27. November 2019, 22:12 Uhr

Wirkungslose Appelle

27. November 2019, 22:12 Uhr
Die Grenze ist schon längst überschritten, doch alle Aufrufe bringen nichts. Wieder ist ein Referee attackiert worden. Symbolfoto: dpa

Die Forderung von lebenslangen Sperren, der Appell zu größerem Respekt, das Video der Spitzenschiedsrichter, die Botschaft des DFB-Sportgerichts - all die Bemühungen der vergangenen Tage im Kampf gegen die anhaltende Gewalt im Amateurfußball sind wirkungslos verpufft. Beim Pokal-Halbfinale des Südwestdeutschen Fußball-Verbandes (SWFV) wurde in der Vorwoche durch den Niederschlag eines Unparteiischen ein neuerlicher Tiefpunkt erreicht.

Das Video der Szene, das auf Twitter kursiert, ist niederschmetternd. In erster Linie für den Schiedsrichter-Assistenten - aber auch für den gesamten Fußball. Das Spiel zwischen den beiden rheinland-pfälzischen Verbandsligisten TuS Rüssingen und Alemannia Waldalgesheim musste von Schiedsrichter Patrick Simon gegen Ende der ersten Hälfte abgebrochen werden, nachdem sein Assistent Jens Schmidt von einem Rüssinger Spieler zu Boden geschlagen wurde. Dass der Unparteiische rasch wieder auf die Beine kam und den Platz ohne Hilfe verlassen konnte, war der einzig positive Aspekt des traurigen Schauspiels.

Beim SWFV wird der Vorfall der Sportgerichtsbarkeit zugeführt, doch damit ist das Problem der Gewalt bei Weitem nicht gelöst. Das zeigt der Vorfall wenige Tage zuvor in der hessischen Kreisliga, bei dem ein Schiedsrichter nach eigenen Angaben mehrfach beleidigt, bespuckt und auch tätlich angegriffen wurde. Der Fußball muss Lösungen präsentieren. Das sehen auch Experten so. Nicht nur aus der Sportart.

»Das Zulassen der Aggressivität ist ein Problem«, sagte der renommierte Sportpsychologe Michael Gutmann, der unter anderem als Leitender Psychologe des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) arbeitet: »Wichtig wäre, dass der Schiedsrichter vom kompletten Umfeld als Respektsperson akzeptiert wird. Stattdessen wird oft Intoleranz toleriert. Das ist ein Problem, dessen Folgen man nur schwer abschätzen kann.«

Laut Gutmann seien »zuletzt Dinge vorgefallen, die einfach nicht in diese Welt gehören«. Grund dafür sei vor allem das Umfeld des Fußballs. »Wenn man sich Videos von Vorfällen im Amateurfußball ansieht, fragt man sich oft, was die anderen Spieler auf dem Platz eigentlich in solchen Situationen machen«, äußerte Gutmann: »Decken die das alles? Normalerweise müssten alle zusammen - also Spieler, Ersatzspieler, Trainer, Betreuer, Zuschauer - klarmachen, was nicht geht.«

Was nach Ansicht von Hans E. Lorenz gar nicht geht, sind schlechte Vorbilder aus dem Profibereich. »Das, was oben passiert, findet seine Wiederholung an der Basis«, sagte der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts zuletzt. Lorenz berichtete von neuen Vorfällen im Amateurbereich, bei denen Unparteiische im Stil von Ex-Nationalspieler Holger Badstuber als »Muschis« bezeichnet wurden.

Auch der frühere FIFA-Referee Thorsten Kinhöfer hatte die Profis in die Pflicht genommen. Laut dem 51-Jährigen müsse man sich bei diesen »Vorbildern« nicht wundern, »dass im Amateurfußball Woche für Woche Schiedsrichter beleidigt, bedroht und verprügelt werden«. Ein Ansatz zur Bekämpfung der Aggressivität könnten Regeländerungen nach dem Vorbild anderer Sportarten sein.

Das sehen Gutmann (»Beim Rugby darf nur der Spielführer mit dem Schiedsrichter reden«) und DFB-Präsident Fritz Keller so. »Mir fehlt, durchgängig durch alle Ligen, der Respekt vor den Unparteiischen. Da können wir von anderen Sportarten lernen«, sagte Keller: »Der Schiedsrichter ist der Chef des Spiels. Das muss man akzeptieren.«

Auch der Hessische Fußball-Verband und alle dessen Kreise verurteilen die in den letzten Wochen verstärkt aufgetretenen Fälle von Gewalt auf den Sportplätzen, insbesondere gegen Schiedsrichter, auf das Schärfste. Den Betroffenen wünscht der HFV eine schnelle Genesung und sagt den Tätern die unnachsichtige Ahndung der Vorfälle an. Rassismus, Antisemitismus, Beleidigungen, Bedrohungen, Gewalt und jede Form von Diskriminierung haben in der Fußballgemeinschaft keinen Platz

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