02. August 2019, 22:56 Uhr

»Von Erfahrung allein gewinnt man keine Spiele«

02. August 2019, 22:56 Uhr
Frederick Griesbach

TV 05/07 Hüttenberg


Nach zwei Jahren beim TV 05/07 Hüttenberg zog es Trainer Emir Kurtagic zum TuS N-Lübbecke, sodass er das sportliche Zepter zu dieser Saison an seinen Nachfolger Frederick Griesbach übergab. Der 30-Jährige kommt aus der 3. Liga vom VfL Pfullingen und ist im mittelhessischen Handball noch ein unbeschriebenes Blatt. Beim 28. Linden-Cup stellt sich der A-Lizenz-Inhaber zum ersten Mal dem heimischen Handballpublikum vor. Heute geht’s im letzten Spiel gegen den HSC Coburg (17.45 Uhr). Was er von seinem Team erwartet, wie er über sein junges Alter als Profitrainer denkt und noch mehr erfahren Sie im folgenden Interview.

Herr Griesbach, willkommen im handballverrückten Mittelhessen. Sie sind das erstes Mal beim traditionsreichen Linden-Cup der Sparkasse Gießen.

Frederick Griesbach: Gehört habe ich schon einiges vom Turnier, vor allem über die gute Organisation, die vollen Hallen mit attraktiven Gegnern. Wir erhoffen uns vom Turnier, die trainierten Dinge gegen sehr gute Gegner im Praxistest zu festigen.

Der Linden-Cup findet zu einem frühen Zeitpunkt der Vorbereitung statt. Worum geht es da?

Griesbach: Der Fokus liegt hauptsächlich auf der inhaltlichen Umsetzung der Trainingsinhalte, gerade auch gegen bessere Teams. Dass wir der Platzierung nach das schwächste Team sind, heißt selbstverständlich nicht, dass wir nicht jedes Spiel gewinnen wollen.

Wie haben Sie sich eingelebt?

Griesbach: Gut! Es sind ja verschiedene Ebenen. Zum einen hat sich meine Familie gut eingelebt, alle Kartons sind ausgeräumt und auch im Garten haben wir schon angepflanzt. Handballerisch ging es deutlich schneller, da ich direkt am angefangen habe, zu arbeiten. Letztlich haben wir ja auch alle die gleichen Interessen und sind sportbegeistert. Ich habe zudem den Vorteil, dass ich ungefähr so alt bin wie die Spieler. Wenn ich 70 Jahre alt wäre und die Spieler 30, gäb’s vielleicht mehr Probleme.

Aber ist das nicht auch ein Nachteil, da die Distanz zwischen Spielern und Trainer eventuell nicht gewahrt wird?

Griesbach: Es kommt natürlich darauf an, wie man es macht. Für mich ist klar, dass meine Spieler und ich keine Freunde sind. Sie werden mich auch selten mit einem Bier in der Kabine sehen oder außerhalb der Halle treffen. Es gibt Situationen, da willst du einfach nicht wissen, was die Jungs treiben.

Es ist also kein Problem, wenn die Spieler bis zu acht Jahre älter sind?

Griesbach: Ich habe nicht das Gefühl. Letztendlich ist es so, dass ein Spieler den Kürzeren ziehen würde, wenn er es darauf anlegt. So leid es mir in dem Moment tut. Aber gerade die Alten sind ja so erfahren, dass sie wissen, was Sache ist. Ich glaube, dass wir im Trainerteam sehr kommunikativ sind und auch versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden. Und das nicht diktatorisch autoritär, sondern strukturiert und sachlich. Und das können die Älteren wie auch die Jüngeren wertschätzen.

Haben Sie aufgrund Ihres Alters mit Vorurteilen zu kämpfen, oder wie entgegnen Sie Kritikern, die Ihnen die nötige Erfahrung im Haifischbecken Profigeschäft absprechen?

Griesbach: Bisher hat mir zumindest niemand persönlich gesagt, dass er mir die Erfahrung abspricht. Ohnehin denke ich, dass Erfahrung zwar sehr wertvoll sein kann, aber von Erfahrung allein gewinnt man auch keine Spiele. Positiv formuliert, ist man als junger Trainer in vielen Dingen deutlich freier, also weniger voreingenommen und festgefahren.

Sie haben den Ruf des positiv Handballverrückten und werden als sehr akribisch beschrieben. Wo, glauben Sie, liegen Ihre Stärken als Trainer und woran müssen Sie noch feilen?

Griesbach: Ich arbeite sehr gerne detailliert und akribisch, das ist richtig. Grundsätzlich bin ich gerne sehr gut vorbereitet, um auch auf unerwartete Situationen schnell reagieren zu können. In meinen Augen hilft es dabei enorm, einen klaren Plan zu verfolgen, an dem man sich gerade in schwierigen Phasen gut orientieren und festhalten kann. Feilen lässt sich wahrscheinlich noch an allen Bereichen, schließlich geht es immer noch besser - aber das trifft glücklicherweise ja auf jeden zu.

Es ist Ihre Premiere in der 2. Handball-Bundesliga. Wie groß ist der Unterschied zu vorherigen Aufgaben?

Griesbach: Grundsätzlich hat man vergleichbare Inhalte, auch die Intensitäten sind ähnlich. Es geht immer darum, sich optimal vorzubereiten - körperlich, taktisch wie auch mental. In der 3. Liga hatten wir teilweise sieben bis acht Wochen Vorbereitungszeit. Das nimmt dir den Zeitdruck und du kannst einzelne Dinge intensiver trainieren. Jetzt sind wir zeitlich etwas komprimierter, können aber dafür auch am Vormittag Einheiten einplanen. Man merkt schon den qualitativen Unterschied, und auch die Rahmenbedingungen sind anders.

Mitte August startet die Saison mit dem DHB-Pokal, eine Woche später geht’s gegen Aufsteiger HSG Konstanz in der Liga los. Was erwarten Sie vom Saisonstart und auch vom Hüttenberger Publikum?

Griesbach: Ich war einmal inkognito da, bevor ich angefangen habe. Zum einen freue ich mich riesig darauf, dass es endlich losgeht. Die Vorbereitung ist wie der Bau eines Raumschiffs: Wir bauen eine Rakete, man macht alles am Boden und versucht, so viel wie möglich richtig zu machen. Letztlich weiß man aber erst, ob es funktioniert, wenn die Rakete in der Luft ist. Der Start ist dann etwas Besonderes. Ich glaube aber auch, dass es eine richtig schwere Aufgabe ist. Jeder muss sich bewusst sein, dass wir mit dem maximalen Fokus darangehen. Gerade das erste Spiel ist ein Spiel, in dem leider - oder auch Gott sei Dank - alles möglich ist. Hier zählt nicht Aufsteiger oder Nicht-Aufsteiger. Im ersten Spiel zählt Herz, Leidenschaft und Einstellung. Wahrscheinlich auch mehr als Qualität. Aber das sind Eigenschaften, die wir uns zuschreiben wollen.

Sie finden in Hüttenberg eine intakte Mannschaft mit jungen, talentierten Spielern, aber auch mit erfahrenen Akteuren vor. Wo wird die größte Herausforderung liegen?

Griesbach: Wie Sie schon sagen, haben wir eine intakte Mannschaft mit einer sehr guten inneren Struktur. Zudem bin ich überzeugt, dass sich unsere Zugänge als die passenden Puzzleteile erweisen. Die Herausforderung in der Vorbereitung ist, uns in die bestmögliche Verfassung zu bringen. Sowohl technisch-taktisch als auch mental und vor allem körperlich. In der Saison dürfen wir bei einer solchen Ausgeglichenheit jedes einzelne Spiel als riesige Herausforderung ansehen, denn auch in diesem Jahr gilt: Wir können jeden Gegner in der Liga schlagen, aber eben auch jeder uns.

Letzte Frage. Sozial- oder Fachkompetenz. Was ist in Ihren Augen wichtiger als Trainer?

Griesbach: In meinen Augen kann es nur die Antwort »beides« geben. Um nachhaltig im Spitzenbereich erfolgreich zu sein, muss ein Trainer in beiden Kompetenzen hervorragend sein. Jürgen Klopp im Fußball beispielsweise, der dafür gefeiert wird, mit seiner Sozialkompetenz zu motivieren, hat mindestens eine genauso herausragende Fachkompetenz. (Foto: ras)

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