10. Februar 2021, 07:00 Uhr

HSG Wetzlar

Björn Seipp: Es passiert viel hinter den Kulissen

Handball-Bundesliga managen aus dem Homeoffice - das hätte sich der Geschäftsführer der HSG Wetzlar, Björn Seipp, vor einem Jahr kaum vorstellen können.
10. Februar 2021, 07:00 Uhr

HSG Wetzlar


Seit der Saison 2010/2011 ist Björn Seipp als Geschäftsführer bei der HSG Wetzlar tätig, zuvor war er Pressesprecher. Er kennt das Metier, doch die Corona-Pandemie hat für gänzlich neue Strukturen gesorgt. So gibt es nun Tage, an denen er von einer Videokonferenz zur nächstes klickt, um sich am Ende des Tages manchmal selbst zu fragen: »Was habe ich heute eigentlich gearbeitet?« Wahrscheinlich viel, nur eben anders. Nun wartet auf Seipp und seine Mitstreiter aber wieder die Bundesliga. Denn die Handball-WM ist Geschichte, am morgigen Donnerstag (19 Uhr) beginnt für die HSG Wetzlar wieder der Liga-Alltag in der Bundesliga mit dem Gastspiel bei der HSG Nordhorn-Lingen. Wir haben mit dem Geschäftsführer gesprochen

Herr Seipp, in der Bundesliga hat Ihre Mannschaft 16 Spiele hinter sich gebracht. Wie bewerten Sie die letzten Monate aus Sicht der HSG Wetzlar?

Ganz ehrlich, wie die Mannschaft das unter diesen Pandemiebedingungen gemacht hat, was sie bisher geleistet hat, davor habe ich allergrößten Re-spekt. Aktuell auf Tabellenplatz acht ist eine tolle Leistung! Es ist keine normale Saison, sondern eine Spielzeit während einer weltweiten Gesundheitskrise, in der die Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 immer über allem schwebt. Für uns heißt das alle drei Tage PCR-Testungen und immer die Frage: Haben wir morgen wieder Training oder erst mal nicht mehr? Das ist eine enorme mentale Belastung. Ich habe aber immer den Eindruck, wenn die Spieler trainieren oder spielen, dann blenden sie mal alles aus, haben einfach Spaß am Handball. Die Jungs haben das bislang einfach klasse gemacht, auch wenn wir natürlich unsere Schwächephasen hatten. Die gehören aber dazu und sind leichter zu verdauen, wenn man Überraschungssiege wie gegen Kiel landet. Viele Spieler haben mir aber eingestanden, dass sie sich Anfang Dezember doch geärgert haben, weil sie der Auffassung sind, dass wir da unnötig Punkte liegen gelassen haben. Das zeigt den Ehrgeiz unserer Mannschaft, die auch abseits des Spielfelds sehr diszipliniert ist. Auch in Hinblick auf die Corona-Restriktionen und Hygienekonzepte. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir bis Jahreswechsel gemeinsam mit dem TBV Lemgo das einzige Team waren, das alle Bundesligaspiele absolvieren konnte.

Wie hat die HBL die Situation bisher gemeistert?

Ich glaube, die HBL hat das sehr gut gemanagt. Seit dem Ausbruch der Pandemie stimmen wir uns auf Geschäftsführerebene wöchentlich mit der Liga-Führung ab. Das hat von Anfang an gut funktioniert und war bei notwendigen Entscheidungen immer ein demokratischer Abstimmungsprozess, wie zum Beispiel beim Thema Hygienekonzept, das wir in der Liga gemeinsam entwickelt haben. Natürlich eckt man im Tagesgeschäft ab und zu auch mal an, aber in einer Zeit wie dieser muss jeder auch mal eine Kröte schlucken, damit das Ganze funktionieren kann.

Wie schätzen Sie die Lage der Liga bis zum Ende der Saison ein?

Das Spannendste wird sein, ob wir es hinbekommen, bis Ende Juni alle 38 Spieltage über die Bühne zu bringen. Da habe ich aktuell große Zweifel. Vom Virus gebeutelte Klubs wie der THW Kiel oder Melsungen merken ja jetzt schon, dass sie die vielen Nachholspiele kaum noch unterbekommen. Irgendwann kommen wir vielleicht an den Punkt, wo es nicht mehr genug Termine gibt. Dann laufen wir Gefahr, kein sportlich faires Saisonergebnis zu erhalten. Das sollte bei allen Unwägbarkeiten aber unser Ziel sein. Deshalb bin ich ein Befürworter, dass wir uns eine zweite Spielplan-Option für die Rückrunde erarbeiten. Im Worst Case mit weniger Spielen, aber mit einer größeren Chance für einen ordentlichen Rundenabschluss. Das alles bedingt natürlich, dass wir generell weiterspielen dürfen. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein pandemiebedingter Abbruch, dann hätten unser Sport, die Liga und die Klubs ein Problem.

Welche Ideen schweben in Sachen zweiter Option im Raum?

Das wird gerade ausgearbeitet. Es ist noch zu früh, um darüber öffentlich zu reden. Zudem wäre das nicht meine Aufgabe. Ich bin Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Spielplan und wir arbeiten sehr intensiv an Vorschlägen. Die AG Spielplan wurde schon weit vor dem Ausbruch der Pandemie gegründet, um den Spielplan so zu überarbeiten, dass die Spitzenvereine und Nationalspieler mehr Regenerationspausen bekommen. Dann wütete das Virus - nun kümmern wir uns darum, dass wir irgendwie zu Ende spielen und überleben können.

Welches sind die dringendsten administrativen Dinge, die in der nächsten Zeit anstehen?

Da gibt es natürlich ganz viele Themen, wie die sportliche Planung, die Lizenzierung oder zum Beispiel auch der Relaunch der Homepage. Am dringlichsten sind natürlich die Gespräche mit den Partnerunternehmen, die uns bislang toll unterstützt haben. Unsere Sponsoren wissen, wie wichtig unser Club für diese sport- und handballbegeisterte Region ist. Viele haben aber auch Corona-Sorgen. Da fällt es zurzeit einigen noch schwer, konkrete Aussagen zum Engagement in der kommenden Saison zu machen. Wir haben aber auch schon ganz viele positive Signale, was Hoffnung macht, dass sich die Einnahmeausfälle in Grenzen halten und vielleicht kompensieren lassen. Wir haben Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern und deren Familien, der Stadt und unseren Fans. Dazu wirtschaftliche Verpflichtungen, die trotz Corona weiterbestehen. Da braucht es unsere Sponsoren! Zumal wir bei der aktuellen Infektionslage noch nicht über den Absatz von Saison- oder Einzeltickets nachdenken brauchen.

Welche Personalfragen gibt es neben den Vertragsverlängerungen von Olle Forsell Schefvert und Magnus Fredriksen sowie der Neuverpflichtung von Kreisläufer Adam Nyfjäll zu klären?

Wir haben genug zu tun. Auch wenn nur wenige Verträge im Sommer auslaufen, so passiert doch viel hinter den Kulissen. Vor allem, weil wir einen neuen Trainer bekommen, der klare Vorstellungen, Konzepte und Ziele hat. Da braucht es viel Austausch und Abstimmung. Viel davon läuft auch über Jasmin Camdzic, der auch seine Aufgabe als Leiter Scouting toll ausfüllt. Natürlich ist Benjamin Matschke in die sportlichen Themen, die die kommende Saison betreffen, vollends eingebunden.

Welche Hilfen sind bei der HSG angekommen?

Die Staatsgelder, die wir beantragen konnten, haben wir bislang auch erhalten. Das sind zum einen ein langfristiges Darlehen, das wir nach Verhandlungen mit Teamsport Hessen im Sommer über die Landesbank erhalten haben und das uns liquiditätstechnisch sehr geholfen hat, über die ersten Wochen und Monate der Saison zu kommen. Zum anderen haben wir auch aus dem ersten Soforthilfe-Paket der Bundesregierung Geld bekommen. Das kompensiert die enormen Einnahmeausfälle durch die Geisterspiele 2020. Dank der Treue unserer Sponsoren und Partner, des Gehaltsverzichts unserer Mitarbeiter sowie dieser Staatshilfen sind wir aktuell liquide und sollten es, wenn unsere Rechnungen weiterhin bezahlt werden und das zweite Bundespaket noch kommt, irgendwie durch die Saison schaffen. Die Mittel aus dem zweiten Staatspaket brauchen wir auch noch, weil wir nicht davon ausgehen können, diese Saison noch mal mit Zuschauern spielen zu dürfen.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie über die Saison hinaus auf den Verein zukommen?

Wie gesagt, wir müssen hoffen, dass sich unsere Sponsoren weiterhin so engagieren können, wie sie es bisher getan haben - oder zumindest annähernd. Das ist für uns elementar, denn woraus sollen wir die Einnahmen generieren, als durch unsere Sponsoren und Zuschauer? Andere Möglichkeiten haben wir nicht! Wir brauchen die Region. Es wird sicherlich auch spannend sein, wie sich die Fans verhalten, wenn wieder Zuschauer zugelassen werden. Auch wenn unser Hygienekonzept für die Rittal-Arena extrem ausgereift ist und sehr gelobt wurde, ich bin mir sicher, dass Corona etwas mit den Menschen macht - uns alle absehbar verändert. Deshalb ist es eine ungewisse Zukunft, vor der auch der Sport und somit auch die HSG Wetzlar stehen. Das bereitet Sorge, da hilft es, zu wissen, dass sehr viele Menschen hinter uns stehen. FOTO: IMAGO

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