovski war in der Phase, in der es schwer war, die Kontrolle zu behalten, derjenige, der das Zepter in die Hand genommen und uns Stabilität verliehen hat.«

Gegen die von Minute zu Minute schneller und beweglicher, dynamischer und athletischer werdenden Stuttgarter Tempomacher Egon Hanusz, Jerome Müller, Patrik Zieker und Sascha Pfattheicher hatten die Wetzlarer trotz anfänglicher Dominanz Schwerstarbeit zu vollrichten - und auch nicht immer das Glück auf ihrer Seite, worauf Till Klimpke in seinem Statement wert legte: »Wir hatten viel Pech, viele Abpraller sind beim Gegner gelandet. Auch die Schiedsrichter haben ein paar schlechte Entscheidungen getroffen.«

Über die eigenen schlechten Entscheidungen gegen die offensive Deckungsformation bzw. die leicht durchschaubaren Lösungsformen wird intern in der Spielanalyse aber auch zu sprechen sein. Am Sonntag abend aber überwog zu Recht die Freude über den Last-Minute-Sieg.

HSG Wetzlar: Suljakovic, Till Klimpke; Rubin (8), Nyfjäll (6), Ole Klimpke (n.e.), Mirkulovski (4), Cavor (3), Novak, Forsell Schefvert (3), Holst (3/2), Mellegard (3), Weissgerber (2), Fredriksen (1), Kusan (1), Srsen (1).

TVB Stuttgart: Thulin, Prost; Zieker (7/5), Jerome Müller (6), Pfattheicher (6), Kristjansson (4), Runarsson, Peshevski (4), Hanusz (3), Lönn (2), Röthlisberger (1), Schulze (1), Weiß, Augustinussen, Meschke.

Im Stenogramm / Schiedsrichter: Zupanovic/Thöne (Berlin). - Zuschauer: 2509. - Strafminuten: Forsell Schefvert (4., 46.), Nyfjäll (9./22.), Kusan (27., alle Wetzlar); Weiß (28., 60., Stuttgart).



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