01. Oktober 2019, 16:00 Uhr

Mountainbike

Zimmer triumphiert in seinem »Wohnzimmer«

Beim Dünsberg-Marathon des AMC Rodheim-Bieber gewinnt der ehemalige Vetzberger die Kurzstrecke. Andere Favoriten beklagen technische Defekte.
01. Oktober 2019, 16:00 Uhr
Am Krumbacher Kreuz nehmen die Mountainbiker Kurs auf den Dünsberg. (Foto: Herteux)

Ein unsichtbarer Gegner, der ewig lauert und besonders vor heimischem Publikum schmerzlich trifft, hat das Rennen von Noah Jung beim 13. Dünsberg-Bike-Marathon durchkreuzt: Der Defektteufel hat dem Wiesecker den scheinbar sicheren Sieg auf der Minimarathon-Distanz genommen. Ebenfalls unsichtbare Gegner stachelten den Vetzberger Niclas Zimmer (RSG Gießen und Wieseck) derart an, dass er sich bei seinem Sieg auf der Kurzstrecke sogar das Jubeln verkniff. Aber von vorne.

Vier Rennen auf drei Distanzen wurden beim 13. Dünsberg-Bike-Marathon im Abstand von 15 Minuten bei Start und Ziel an der Biebertaler Großsporthalle bei 386 Teilnehmern über die Bühne gezogen. Den Anfang machte eine Gruppe Pedelecs, die aufgrund derzeit noch fehlendem Reglements in dieser Kategorie nur mit Zeitnahme, aber ohne Platzierung fuhr und dennoch viel Spaß auf den 28,9 km rund um den Dünsberg hatte. »Die Strecke war richtig gut«, freute sich Annett Förster vom Team delta-bike.de, als eine von acht Pedelec-Teilnehmerinnen. Die Regenschauer der Tage zuvor und die Vorbereitung des ausrichtenden AMC Rodheim-Bieber versetzten die Strecke in einen »Topzustand«, wie Organisationsleiter Thomas Gerlach bei der Fahrerbesprechung verkünden konnte.

Fast 48 Starter gingen auf die 84,3 km Langstrecke (1980 Höhenmeter), 119 auf die 55,4 km (1371) der Kurzstrecke und 206 Fahrer nahmen den 28,9 Kilometer kurzen, aber nicht minder anspruchsvollen Minimarathon unter die Räder. Etwas über eine Stunde sollte es dauern, bis die ersten Fahrer der kürzesten Distanz wieder im Ziel sein würden. Dass dann sein Name zu hören ist, hatte sich Lokalmatador Noah Jung von der RSG Gießen und Wieseck im Trikot des Teams delta-bike.de vorgenommen und dafür auch einige Reisestrapazen auf sich genommen, denn am Vortag stand für ihn noch das Bundesliga-Finale in Titisee-Neustadt im Schwarzwald als vorletztes Rennen im Saisonplan. Ein defekter Verschluss an seinem Schuh musste dort nach einem Sturz notdürftig repariert werden. Platz 36 ließ ihn dann immerhin noch auf Rang zehn in der Bundesliga-Gesamtwertung kommen. Umso mehr sollte ein Sieg beim 13. Dünsberg-Bike-Marathon seine Saison versöhnlich abschließen, und es sah zunächst gut aus. Direkt nach dem Start konnte Jung eine Lücke zwischen sich und seinem Verfolger Marian Kopfer (training-mit-koepfchen.de) reißen, die er bis zum Dünsberg ausbaute. Als nach knapp einer Stunde die Zuschauer von der Strecke zum Ziel zurückkehrten, folgte die überraschende Nachricht: Jung hatte einen Reifenschaden und die Führung an Kopfer verloren. Hinter Mauritz-Jakob Verhoeven (RSG Gießen und Wieseck) wurde Jung mit schleichendem Plattfuß, der ihn vor allem Kurven nicht mehr schnell und sicher fahren ließ, noch Dritter der Herrenklasse. Hinter Vanessa Schmidt (Specialized Racing), der souveränen Siegerin der Juniorinnen/Damen, kam Natascha Fischer vom RSC Grünberg auf Platz drei.

In der Masters-Kategorie 1 gewann Thomas Hockauf (RSG Gießen und Wieseck) vor Oliver Best (Team Olibär) und Wolfgang Rinn, dem Vereinsvorsitzenden der RV Gießen-Kleinlinden. Sein Heimrennen hatte für Hockauf auch die Funktion eines Formtests, denn in der nächsten Woche beginnt für ihn die neue Radcross-Saison. »Da sind dann einige Granaten, Weltmeister und Olympia-Teilnehmer dabei. Aber ich fühle mich gut«, freute sich Altersklassensieger Hockauf über seine Verfassung auf dem Mountainbike.

Seine perfekte Streckenkenntnis setzte der Vetzberger Niclas Zimmer in den Gesamtsieg auf der Kurzstrecke um, doch das Rennen war für ihn keineswegs entspannt, wenngleich sein Zieleinlauf mit kurzem Vorderradlupfer auf dem Zielstrich diesen Eindruck erweckte. Zimmer besaß am Ende über drei Minuten Vorsprung auf seinen Verfolger, den Senioren-1-Sieger Jonas Müller (Sportler ruft Sportler). »Die erste Attacke bin ich am Vetzberg gefahren. Da war ich alleine. Dann habe ich noch auf einen gewartet. Bei Kilometer 15 ist der dann auch wieder abgeplatzt und ich war erneut alleine, obwohl ich das gar nicht wollte. Dann dachte ich mir: Warte ich jetzt oder fahre ich durch. Ich bin dann durchgefahren«, schildert Zimmer sein einsames Rennen an der Spitze, bei dem er die Verfolger aber ständig hinter sich vermutete. »Ich wusste ja nicht, wie viel Vorsprung ich hatte. Dann bin ich schon immer ziemlich am Limit gefahren. Aber ich musste aufpassen, dass ich nicht wie im Vorjahr zum Ende hin einbreche«, lieferte Zimmer auch die Erklärung dafür, dass nach 55,4 km der Wink mit dem Vorderrad einen ausgiebigeren Jubel ersetzen musste.

Zweiter der Herren/U23 wurde Pierre Happel (MSC Salzbödetal) vor Christopher Platt (delta-bike.de) vom AMC Rodheim-Bieber. Für den Ex-Nationalkaderfahrer war das Rennen mit 2:23 Stunden ungewohnt lang. Nachdem sich erste Krämpfe ankündigten, musste er sogar einen Moment vom Rad und zu Fuß gehen, um die Muskulatur zu lockern. »Das trainiere ich ja alles nicht mehr. Keine Grundlagen, keine Intervalle. Da fehlt die Substanz. Aber es ist ja noch ein bisschen was da, das man abrufen kann, auch wenn es nicht mehr das ist, was es einmal war«, sagte Platt, die sich inzwischen auf seine berufliche Laufbahn konzentriert.

Und dann wartete man auf die Zielankunft der Langstrecke. Mit 84,3 km und 1980 Höhenmeter war sie etwas für Experten. Ein ebensolcher war Sascha Starker von der SSG Bensheim. Der Gesamt-Neunte und Elite-Siebte der Marathon-Weltmeisterschaft war als Vorjahressieger auf der Kurzstrecke froh, dass es diesmal die Langstrecke rund um Biebertal gab. Keine Überraschung, sondern Ergebnis eines tadellosen Rennens war sein Sieg nach 3:21 Stunden vor Christoph Hartmann (Eighty-Aid) und Florian Anders von der RSG Gießen und Wieseck/Team delta-bike.de. »Das war schon eine Nummer. Da haben die Beine richtig gebrannt«, zeigte sich Anders zufrieden mit seinem Rennen und der Tatsache, dass das Dünsberg-Plateau nur einmal überquert werden musste. »Die erste halbe Stunde hat richtig wehgetan. Die sind losgefahren wie die Bekloppten«, gestand Routinier Christian Schmidt (RSG Gießen und Wieseck/delta-bike.de). Dann sei es für ihn aber »entspannt« gewesen. Seinen Sieg bei den Senioren 3 vor Günther Reitz (Firebike-Handelshof) und Stefan Müller (AMC Rodheim-Bieber) konnte auch ein platter Reifen nicht verhindern. Nachdem er an einer Verpflegungsstelle Luft nachgepumpt hatte, ging es ungehindert gen Ziel. Das hätte sich auch Erik Büchele vom AMC Rodheim-Bieber gewünscht, doch ein spitzer Stein hinterließ ein Loch im Reifen.

Einteilung: Strecken im Sport sind immer eine Sache der Einteilung. Das gilt für die Krafteinteilung der Teilnehmer und wie beim Dünsberg-Bike-Marathon manchmal auch für den Ausrichter. Der Minimarathon hörte sich für manchen Zuschauer vielleicht verlockend leicht an, war aber mit seinen 28,9 Kilometer und einer Siegerzeit von 1:07 Stunden bei Weitem keine Spazierfahrt. Minimarathon und Kurzstrecke könnten man getrost wie bei anderen ähnlichen Veranstaltungen in Kurz- und Mittelstrecke umbenennen, befand auch der Streckensprecher.

Nur ein paar Tropfen: »Ich erwarte, dass es wie angekündigt frühestens ab 14 Uhr regnet«, sagte Organisationsleiter Thomas Gerlach mit gelassenem Blick gen Himmel bei der Frage nach seinen Erwartungen an den Ablauf des Renntages. Das Wetter-Roulette meinte es in der Tat gut mit den Biebertaler Marathon-Bikern, die statt Dauerregen nur ein paar Tropfen zum Zieleinlauf der Langstrecke verkraften mussten. Und da war der Großteil des Renntages bereits in trockenen Tücher beziehungsweise die Siegerehrungen gingen in der Großsporthalle über die Bühne.

Unterstützung: Der AMC Rodheim-Bieber mobilisiert für den Bike-Marathon jedes Jahr eine stattliche Zahl an Helfern. Die kommen aber nicht nur aus den eigenen Reihen: Genehmigungsbehörden, ortsansässige Sponsoren, große und kleine Vereine wie die KSG Bieber, der Lauftreff Biebertal, die SKG Rodheim-Bieber, der Schützenverein Hohensolms und nicht zuletzt Feuerwehr und Polizei tragen zum Gelingen der Großveranstaltung bei. (die)

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