01. April 2020, 07:00 Uhr

HSG Wetzlar

Trainer Kai Wandschneider: »Ich hoffe, irgendwann kehrt der Alltag wieder ein«

Beim Handball-Bundesligisten ist die »Causa Wandschneider« durch die Corona-Krise in den Hintergrund getreten. Auch der Trainer möchte seiner Person nicht zuviel Platz einräumen. Sechs Wochen ist es her, dass die HSG Wetzlar offiziell mitteilte, den Vertrag mit Kai Wandschneider nach Ablauf 2021 nicht zu verlängern. Mittlerweile überlagert die Corona-Krise das Geschehen im gesamten Profisport. Der Trainer des Handball-Bundesligisten nimmt sich zurück.
01. April 2020, 07:00 Uhr

HSG Wetzlar


Beim Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar spielt man derzeit alle überlebensnotwendigen Stzenarien durch. Die »Causa Wandschneider«, die vor vier Wocehn noch die Schlagzeilen beherrschte, ist in den Hintergrund getreten. Auch der Trainer möchte in Corona-Zeiten seiner Personalie nicht zuviel Platz einräumen.

Herr Wandschneider, inwieweit überlagert die Corona-Krise das Geschehen bei der HSG Wetzlar bzw. der Handball-Bundesliga?

Das ist eine komplett neue Situation. Die Manager aller Klubs haben sich kurzgeschlossen und viele Vereine haben mittlerweile Kurzarbeitergeld beantragt. Da muss jeder Klub jetzt aus seiner eigenen Situation das Beste machen. Die Lage wird sich täglich, wöchentlich ändern. An erster Stelle aber steht, dass der Sport zurücktritt und alles andere Priorität besitzt. Die Bevölkerung muss geschützt werden, die Bekämpfung der Seuche ganz oben auf der Agenda stehen. Das Virus bestimmt ja mittlerweile unser ganzes Leben. Innerhalb der HSG Wetzlar haben Spieler, Trainer und Mitarbeiter das Bestmögliche für den Fortbestand des Bundesliga-Handballs in Mittelhessen getan. Derzeit ist der einzige Orientierungspunkt am Horizont die Wiederaufnahme des Spielbetriebes.

Sie haben in 30 Jahren Trainerdasein viel erlebt, sind als Norddeutscher quasi sturmerpobt. Haben Sie so eine Situation für möglich gehalten?

Man liest Romane, sieht Filme. Jules Verne hat sich mit solchen Dingen befasst, unzählige Science-Fiction-Filme ebenfalls - das Virus-Thema gibt es ja schon lange. Ebola, SARS oder Rinderwahn beschäftigen uns ebenfalls bereits seit Jahrzehnten, aber dass uns das so massiv treffen würde, das stellt man sich halt nicht vor. Das sehe ich aber auch als Riesenchance für unsere völlig überhitzte Gesellschaft, mal etwas zurückzufahren. Ich bin überzeugt, dass die Welt nach Corona eine andere sein wird. Alle Maßnahmen, die die Gesundheit der Bevölkerung schützen, sollten wir unterstützen. Jeder muss Verantwortung übernehmen, in dem er sich an diese Dinge hält. Die Situation ist dramatisch. Man kann nur hoffen, dass der exponenzielle Anstieg eingedämmt werden kann. Der Sport verschwindet dahinter total.

Wie geht Kai Wandschneider als Mensch, wie als Trainer mit der Situation um?

Als Privatperson versuche ich mich selbst so gut wie möglich zu schützen. Ich telefoniere z. B. mit täglich meiner Mutter, die ich verdonnert habe, ihre Wohnung nicht mehr zu verlassen. Ich habe Einkäufe für sie organisiert, denn sie ist 83 Jahre alt. Einen Operationstermin von ihr haben wir auch verschoben. Aber das kommt im Moment in allen Familien weltweit vor. Gleichzeitig habe ich einen Beruf und hoffe, dass wenigstens zur neuen Saison der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

Wie lange halten Sie als Trainer eine Pause für möglich, um problemlos den Spielbetrieb in dieser Saison rein aus Sicht der Trainingssteuerung überhaupt noch einmal aufnehmen zu können. Es macht ja keinen Sinn, Leistungssportler - sagen wir mal nach vier, fünf Wochen - ohne Vorbereitung wieder ins Rennen zu schicken.

Allein aus Fürsorge und aus physischen Gründen können wir jetzt nicht vier Wochen gar nichts machen. Wir haben über unseren Athletiktrainer Jonas Rath individuelle Programme weitergegeben. Natürlich bräuchte man im Falle eines Falles möglichst früh die Information, das Training wieder aufnehmen und mit der kompletten Mannschaft in irgendeiner Form arbeiten zu können. Aber derzeit gilt das Primat von Politik und Wissenschaft. Die Ausbreitung des Virus wird nicht saisonal beendet sein, die Seuche wird uns lange begleiten. Das wird uns also weiter belasten.

Beschäftigen Sie sich aktuell überhaupt mit Handball?

Damit beschäftige ich mich derzeit überhaupt nicht. Ich muss ja keine Gegner-Vorbereitung machen, es gibt praktisch kein Tagesgeschäft. Ab und zu schau ich mir per Video ein Spiel an, welches wir schon gespielt haben und analysiere es. Das alles ist bei mir jedoch stark in den Hintergrund getreten. Ich hoffe aber, dass irgendwann wieder Routine und Sport in den Alltag einkehren werden.

Was erwarten Sie?

Es kann sein, dass wir den Spielbetrieb weiter aussetzen müssen. Das aber steht, ich wiederhole mich, alles hinten an. Der Profisport, der Entertainment ist, hat komplett in den Hintergrund zu treten.

Wird der Profisport sich dadurch verändern?

Das kommt drauf an. Sind wir - auch nach Ansicht der Wissenschaftler - nach zwei Monaten aus dem Gröbsten, dann wird es keine großen Veränderungen oder gar Verwerfungen geben. Wenn sich das Ganze aber noch verschlimmern sollte, wird es gravierende Einschnitte geben. Dann wird die Welt - auch oder vor allem die des Sportes - wirklich eine andere sein. Grundsätzlich bin ich aber Optimist, dass wir künftig mit vielen Dingen etwas anders umgehen werden. Die Rücksichtslosigkeit gegen uns selbst könnte aufhören. Vielleicht ist das ein Anlass, auch einmal »Nein« zu sagen. Wir haben ja jetzt genügend Zeit, über so etwas nachzudenken.

Corona hat alles in den Hintergrund gedrängt. Demzufolge auch die Nachricht, dass die HSG Wetzlar ihren Vertrag nach 2021 nicht mehr verlängern will. Wie betrachten Sie das Thema heute mit etwas größerer Distanz?

Meine Personalie ist völlig in den Hintergrund getreten. Momentan gibt es aber wirklich auch wichtigere Dinge. Es war ohnehin in meinem Interesse, dieser Personalie nicht zu viel Raum zu geben, zumal ich persönlich ja Monate vorher schon unterrichtet war. Ohne Corona hätte man sich ohnehin auf die tägliche Arbeit und die Spiele fokussieren und meinen Abgang weitgehend ausblenden müssen. Auch die Spieler haben mit dem Heimsieg gegen Göppingen gezeigt, dass sie damit umgehen und sich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren können.

Ganz so emotionslos war das Ganze dann aber doch bestimmt nicht?

Ich habe mich natürlich trotzdem über die Begegnungen mit vielen Menschen, die mir zugesprochen, die ihre Solidarität bekundet haben, gefreut. Das allein zählt am Ende des Tages. Die Gemeinschaft und die Solidarität untereinander. Das ist auch in der jetzigen Situation im Hinblick auf Corona das Entscheidende.

Eine deutliche Parallele?

Das ist das, was den Sport ausmacht. Vielleicht ist das auch eine Chance, die Gemeinschaft zu leben, sich um den anderen zu kümmern und zu sorgen. Wir leben das bei der HSG Wetzlar als Mannschaft aus. Was Sport ausmacht, ist das Vertrauen untereinander, das füreinander durchs Feuer gehen, sich nicht persönlich so wichtig zu nehmen. Das der einzelne in der Lage ist, von sich selber abzusehen und sich in den Dienst der Sache zu stellen. Das sollten wir in der jetzigen Situation alle beherzigen.

Wie bedeutsam ist die Wertschätzung der Mannschaft ihnen gegenüber für die Energie ihrer täglichen Arbeit.

Das ist das Allerwichtigste. Das hat mir in all meinen Jahren immer die Kraft gegeben, alles zu bewältigen, das Vertrauen der Spieler zu spüren, was auf Gegenseitigkeit beruht. Wir haben es immer geschafft, eine Gemeinschaft zu bilden, weil das konkret Ausdruck der inneren Verfassung ist.

Ist Ihre Arbeit grundsätzlich so ausgerichtet?

Immer. Natürlich habe ich mich weiterentwickelt, ich bin ruhiger und gelassener geworden, habe gelernt, mich selbst auf’s Spiel zu setzen und nicht andere. Wenn andere Menschen das merken, dass man Verantwortung übernimmt und zu den Entscheidungen, die sich daraus ergeben, steht, wirkt das im Innenverhältnis nach - übrigens über den Sport hinaus. Das ist für mich der richtige Weg, auch wenn man einmal nicht erfolgreich sein sollte. Es ist eine Frage der Haltung! Egal woher der Wind weht, egal welche Funktion man hat, sich für seine Mitarbeiter einzusetzen, den Kopf hinzuhalten.

Können Sie die von Geschäftsführer Björn Seipp und Aufsichtsrat Martin Bender genannten Gründe für das absehbare Ende ihrer Zusammenarbeit nachvollziehen?

Wenn man es als Entwurf für die Zukunft nimmt, mir einfach sagt, wir müssen aus wirtschaftlichen Gründen uns in dieser Richtung neu aufstellen, dann ist das für mich nachvollziehbar. Es ist für mich jedoch nicht nachvollziehbar, dass man das nicht auch mit mir hätte machen können. Wer meine Trainerlaufbahn verfolgt, hat ja gesehen, dass ich genauso arbeite - ob damals in Dormagen oder hier. Wir arbeiten ja permanent mit Junioren wie z. B. Olle Forsell Schefvert oder Anton Lindskog. Das sind alles Spieler, die hier einen großen Satz gemacht haben, nachdem sie eigentlich erst im Juniorenalter angefangen hatten. Von daher ist es für mich absolut nicht nachvollziehbar, das als Argument anzuführen, mit mir nicht mehr weiterarbeiten zu wollen. Das nämlich entspricht exakt meiner täglichen Arbeit.

Die U 19- und U 23-Mannschaft haben bislang ja zum Konzept der HSG Wetzlar gehört. Jetzt aber werden sie zurück in die Stammvereine überführt.

Wir haben kein Teil- oder Vollinternat. Hier muss man schauen, dass ein wie Trainer Thomas Weber hervorragende Arbeit geleistet hat. Er ist ohne gelernten Kreisläufer und ohne Linkshänder im rechten Rückraum deutscher A-Jugend-Meister geworden. Respekt! Er hat das bestfinanzierte Vollinternat der Welt, die Füchse Berlin, in zwei Endspielen besiegt. Ergebnistechnisch ist das absolut top! Aber wenn man es schaffen will, Jugendliche aus einem Umkreis von 50 bis 100 Kilometern hervorzubringen, die hinterher ein Drittel einer Erstliga-Mannschaft ausmachen, die schon mit 18, 19 oder 20 Jahren Erstliganiveu leisten sollen, halte ich das für unmöglich.

Ein Danaidenarbeit.

Dazu müsste man zumindest ein Stufenmodell mit einem Zweitligisten entwickeln, das zu meiner Zeit bislang allerdings nie möglich gewesen ist. Diese Kooperationsbereitschaft hat bislang einfach nicht bestanden. Unter neuen Bedingungen und unter personellen Wechseln ist das jetzt erst angedacht. Aber wie die Umsetzung aussehen soll, wird die Zeit zeigen - wenn man erst mal Corona überstanden hat.

Ist so ein Modell grundsätzlich überhaupt darstellbar?

Wir sollen einerseits stets frühzeitig den Bundesliga-Klassenerhalt schaffen, andererseits aus dem regionalen Umfeld Spieler schon früh im Oberhaus spielen lassen. Allein auf den Rückraumpositionen brauchen wir für den Nachwuchs drei, vier Jahre, um überhaupt auf das Niveau der ersten Liga zu kommen. Das Thema wird also erst interessant mit 23 oder 24.

Das ist ja kein typisches Wetzlarer Problem. Selbst der SC Magdeburg mit seinem starken Internat füllt in dieser Form nicht das Erstliga-Aufgebot des Klubs.

Es gibt nirgendwo einen Bundesligaverein, selbst keine Füchse Berlin mit Paul Drux, der zunächst ja auf der Gummersbach-Akademie groß geworden ist, der entsprechende Spieler aus dem eigenen Verein im Erstliga-Rückraum hat. Das ist ein sehr komplexes Thema. Hier gibt es kein Patentrezept, keinen Masterplan. Es wäre illusorisch zu glauben, man könnte in der Bundesliga überleben - wie vor dem Bosman-Urteil - zu zwei Dritteln mit Spielern aus der eigenen Region. Das wird es nie mehr geben. Der 16-Jährige aus Dutenhofen hat eben auch Konkurrenz aus Reykjavik, Zagreb oder Montpellier. Diese jungen Leute dort gehen, um einen sozialen Aufstieg zu haben, mit einer ganz anderen Einstellung in ihren Sport. Mit einer Ausschließlichkeit, die einem deutschen 16-Jährigen gar nicht zu raten ist. Weil hier eher eine duale Karriere mit Ausbildung und Beruf zu fördern wäre. Man darf ja nicht vergessen, dass wir hierzulande in einem Schlaraffenland leben, was die Wirtschaft angeht. Wir haben ja in Dutenhofen selbst ein Beispiel, dass junge Spieler, die hochtalentiert waren, dem Leistungssport entgesagt und eine andere Laufbahn eingeschlagen haben. Weil Handball vergänglich und eben kein Fußball ist. Das ist auch nachvollziehbar.

Also unrealistische Vorstellungen der Wetzlarer Führungsetage?

Da kommt es auf Strukturen und Strategien einer Klubführung an. Das steht an erster Stelle. Dafür benötigt man aber hochqualifizierte Leute, die hier in Wetzlar gar nicht zu finanzieren sind.

Wie gehen Sie in die nächsten Wochen?

Jeder Tag kann etwas Neues bringen. In erste Linie beim Thema Corona, dann aber natürlich auch die sportliche und wirtschaftliche Entwicklung bei der HSG Wetzlar und insgesamt im Profisport. Da bleibt niemand außen vor. Man muss selbst ruhig bleiben. Selber wache ich jeden morgen auf und hoffe, das ich gesund bin. FOTO: WALDSCHMIDT

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