18. April 2020, 16:00 Uhr

Handball

Wetzlarer Bundesliga-Profis leben unter einem Dach

Noch ist die Saison in der Handball-Bundesliga nicht abgesagt. Deshalb halten sich die Profis der HSG Wetzlar weiter fit. Ein Großteil wohnt und lebt in Lahnau - gewissermaßen unter einem Dach.
18. April 2020, 16:00 Uhr
Gewichte- und Gleichgewichtstraining in der Kleingruppe mit Abstand (v. l.) Viggio Kristjansson, Tibor Ivanisevic und Stefan Cavor am Lahnufer hinterm Wohnhaus. FOTO: RAS

HSG Wetzlar


Eigentlich stünde am kommenden Donnerstag für die HSG Wetzlar in der Handball-Bundesliga das Spiel in Minden an, die Partien gegen die Füchse Berlin und bei der TSV Hannover-Burgdorf wären Geschichte und die Nationalmannschaft hätte dieser Tage ihr Ticket für die Olympischen Spiele lösen wollen. Eigentlich - denn am Freitag, den 13. (März) wurden alle Aktivitäten jäh gestoppt.

Seitdem hält auch die Sportwelt in Deutschland inne und muss sich der Herausforderung einer so nie dagewesenen Pandemie stellen. Die Spieler der HSG müssen umdenken und Lösungen finden, um bei einer möglichen Wiederaufnahme der Saison 2019/2020 fit und bereit zu sein. Mit fünf Akteuren, die alle in Lahnau ihr zu Hause haben, hat sich Redaktion-Mitarbeiterin Daniela Pieth getroffen. Draußen an der Lahn, möglichst mit dem nötigen Sicherheitsabstand, um zu beleuchten, wie es ihnen, teils fern ab der Heimat, geht und wie sie mit dieser Situation umgehen. In der »grün-weißen Wohngemeinschaft« kommt plötzlich dem eigenen Nachwuchs, den Haustieren und den handwerklichen Fähigkeiten eine ganz neue Bedeutung zu.

Unverhoffte Sommerpause

Es ist ein warmer Frühlingstag im April, an dem Viggo Kristjansson, Stefan Cavor und Tibor Ivanisevic draußen hinter ihrem Haus trainieren. Maximilian Holst macht sich für eine Runde auf seinen Inlinern bereit, Alexander Feld bekommt von Geschäftsstellenleiterin Ruth Klimpke eine DVD in die Hand gedrückt. HSG-Geschäftsführer Björn Seipp gibt ein kurzes Interview fürs Fernsehen. Jeder Punkt für sich erst mal nichts Ungewöhnliches, aber eigentlich wären die fünf Spieler zu diesem Zeitpunkt eher in der Sporthalle Dutenhofen anzutreffen, Klimpke und Seipp in der Geschäftsstelle der HSG in Wetzlar.

Doch nun ist alles ganz anders. »Das ist vom Gefühl her wie eine unverhoffte, schnell gekommene Sommerpause«, sagte Holst mit Blick auf die Lahn. »Wir sind voll in der Saison drin, alles lief für uns sportlich gesehen sehr gut. Alles ganz normal, fast alle Spieler waren gesund und fit. Von Spieltag zu Spieltag wurde es anders. Vor unserem letzten Match in Melsungen wurden noch ein paar Sachen besprochen, ob wir überhaupt noch spielen können. Dann war fast klar, dass nach Melsungen wahrscheinlich keine Partie mehr stattfinden wird.« Die Situation ist nicht nur für die Akteure unbefriedigend, die sich fit halten, aber nicht wissen, ob und wie es weitergeht. Großveranstaltungen sind bis Ende August verboten. Noch ist fraglich, ob sich die Bundesligisten auf eine Saisonbeendigung mit Geisterspielen einigen. »Das hat sich niemand so vorgestellt«, meint Alexander Feld, der erst zu Saisonbeginn zu den Grün-Weißen gestoßen ist. »Da greifen natürlich Faktoren, die man nicht beeinflussen oder ändern kann. Schade einfach, dass eine bisher so tolle Saison ein so abruptes Ende nimmt.«

Für Viggo Kristjansson ist die Lage noch eigenartiger. Er kam aufgrund der Ausleihe von Joao Ferraz in die Schweiz erst im November nach Wetzlar. »Ich hätte natürlich gerne bis Mai hier gespielt.« Ein vernünftiger Abschied mit den Fans in der Arena bleibt ihm wohl verwehrt. »Das ist natürlich schade, weil es einfach geil ist, in der Rittal-Arena zu spielen. Hoffentlich werde ich mit dem TVB Stuttgart nächste Saison herkommen, dann kann ich vielleicht Tschüss sagen. Es ist leider so und ich kann daran nichts ändern. Ich freue mich auf jeden Fall wieder in die Arena zu kommen.« Und Feld ergänzt: »Gerade so ein letzter Spieltag, wo Spieler verabschiedet werden, wie ein Nils Torbrügge, ein Stefan Kneer, die eine tolle Leistung gebracht haben. Filip Mirkulovski, der nach der Saison andere Aufgaben übernimmt, all diese Jungs hätten einfach ein großes Abschiedsfest mit den Fans verdient, wo wir uns alle für die Saison belohnt hätten. Ja, das tut natürlich weh, weil man nicht weiß, in welcher Form man das überhaupt noch mal nachholen kann.«

Der kleine Kristian freut sich

Zumindest einer im Hause Kristjansson freut sich: Der neun Monate alte Kristian genießt die Zeit mit seinem Papa. »Für mich ist das eigentlich ganz okay, den Tag mit dem Jungen zu Hause zu bleiben. So habe ich eine geile Zeit mit meinem Sohn. Jetzt kann ich das doppelt genießen, weil ich vorher natürlich mehr im Training und meine Frau immer mit meinem Sohn zu Hause war. Jetzt bin ich oft mal alleine mit ihm und finde es einfach toll. Ich denke, mein Sohn freut sich und ich bin jetzt sein Favorit, nicht seine Mutter«, lacht der Isländer.

Geteiltes Leid ist halbes Leid - dieser Spruch gilt momentan auch für die Hunde von Holst und Feld, die beim Joggen als Trainingspartner für die beiden herhalten müssen. »Unser Hund muss immer mit, dem hängt das viele Gelaufe, glaube ich, schon ein bisschen zum Hals raus«, lacht Holst. »Der ist froh, wenn das gemeinsame Handballtraining losgeht, damit er endlich wieder ein bisschen mehr Ruhe hat. Der muss auf jeden Fall deutlich mehr Sport machen, als er sonst gewohnt ist.« Für das Muskeltraining hat Mittelmann Feld einen eigenen Kraftraum zur Verfügung, die anderen Spieler profitieren vom Organisationstalent des Vereins. Da das Gros der HSG-Spieler im gleichen Häuserblock wohnt, wurden Trainingsmaterialien aus der Sporthalle Dutenhofen über die Lahn geschafft, damit die Spieler ihr Krafttraining problemlos absolvieren können.

Und während Holst mit seinem Zweit-Job bei Leica ein wenig Abwechslung hat, wird Feld in die Lage versetzt, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. »Handwerklich habe ich Sachen an mir entdeckt, bei denen ich vorher nie gedacht hätte, dass ich so etwas mal hinbekomme«, schmunzelt der gebürtige Krefelder. »Tatsächlich habe ich mir seit zwei Jahren vorgenommen, aus sieben Paletten mal etwas zu basteln. Ich habe daraus einen Tisch gebaut, wir haben Blumenkästen geschliffen und uns anderweitig im Haus an Sachen ausgetobt, die man immer so vor sich her geschoben hat. So Kleinigkeiten, die am Ende aber doch ein schönes Gesamtbild darstellen.« Und dann war da ja noch die DVD, die Ruth Klimpke ihm gegeben hat. »Wir Spieler planen nächste Woche online gegen ein paar Fans mit der Playstation »FIFA 20« zu spielen. Das Ganze soll im Internet über die HSG-Homepage gestreamt werden.« Wenn schon kein direkter Kontakt zu den Fans, so doch wenigstens virtuell.

Noch ein bisschen härter trifft es die beiden Singles Stefan Cavor und Tibor Ivanisevic. Sie hocken große Teile des Tages alleine in ihren Wohnungen. »Diese Zeit ist wirklich sehr langweilig«, sagt Cavor. »Es ist ein großes Problem, dass wir nicht wissen, wann wir anfangen. Was ist los mit Handball. Wann können wir wieder trainieren? Ich hoffe, dass wir schnell wieder mit unserem Leben anfangen können.« Einen großen Vorteil sehen die beiden darin, dass man sich mit vielen anderen Spielern auch via Balkon austauschen kann. »In den letzten Tagen war sehr schönes Wetter, da waren 80 Prozent der Leute auf dem Balkon. Das gibt schon ein besseres Gefühl und ich hoffe, dass es schnell besser wird.« Holst ergänzt: »Ja, es hat jeder einen sehr guten Blick auf das Geschehen. »Da sieht man immer, wann die Mitspieler fertig sind und man selbst trainieren kann.«

Durch Thriller schmökern

Von Seiten des Vereins wäre es für Cavor und Ivanisevic möglich gewesen, in ihre Heimatländer zu reisen. Doch beide haben sich dagegen entschieden. Nach ihrer Ankunft in Montenegro oder Serbien hätten sie sich sofort für zwei Wochen in Quarantäne begeben und anschließend noch zwei Wochen zu Hause bleiben müssen. 28 Tage in Isolation, ohne Kontakte und Training, das wollten beide nicht auf sich nehmen. »Wir sind Sportler, müssen jeden Tag trainieren«, sagt Ivanisevic. »Wenn du einen Monat Pause machst, kann das zu Verletzungen führen, wenn es wieder losgeht. Unser Körper braucht mehr Aktivität, so wird man nervös und kann nicht gut schlafen, weil man kaum ausgelastet ist.«

Videospiele, Bücher, Musik, Serien im Fernsehen und der Kontakt zur Familie und Fans sind die Hauptaktivitäten neben dem individuellen Training. Die beiden Ex-Jugoslawen lieben Thriller und schmökern sich zur Zeit durch etliche Bücher. Ein bisschen länger schlafen und mittags kochen gehören ebenso zum Programm. »Ich denke, 70 bis 80 Prozent koche ich Hähnchenfilet mit allem«, grinst Cavor. »Mit Reis, Kartoffeln, viel Salat, nicht so viele schwere Sachen. Pizza und Hamburger geht nicht, weil wir fit bleiben müssen. Ich muss jetzt gesund essen.« »Viel Fleisch«, schmunzelt Ivanisevic bei diesem Thema. »Dazu viel Pasta und Kartoffeln. Und im Moment viel Salat, aber das ist nicht so lecker«, lacht der Torhüter.

Finanziell kaum zu stemmen

In einem sind sich alle einig, die im »Lahnau-Tower« wohnen: Sie wünschen sich ein sportliches Ende der Saison. Nach den jüngsten Entwicklungen ist das aber eher unwahrscheinlich. Eine Möglichkeit wären Geisterspiele, wie sie im Fußball geplant sind, doch Holst gibt zu bedenken: »Ich glaube, das wäre für den Handball zum einen aus finanzielle Sicht nicht möglich, weil das kaum zu stemmen wäre. Auf der anderen Seite finde ich es ein bisschen bedenklich, wenn der Sport einfach so weitermacht als wenn nichts wäre und die ganze Welt steht im Prinzip still. Das finde ich aus moralischer Sicht nicht ideal.«

Auch für Feld hat die Pause zwei Seiten: »Ich finde es jetzt nicht schlimm, vier oder sechs Wochen Pause zu machen, weil sich danach wohl alle mal gesehnt und sich gewünscht haben«, spielt er auf die Überbelastung in etlichen Sportarten an. »Es ist viel mehr das Gesellschaftliche. Mal in der Kabine zu sitzen, ein bisschen blödes Zeug zu erzählen und zu lachen, das fehlt einem relativ schnell. Man sagt zwar immer, man wäre froh, die Gesichter mal zwei Wochen nicht zu sehen. Aber wenn man jetzt schon mal drei, vier Wochen in Quarantäne ist, dann merkt man mal, wie sehr Sport verbindet und wie viel Lebenswertes das dann auch hat.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Balkon
  • DVD
  • FIFA
  • Fans
  • Füchse Berlin
  • HSG D/M Wetzlar
  • HSG Wetzlar
  • Handball
  • Handball-Bundesliga
  • Kartoffeln
  • Krimis und Thriller
  • Lahn
  • Rittal-Arena Wetzlar
  • Daniela Pieth
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen