12. Dezember 2018, 05:00 Uhr

Fußball / Eintracht Frankfurt

Was, wenn Fußball gar nicht existiert?

Kurz vor der Weihnachtspause informiert sich Redakteur Ronny Th. Herteux noch einmal bei Comedian Henni Nachtsheim über den Videobeweis, die Eintracht und die Wahrheit.
12. Dezember 2018, 05:00 Uhr
Henni Nachtsheim - hessische Comedy-Legende, Eintracht-Fan und Kolumnist dieser Zeitung. (MDV-Grafik: J. Engel)

Eintracht Frankfurt


Hallo Herr Nachtsheim, jetzt erwische ich Sie ausgerechnet während einer Delle, also einem kleinen Tief der Frankfurter Eintracht. Haben Sie sich auch schon gefühlsmäßig an den Abstieg gemacht, oder schweben sie noch in höheren Sphären?

Henni: Sagen wir es so: wenn du im Urlaub nach mehreren Wochen Sonne auch mal ein paar Regentage hast, ist das ja noch lange kein Grund, vorzeitig abzureisen. Ich schwebe zwar nicht in höheren Sphären, bin aber nach wie vor ein sehr zufriedener Eintracht-Fan!

Kein Spieler freut sich über Pfiffe. Allerdings haben die Frankfurter in Berlin sehnlichst auf Pfiffe gewartet, ohne masochistisch zu sein. Nämlich auf Pfiffe des Schiedsrichters. Besonders kurz vor Schluss, als Jovic im Strafraum geklammert wurde. Die Frankfurter waren extrem aufgebracht, Sie auch?

Henni: Bei mir überwiegt eigentlich bei so was eher die Faszination darüber, wie unglaublich stark unterschiedlich Menschen ein und dieselbe Situation sehen bzw. bewerten können. Das war schon bei dem Strafraum-Handspiel gegen Wolfsburg letzte Woche so. Bei »Sky 90« haben sie das diskutiert, und einige der Teilnehmer waren absolut sicher, dass man das zugunsten der Eintracht hätte pfeifen müssen. Andere haben gesagt: »Auf keinen Fall!« Letztlich läuft es darauf hinaus, dass es im Fußball manchmal keine eindeutigen Wahrheiten gibt. Wobei ich meine Wahrheit, dass es für das Foul an Jovic Elfer geben muss, schon am …ähm … wahrsten fand!

Noch ein Aufreger: Im Spiel zwischen Mainz und Hannover forderten die Niedersachsen vehement den Videoassistenten. Besonders Horst Heldt fand klare Worte: »Das ist nicht mehr akzeptabel, der ganze Scheiß.« Haben die verstärkten Harndrang in der Kölner Video-Zentrale und sitzen auf der Toilette, oder warum herrscht da allzu oft Funkstille?

Henni: Ja, genau deswegen! Weil es nämlich im Kölner Videokeller sehr kalt ist und deswegen die meisten dort Arbeitenden früher oder später eine Blasenentzündung bekommen. Was übrigens namhafte Arzneimittel-Hersteller auf den Plan gerufen hat, das Team dort mit entsprechenden Mitteln zu unterstützen. Und das wiederum könnte einen revolutionären Schritt in eine neue Sponsoren-Richtung bedeuten! Schiris, die zum Beispiel auf ihrem Trikot für ein blasenberuhigendes Mittel werben!

Ich weiß nicht, ob ich das sehen möchte.

Henni: Warum denn nicht? Da tun sich neue Märkte auf! Schauen Sie, warum sollte, jetzt wo Mercedes und der DFB nicht mehr zusammenarbeiten, nicht die »Apotheken-Umschau« neuer Premium-Partner der Nationalelf werden? Stellen Sie sich das doch mal vor, auf dem Mannschaftsbus steht nicht mehr so ein Quatsch wie »Die Mannschaft!«, sondern stattdessen prangt dort riesig das Cover der neuesten Umschau-Ausgabe, auf der uns ein gut gelaunter Rentner anstrahlt und unter dem groß geschrieben steht: »Schluss mit Reizdarm!«

Mich reizt gleich was anderes ... Mal ehrlich, der Videobeweis wurde eingeführt, um Fehlentscheidungen, Willkür und/oder Zufall einzudämmen und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Allerdings, so der Eindruck, ist inzwischen der Videobeweis Spieltag für Spieltag selbst einer der größten Aufreger. Oder gibt es Sachen, die sie noch mehr aufregen?

Henni: Ich rege mich überhaupt nicht deswegen auf. Zumal die Bilanz zeigt, dass es mehr richtige als falsche Video-Entscheidungen gab. Das Einzige, was wirklich nervt, sind die emotionalen Achterbahn-Fahrten, die wir dadurch erleben. Wir jubeln, aber dann müssen wir aufhören und erst mal abwarten, ob wir tatsächlich jubeln dürfen. Das ist in etwa so, wie wenn du beim Sex kurz vorm Orgasmus bist und dann der Partner plötzlich sagt: »Wart ma, ich muss erst mal überlegen, ob ich das überhaupt will…"

Vielleicht sollten wir den Wirklichkeitsbeweis einführen, als Korrektiv zum Videobeweis. Allerdings offenbaren sich da neue Schwierigkeiten: Was ist Wirklichkeit? Und wer will sich aufschwingen, darüber zu entscheiden?

Henni: Solange es nicht Uli Hoeneß macht, ist es mir egal!

Stellen Sie sich mal vor: Sie, ich, wir alle – uns gibt es gar nicht. Wir bilden uns nur ein, hier zu sein. Und der Fußball? Findet gar nicht statt. Erfunden und erlogen. Das würde Millionen in die Depression stürzen. Nicht auszudenken. Wie würden Sie mit der Erkenntnis umgehen, dass Fußball nicht existiert?

Henni: Herr Herteux, mal im Ernst: Wenn es uns alle gar nicht gibt, wie sollen wir dann wegen was anderem, was es auch nicht gibt, in Depressionen verfallen. Zumal es die ja dann letztendlich auch nicht gäbe. Wissen Sie was? Ihre Frage ist dermaßen wirr, dass ich beschlossen habe, dass es sie gar nicht gibt und ich sie auch deswegen nicht gelesen habe!

Ganz trocken zurück zur Eintracht: In den nächsten Tagen können die Spieler von Trainer Adi Hütter den insgesamt immer noch sehr guten Eindruck ein wenig verspielen oder die Fans total verzückt in die Winterpause entlassen. Erst geht es nach Rom, dann kommt Leverkusen, dann geht es nach Mainz und zum krönenden Jahresabschluss kommen die Bayern. Das ist ein Knallerprogramm, oder?

Henni: Ja, das ist es in der Tat! Dass Irre ist, dass die Eintracht dank ihrer Qualität alle diese Spiele rein theoretisch gewinnen kann. Allein dieser Gedanke ist schon traumhaft.

Was aber, wenn sie alle diese Spiele verliert, was ja rein theoretisch auch möglich ist?

Henni: Auf jeden Fall weniger traumhaft.

Was ist dabei für die Eintracht möglich? Um mit Schulnoten zu hantieren, für was würden Sie eine Eins verteilen? Wäre auch eine Sechs möglich, oder ist das Soll schon heute erfüllt?

Henni: Es geht nicht immer darum, Ergebnisse oder Punktestände zu bewerten. Wichtig ist, dass die Eintracht in meiner Wahrnehmung ein Verein mit hervorragenden Perspektiven ist. Das ist viel wichtiger, weil es mich in Sachen Zukunft beruhigt.

Ich weiß, was Sie meinen, natürlich lässt sich der Fußball nicht immer mathematisch begreifen oder auf Noten reduzieren.

Henni: Sag ich doch!

Dann versuche ich es mal anders: Heute freuen Sie sich über 23 Punkte. Wie reagieren sie aber über 23 Punkte am 22. Dezember?

Henni: Ich würde Sie anrufen und unflätig beschimpfen, weil Sie mit Ihrer Unkerei dafür verantwortlich sind!

Bald ist es gespielt, also vorbei, und es geht in die Winterpause, wie überstehen Sie die fußballfreie Zeit? Können Sie unseren Lesern Tipps, eine Art Leitfaden an die Hand geben? Los geht’s:

Henni: Ich werde mich nach Abpfiff des letzten Spiels vor der Winterpause einfrieren lassen, um mich dann rechtzeitig zum Rückrunden-Start wieder auftauen zu lassen. Das erscheint mir der einzig angemessene Umgang mit solch einer schwierigen Situation!

Ich glaube, der Herr kurz vor dem Orgasmus, der würde eine solche Idee auch gut finden und diesen Moment konservieren wollen.

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