30. Januar 2021, 14:00 Uhr

Rollstuhlbasketball in der Rittal Arena

Breuer vermisst die Zuschauer beim RSV

Annabel Breuer weiß, wie sich eine vollbesetzte Arena anfühlt. Momentan ist es allerdings bei den Spielen des Rollstuhlbasketball-Bundesligisten RSV Lahn-Dill mucksmäuschenstill.
30. Januar 2021, 14:00 Uhr
Annabel Breuer vor leeren Rängen. Mit der neuen Wirklichkeit kann sich die Rollstuhlbasketballerin nicht anfreunden und freut sich schon wieder auf Zeiten, in denen das lautstarke RSV-Publikum ihr Team wie einst anfeuern darf. FOTO: SM

Es ist irgendwie surreal, unwirklich, obwohl es momentan die neue Wirklichkeit ist. Letzten Sonntag rollten die Basketballer des RSV Lahn-Dill zum ersten Mal in diesem Jahr zu einem Spiel in die Wetzlarer Rittal Arena, und sie rollten in eine leere Halle, die an jeder Ecke erahnen lässt, wie es sein könnte, wenn über 4000 Zuschauer für Stimmung sorgen. Momentan ist das neue Wohnzimmer der Rollstuhlbasketballer allerdings nur mit wenigen Menschen gefüllt, mit Menschen, die notwendig sind, um ein Spiel der Rollstuhlbasketball-Bundesliga auf die Beine zu stellen. Zuschauer sind in Zeiten des Lockdowns nicht erlaubt.

Mit von der Partie natürlich auch wieder Annabel Breuer. Die 28-jährige gehört quasi schon zum Inventar des RSV, spielt seit 2012 an der Lahn. An diesem letzten Sonntag war die Mannschaft von Hannover United zu Gast, die als Tabellenzweiter ihre Visitenkarte in Wetzlar abgab. Mit 72:56 schickte der RSV das Team aus Hannover zurück nach Hause, ein Ergebnis, das so klar kaum zu erwarten gewesen war. »Ich hatte sie ehrlich gesagt stärker eingeschätzt«, so Breuers Fazit. »Wir hatten gefühlt seit Saisonbeginn nur zwei Spiele und die haben gefühlt jedes Wochenende gespielt. Ich habe gar nicht auf die Tabelle geschaut. Die ist ja auch nicht sehr aussagekräftig.«

Bis zum Hannover-Spiel hatte der RSV tatsächlich nur vier Spiele absolviert, zwei weitere gingen am grünen Tisch an die Rollis. Es war erst das zweite Heimspiel der regulären Saison in der neuen Spielstätte, dementsprechend waren alle gespannt, wo das Team steht und wie es sich präsentieren würde. Hannover war bereits in der Vorbereitung zu Gast und machte dem RSV dort deutlich mehr zu schaffen. »Ich glaube, dass sie am Sonntag ihre eigentliche Leistung nicht zeigen konnten. Das liegt sicher so ein bisschen daran, dass sie am Samstag gegen Hamburg gespielt haben und nicht so viel Rotation im Kader hatten. Sie haben ein bisschen müde gewirkt. Dazu die Fahrt von Hannover nach Wetzlar, da würde es mir auch so gehen«, zeigt Breuer Verständnis.

Lange war unklar, ob es im Rollstuhlbasketball überhaupt losgehen kann. »Das ganze letzte Jahr war richtig schlimm, weil man gar nichts richtig planen konnte«, gewährt Breuer einen Blick in ihr Innenleben. »Es hat ja schon im März angefangen, als dann plötzlich alles abgesagt wurde. Die Paralympics wurden erst verschoben und dann doch abgesagt. Es ging immer so weiter und man wusste eigentlich nicht, wann es losgeht.«

Im Juli bat Cheftrainerin Janet Zeltinger zu den ersten Trainingseinheiten, die ersten Spiele wurden allerdings erst im November ausgetragen. »Wir hatten vier Monate Vorbereitung, das ist schon sehr lange und ermüdend, wenn man keine Spiele hat«, so Breuer. »Das hat einen schon sehr gestresst und es hört ja nicht auf. Mit dem nun härteren Lockdown haben wir gedacht, dass es uns auch betrifft, dass wir wieder aufhören müssen. Es geht ja nicht nur um Spaß, sondern auch um unseren Lebensunterhalt, der dann eventuell wegfallen würde«, schildert sie die Befürchtungen im Team.

Wie sehr nerven Spielabsagen? Wie geht es einem als Sportler, wenn man sich eine Woche auf den Gegner vorbereitet und dann heißt es, wir wollen nicht spielen oder es tritt ein positiver Test auf? »Es ist schon sehr schwierig, wenn ein Spiel kurzfristig abgesagt wird. Da fällt man in so ein kleines Loch, aus dem man sich gefühlt jede Woche wieder herauskämpfen muss und sich dann sagt, okay, dann eben in zwei Wochen. Das war schon sehr anstrengend«, erklärt die Psychologiestudentin. In der wenigen Zeit, die die Mannschaft zusammen verbringen darf, versuche man sich gegenseitig aufzubauen. »Wir sprechen schon darüber und sagen, dass es gerade scheiße ist. Aber es geht eben allen gleich und jeder muss versuchen, damit zurecht zu kommen. Wir trainieren trotzdem weiter und das hilft schon sehr. Das sind dann die einzigen Leute, die man sieht. Es hilft, wenn man zusammen ist und die Situation zusammen versucht zu meistern.«

Vor allem die Zeiten vor und nach dem Training, in denen man sich als Mannschaft austauschen kann, fallen derzeit weg. »Das ist jetzt leider nicht mehr erlaubt. Jetzt heißt es wirklich nur noch, zum Trainieren in die Halle gehen und dann heimfahren. Wir dürfen wegen der Ansteckungsgefahr auch nicht in einem kleinen Raum zusammen sein.« Jeden Donnerstag kommt vor dem Training zudem ein Arzt in die Halle und macht einen Schnelltest.

In einer leeren Halle zu spielen empfindet die mehrfache deutsche Meisterin und Pokalsiegerin als große Umstellung. »Ich habe selbst in der Halle zwar noch nie mit Zuschauern gespielt, war aber schon mal bei einem Handballspiel, da ist schon viel Stimmung«, beschreibt sie begeistert die übliche Atmosphäre in der Rittal Arena. »Man stellt sich natürlich schon vor, wie es ist mit Zuschauern. Und auch während des Spiels ist es komisch. Man hört alles, was die anderen sagen (lacht). Wenn die Bank gerade mal nicht anfeuert, wird es schon extrem leise, das ist ein komisches Gefühl. Vor allem, weil unsere Fans, von denen immer sehr viele bei den Spielen sind, extrem laut sind. Aber das wird bestimmt wieder klappen und dann ist die Bude ausverkauft«, schaut Breuer optimistisch in die Zukunft.

Vom 30. April bis 2. Mai ist die Endrunde der Champions League in Wetzlar terminiert. Der RSV hat dann die Chance, den größten Titel auf Vereinsebene im eigenen Wohnzimmer zu gewinnen. »Darauf freue ich mich schon«, zeigt sich Breuer angetan, »obwohl ich persönlich noch nicht sicher bin, ob das stattfinden kann. Die Champions League in Wetzlar auszuspielen wäre echt cool.«

Mit den Maßnahmen, die der Verein getroffen hat, fühlt sich Breuer sicher und ist voll des Lobes für die Verantwortlichen. »Ich finde, dass der Verein das gut gemacht hat. Es kostet sehr viel Energie und Zeit, so ein Hygienekonzept zu entwickeln. Dass wir dadurch nicht unseren Job verloren haben, das finde ich richtig gut. Darauf kann man sich im Team verlassen, ich finde es cool, dass das so gut umgesetzt wird.«

Am heutigen Samstagabend um 19.30 Uhr sind die RBB München Iguanas zu Gast in der Rittal Arena. Die Münchner sind erst spät in die Saison eingestiegen, haben lediglich zwei Spiele absolviert. »Ich denke aber, dass es trotzdem ein gutes Spiel werden kann. So ein bisschen mehr Spielbetriebsfeeling haben wir schon (lacht). Das gibt uns einen Vorteil.« Und es ist auch ein Vorteil, dreimal hintereinander daheim ran zu dürfen. »Es ist natürlich weniger Aufwand und auf den Fahrten im Bus müssen wir auch immer eine FFP2-Maske anziehen. Da ist es viel angenehmer, ohne Maske im eigenen Auto in die Arena zu fahren.« Eine Arena, in der fast 4500 Zuschauer Platz finden. Eine Arena, in der Stille und Tristesse die Spiele der Rollis und der Handballer momentan begleiten und in der jedes Wort doppelt so laut erscheint. Auch heute Abend wieder.

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