31. Oktober 2019, 12:00 Uhr

Serienstart

Tischfußball - von wegen Kneipensport

Es scheppert ohne Ende. Im Sekundentakt. Das Geräusch erzeugen Menschen, die an einem Tisch an Stangen drehen. Eine Frage muss hier erlaubt sein: Was macht ihr da?
31. Oktober 2019, 12:00 Uhr
Hoch konzentriert: Vom Kneipensport sind Carsten Kuckhoff vom VfB Rodheim (l.) und Thomas Haas (Lorsch) weit entfernt. (Foto: esa)

Eigentlich ist Dirk Droese wahnsinnig stolz auf das, was er und seine Mannschaft da erreicht haben. Zweitbestes Tischfußball-Team in Deutschland. Dabei gibt es die Abteilung beim VfB Rodheim/Horloff erst seit zehn Jahren. Dennoch schwingt eine Portion Enttäuschung spürbar mit. »Das muss man sich mal vorstellen: Wir als kleines Rodheim verlieren das Endspiel um die Bundesliga-Meisterschaft erst im Penaltyschießen«, sagt Droese. Trotz zwischenzeitlicher 7:5-Führung im Finale der deutschen Tischfußballliga gegen Hannover 96 reichte es nicht zum nationalen Titel.

Droese sitzt an einem Sonntagvormittag im Oktober in der Inheidener Mehrzweckhalle auf der Bühne, die Rodheimer richten ein Turnier der Pro-Tour-Serie aus. Ein halbes Jahr Organisation liegt hinter ihm. In der Halle ist im Sekundentakt das typische Geräusch zu hören. Ohne Ablass krachen an den rund 20 Tischen die 25 Gramm leichten Hartgummibälle mit bis zu 50 km/h auf die Torwand. Dass Auge hat keine Chance, die katapultartigen Schüsse zu verfolgen.

Für jemanden, der Tischfußball nur aus der Kneipe gekannt hat, ergibt sich ein völlig anderes Bild von diesem Sport. Spieler aus ganz Deutschland sind angereist, »die halbe Nationalmannschaft der Männer und Frauen ist da«, sagt Droese. Samstag wird im Doppel gespielt, Sonntag der Einzelwettbewerb. Beim Blick durch die Halle fällt auf: Junge Frauen spielen gegen betagte Herren, austrainierte Männer gegen Herren mit Wohlstandsplauze, das Mädchen mit dem T-Shirt einer Metal-Band gegen den Hipster. Es herrscht eine konzentrierte Atmosphäre. Vor den Spielen wickeln viele Spieler penibel Griffbänder um die Stangen. Das Torgeräusch ist so ziemlich das einzige, was die Ruhe durchbricht. Selbst die Ansagen über die Lautsprecher gehen fast unter. Die Sinne sind geschärft.

Entscheidend für Sieg oder Niederlage, sagt Droese, ist der Kopf: »Es gewinnt nicht immer der technisch beste Spieler, sondern manchmal auch der mental stärkste. Was wir machen, ist Leistungssport.« Tischfußball ist Nervensache, viel Taktieren. Jede noch so kleine Lücke muss sofort genutzt werden. Und es ist beeindruckend, mit welche Präzision und Geschwindigkeit, mit welcher Hand-Augen-Koordination und Reaktion an den Tischen diese Lücken genutzt werden. »Am wichtigsten ist die Mittelreihe«, erklärt Droese. Mit ihr versuchen die Spieler, den Ball auf die Sturmreihe durchzustecken, in der Verteidigung ist sie das effektivste Mittel, genau das zu verhindern. Ist der Ball bei den drei Stürmern angekommen, hat man als Verteidiger oft keine Chance mehr. Die effektivsten Torschuss-Varianten sind der »Jet«- und der »Pin«-Schuss (siehe Extrakasten).

Die beiden Rodheimer Nationalspieler sind nicht im Einsatz. Felix Droese, Sohn des Abteilungsgründers, gehört zur Weltspitze. Der 20-Jährige war Junioren-Weltmeister, jüngster deutscher Meister und gewann im vergangenen Jahr mit der Europaauswahl in Las Vegas gegen das Team USA - quasi der Ryder-Cup des Tischfußballs. Niklaas Westermann, 30 Jahre alt, ist der zweite VfB-Spieler in der Nationalmannschaft.

Eine Woche später, Montagabend, ist im beschaulichen Rodheim Tischfußballzeit. 18 Spieler sind gekommen, um im Vereinsheim bis kurz vor Mitternacht das beste Doppel zu ermitteln, wie jeden zweiten Montag. Die Möglichkeiten sind in der Region einzigartig. Sämtliche Turniertische sind vorhanden. Das ist wichtig, weil in Deutschland auf anderen Tischen gespielt wird als in Frankreich oder der USA. Die Hochburgen im deutschen Tischfußball liegen aber im Norden. »In Hamburg kannst du unter der Woche drei Turniere auf Top-Niveau spielen. Davon können wir in Rodheim nur träumen«, sagt Droese. Auch in Frankfurt entwickelt sich mehr und mehr eine Szene, mit Eintracht Frankfurt gibt es auch einen Bundesligisten.

Die hessische Hochburg ist aber Rodheim. Neben den Aktiven spielen auch die Senioren in der Bundesliga, zwei weitere Teams zudem in der Landes- und Verbandsliga. Sorge bereitet nur die Mitgliederakquise, gerade beim Nachwuchs. Eltern würden eben oft Tischfußball mit Kneipensport verbinden, sagt Droese. An der Gesamtschule Laubach bietet er eine AG an, derzeit sind 18 Kinder dabei. Es wäre keine Überraschung, wenn sich der eine oder andere zum Bundesliga-Spieler entwickeln würde.

Die Spielregeln

Gespielt wird Tischfußball im Doppel oder im Einzel über zwei oder drei Gewinnsätze, je nach Spielordnung. Ein Satz gewinnt der Spieler, der zuerst fünf Tore erzielt oder bei Gleichstand ab 4:4 zwei Tore Vorsprung generiert. Ein Ball, der die Torlinie überschreitet, wird als Tor gewertet, auch wenn er wieder aus dem Tor herausspringt. Im Doppel dürfen die Spieler nach jedem Tor die Positionen wechseln. Bevor der Ball wieder ins Spiel kommt, muss der Gegner mit einem Kommando seine Bereitschaft signalisieren. Die Figuren dürfen bei einer Aktion maximal um 360 Grad gedreht werden. Pro Stange - Torwart und Abwehr gelten als ein Bereich - gilt ab dem ersten Kontakt ein Zeitlimit von zwölf Sekunden.

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