28. Juni 2018, 06:40 Uhr

WM-Aus

WM-Aus: Gießen trauert, ohne zu weinen

Bars und Kneipen in der Gießener Innenstadt waren auch beim gestrigen Spiel der DFB-Elf rappelvoll. Im Tal der Tränen war aber kaum jemand nach dem historischen deutschen WM-Aus.
28. Juni 2018, 06:40 Uhr

Es ist komisch, über den Seltersweg zu laufen, während die deutsche Nationalmannschaft gerade gegen das erste Vorrundenausscheiden überhaupt bei einer WM kämpft. Es ist für mich kaum vorstellbar, dass sich hier gegen 17 Uhr jemand freiwillig tummelt und nicht mit dem DFB-Team zittert.

Doch es gibt sie, die Deutschen, die von der Weltmeisterschaft nichts mitbekommen wollen und die auch am gestrigen Nachmittag über den leer gefegten Seltersweg schlendern. »Mich interessiert das überhaupt nicht«, sagt Werner Schmidtke. »Im Endeffekt gewinnen wir doch nicht, das sind die Spieler, die mit mehr Geld aus diesem Turnier gehen, als wir jemals verdienen werden – egal ob sie nach der Vorrunde ausscheiden oder nicht.«

 
Fotostrecke: Public Viewing in Gießen: Deutschland gegen Südkorea

Tatsächlich ist Deutschland nach dem aus sportlicher Sicht desaströsen Nachmittag erstmals in der WM-Geschichte bereits nach der Vorrunde ausgeschieden – zwei Minuten nach dem Schlusspfiff gegen Südkorea läuten am Kirchplatz die Glocken und einer meint: »Das ist die Beerdigung der deutschen Mannschaft.« Etwas makaber, aber irgendwo ist gefühlt für den Moment etwas dran.

»Deutschland bei dieser WM, das war bei einigen teilweise Arbeitsverweigerung. Wir sind völlig verdient ausgeschieden«, sagt der 26-jährige Gießener Simon Mones, der das Spiel vor der großen Leinwand am Türmchen verfolgte.

Dabei war die Stimmung in der Innenstadt vor dem Spiel noch so fröhlich, alles war bereitet für einen wunderbaren Sommer-Nachmittag: Die Ludwigstraße war rund um Ritzis, Zwibbel und Apfelbaum gut gefüllt, Ulenspiegel und Newscafe waren ebenfalls »ausgebucht«. Die meistgestellte Frage der Kellner beim Türmchen lautete: »Habt ihr reserviert?«

Was einen Tag, an dem Deutschland spiele, kennzeichne? »Die Straßen sind leer, die Kneipen voll«, meint der 25-jährige Gießener Fabio Corulb, der am Türmchen quasi in der ersten Reihe saß. Kurz vor und während der Partie gegen Südkorea war das tatsächlich so. Nur wenige Menschen schlenderten während der ersten Halbzeit über den Seltersweg. Das merkte auch Tanja Korscheid, die hinter dem Tresen des bekannten Imbiss von Rainer Plaumann stand. Eine Bratwurst und eine Pommes habe sie, Stand 17.10 Uhr, in der letzten Stunde verkauft.

Im Karstadt sagt eine Mitarbeiterin: »Es ist gähnende Leere, das hat schon gegen 14 Uhr angefangen. Mittlerweile ist hier tote Hose«, sagt sie. Zwei andere, die hinter der Kasse stehen, haben sich ein Tablet mitgebracht und verfolgen die deutsche Partie so. Vieles fokussierte sich am Nachmittag auf die Kneipen. Auch wenn die deutsche Leistung bei dieser WM sehr enttäuschend war, Public Viewing zog auch 2018.

Die Fußballspiele des größten Turniers der Welt live zu übertragen, zählt für die Gießener Gaststätten mittlerweile zum guten Ton. »Wenn wir nicht diese Leinwand aufgestellt hätten, dann hätten die Menschen ihren Tag woanders als bei uns verbracht«, sagt Aydin Selim, Chef vom neuen Basilico. Nur wenige Meter entfernt überträgt auch das Stadtcafé, die Angebote waren schier grenzenlos, oft konkurrierten die Anbieter mit Aktionen, wie im Basilico: »Bei jedem deutschen Tor gibt’s ein 0,3er Bier gratis für alle.« Die Hoffnung der Gastronomen, dass Deutschland im Turnier weit kommt und somit für mehr Umsatz sorgt, hat sich nun erledigt.

Und irgendwie gewann man gestern in der Gießener Innenstadt den Eindruck, als ob diese 0:2-Niederlage niemanden ins Tal der Tränen stürzt. Eine Teilerklärung lieferte der 28-jährige Gießener Andreas Jung, der die Partie im Ulenspiegel verfolgte: »Wir werden so mit Fußball zugeschüttet, deshalb habe ich das Gefühl, dass die ganze Euphorie nicht mehr so überschwappt.« Sein Kumpel Felix Hutmacher, 27, meint generell: »Ich kann nicht verstehen, wie das Ergebnis eines Fußballspiels die Stimmung eines ganzen Landes so bestimmt.«

Gegen 18.15 Uhr, 20 Minuten nach dem historischen Ausscheiden, kehrt schon wieder Normalität im Seltersweg ein: Die Einkaufsläden werden bevölkert, die Straßenmusiker spielen wieder. Nur Würstchenverkäuferin Tanja Korscheid guckt ins Leere. Sie hat während des gesamten Spiels nichts verkauft und die gebruzzelten Würstchen auf dem Grill mittlerweile weggeschmissen. »Ich hätte heute zuhause bleiben können«, sagt sie. Irgendwie hat das deutsche Abschneiden wohl doch auf den Magen geschlagen.

Was bleibt? Der Satz, den ich gleich zu Beginn meines Arbeitstages aufgeschnappt habe, als ein Mann am Empfang unseres Hauses sagte: »Egal, wie se heute spielen, moje müsse mer wieder arbeiten.«

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