27. Dezember 2020, 22:42 Uhr

Basketball

Bescherung eine Erlösung für die Gießen 46ers

Endlich! Nach 15 Pflichtspiel-Niederlagen in Folge beschert sich Basketball-Bundesligist Gießen 46ers an Weihnachten mit einem 110:99-Auswärtssieg bei Medi Bayreuth. Ein erlösender Erfolg!
27. Dezember 2020, 22:42 Uhr
Jacke aus und Ärmel hoch: Trainer Rolf Scholz lebt Leidenschaft vor. PETER KOLB

Gießen 46ers


Mit glasigen Augen trat Trainer Rolf Scholz nach dem Spiel vor die Kamera. Wo kurz zuvor Siegesschreie im Team-Huddle der Gießen 46ers ertönt waren, lobte der Coach nun Spieler und Umfeld des Vereins nach dem erlösenden 110:99 (30:27, 17:25, 24:18, 39:29) bei Bundesligarivale medi Bayreuth: »Ich freue mich für die ganze Stadt und die Mitarbeiter der 46ers - und die Jungs, die viel einstecken mussten. Sie haben in der zweiten Halbzeit eine Reaktion gezeigt. Es hat noch nicht alles gepasst, aber heute zählt nur der Sieg.«

Die Pace war extrem hoch, ganz so wie man es zu Zeiten seines Vorgängers Ingo Freyer gewohnt war. Wirklich hergeschenkt wurde in der Verteidigung aber nur wenig. Die positive Entwicklung war an beiden Seiten des Feldes zu spüren - auch auf der Bank. Jonahan Stark hatte gerade zum 67:70 verkürzt (30.). Nach einem weiteren Gießener Ballgewinn tobten die Ersatzleute, während sich Scholz seines Jacketts entledigte und es lässig über die Bande warf. Brandon Thomas an der Linie und Isaac Hamilton mit der Sirene eroberten die Führung für Gießen zurück.

Das allerdings war nur ein Vorgeschmack auf das Feuerwerk, welches im mit zehn Punkten gewonnenen Schlussabschnitt folgen sollte. Angeführt von Isaac Hamilton schien Gießen wie im Rausch, selbst zirkusreife Abschlüsse und Würfe vom Parkplatz saßen. »Selbstvertrauen und Energielevel waren der Schlüssel zum Sieg«, erklärt Scholz mit einem Tag Abstand. »Unabhängig vom Ergebnis sind wir als Mannschaft aufgetreten und auch in schwierigen Phasen nicht auseinander gefallen«, lobt er den Teamspirit.

Es war der erste Sieg seit dem 2. Februar, der damals auch gegen Bayreuth eingefahren werden konnte. »Das Erfolgserlebnis war gerade für die Spieler mental enorm wichtig«, hofft Sportdirektor Michael Koch auf einen »Brustlöser-Effekt«: »Es fielen schwierige Würfe, aber Rolf macht einen guten Job. Wir haben variabel verteidigt und sehen Fortschritte.«

Trotzdem lässt der Verein vorerst offen, ob mit Scholz bis zum Saisonende geplant wird. »Das war zu allererst eine Interimslösung. Wir wollen keinen Druck ausüben oder vorgeben, wie viele Siege in so und so viel Spielen eingeholt werden müssen. Rolf soll in Ruhe arbeiten. Es geht darum, ob er die Mannschaft erreicht - und das sehen wir sehr positiv«, sagt Koch.

Auch Scholz bestätigt diese interne Verständigung - »da lassen wir die nächsten Spiele auf uns zukommen. Mir müssen den Rückenwind mitnehmen, dürfen uns aber nicht hinreißen lassen. Es gibt immer noch genug Baustellen.«

Damit meint der Coach auch mögliche Nachverpflichtungen. Gegen die kurze Bayreuther Rotation ließ Scholz so tief durchrotieren, wie es der Kader der Mittelhessen nur zulässt. Ferdinand Zylka und Rackelo-Anführer Tim Uhlemann wurden in den Ring geworfen und verschafften der Starting Five am Ende die nötige Luft, um den Sieg nach Hause zu holen. Wer kaum spielte, war indes Liam O’Reilly. Ein Fingerzeig? Nachbessern müsste der Club auf den Guard-Positionen, doch auch unterm Korb ist noch einige Luft nach oben.

»Es ist letztlich nur ein Sieg, wir sind immer noch am Tabellenende, wo wir nach 34 Spieltagen nicht stehen wollen«, sieht Koch ebenfalls Handlungsbedarf. Gleichzeitig schränkt der ehemalige Nationalspieler ein: »Die 46ers haben in der Liga sicher den kleinsten Teametat. Dann haben wir den Trainer getauscht, was Extrakosten verursacht. Dennoch müssen wir über solche Maßnahmen nachdenken.«

Für den Moment aber haben die 46ers Zeit zum Luftschnappen gewonnen. Der Sieg wurde unter höchsten Schwierigkeiten eingefahren. Noch im November befand sich das Team in Quarantäne. Es folgten sieben Spiele in 17 Tagen. Scholz selbst ist noch keine zwei Wochen im Amt. Desto beachtlicher sind sein Einfluss auf Team- und Zusammengehörigkeitsgefühl in der Mannschaft.

Im zweiten und dritten Viertel liefen die Mittelhessen lange einem Rückstand hinterher. Dennoch ließen sich Brandon Bowman und Co. erstmals in dieser Saison nicht abschütteln, sondern schlugen zurück. Bayreuths mentale Probleme - die Franken kassierten die vierte Niederlage in Serie - wurden gnadenlos offengelegt. Die Einstellung, dass es nur gemeinsam geht, war am Ende bei den Gießenern stärker ausgeprägt, nur das zweite Viertel war verloren gegangen.

Die Erleichterung war mit Händen greifbar. Nach dem emotionalen Interview kam Pressesprecher Daniel Rohm, um Coach Scholz vom Parkett »abzuholen«. Arm in Arm gingen beide in Richtung Kabine. Gegen Frankfurt (Mittwoch, 19 Uhr) wird eine ähnliche Teamleistung nötig sein, um für die nächste Überraschung zu sorgen. Der Hessenrivale steht mit drei Siegen im Tabellenmittelfeld. Ob und wie bei den 46ers nachgebessert wird, könnte sich schon in den nächsten Tagen entscheiden. Unter besonderer Beobachtung steht die weitere Entwicklung des Teams: »Wir müssen den Sieg als Anschub nehmen, dürfen uns aber davon nicht blenden lassen«, gibt (Noch)-Interimscoach Scholz die Route vor.

Bayreuth: Derek Pardon (5 Punkte), Nico Wenzl, Ryan Woolridge (9), Philip Jalalpoor, Kay Bruhnke, Bastian Doreth (11, 7 Assists), Andreas Seiferth (10), Matt Tiby (13), Johannes Krug, David Walker (13), Frank Bartley (27), Osvaldas Olisevicius (11).

Gießen: Jonathan Stark (21, 5 Assists), Isaac Hamilton (20), Liam O’Reilly, Bjarne Kraushaar (6), Alen Pjanic (6), Tim Uhlemann, Johannes Richter (7), Brandon Bowman (17), Ferdinand Zylka (2), Scottie James JR (18), Brandon Thomas (13, 8 Rebounds).

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