01. Oktober 2019, 22:23 Uhr

Rad

Stück für Stück höher als der Everest

Wer auf die letzten 850 Höhenmeter aufbricht, um den Mount Everest zu besteigen, startet gegen 2 Uhr. Daniel Mauser hat sich für sein »Everesting« um 3.41 Uhr auf den Weg gemacht, es nieselte.
01. Oktober 2019, 22:23 Uhr
Hoch und runter: Daniel Mauser sitzt 23 Stunden im Sattel.

Nein, der 34-jährige Gießener hat nicht den höchsten Punkt unseres Planeten erklommen, allerdings 8848 Höhenmeter in den Beinen beziehungsweise unter die Räder genommen. »Everesting«, diesen Begriff »habe ich erstmals bei der Weihnachtsfeier der Mittwochsradler 2014 im Bootshaus gehört. Die Herausforderung hat mich beeindruckt«. Und die Fakten sind auch beeindruckend, denn beim »Everesting« sucht sich der Protagonist einen Anstieg aus, den er so oft hoch- und runterfährt, bis 8848 Höhenmeter zusammengekommen sind.

Nach einem Rennradunfall ein Jahr später mit langer Physiotherapie und etlichen Einheiten auf dem Hometrainer war der Assistenzarzt im Juli 2015 wieder bereit, allerdings »ging es mir zunehmend nicht mehr darum, der Schnellste an einem Segment zu sein, was mittlerweile um Gießen herum auch ein sehr hoher Anspruch wäre«. Nein, seit der 2016er-Saison war es dem zu dieser Zeit in der Unfallchirurgie und Orthopädie des UKGM angestellten Mediziner ein Bedürfnis, »viele Höhenmeter an der Burg Gleiberg und am Falkenberg« zu sammeln. Der Plan für sein erstes »Everesting« nahm Gestalt an und wurde im Sommer 2018 am Flüelapass in Davos auch verwirklicht. Wichtig dabei: »Es sollte ein Anstieg ohne Rampen und ohne viele Spitzkehren sein. Das heißt, das Klettern ist gleichmäßig und die Abfahrt entspannt ohne viel Abbremsen.« Letztlich saß Mauser knapp 18,5 Stunden im Sattel, war 285 Kilometer unterwegs und hatte 9100 Höhenmeter in den Beinen. Um 3.30 Uhr in der Nacht war es geschafft, das erste »Everesting«.

War’s das nun? Nein. Die High Rouleurs Society spukte nun ab sofort in Mausers Kopf herum, 10 000 Höhenmeter sollten es sein. In der Variante ohne Schlaf, denn »da für mich durch Schlaf eine Radtour immer auseinandergerissen wird, diese also nicht mehr als ›eine Radfahrt‹ zählt, war schnell klar, Schlafen ist ausgeschlossen.« Jetzt musste nur noch eine Strecke bzw. Anstieg her. Mit wenig Verkehr, einer gleichmäßigen Steigung. Und auf einer seiner Touren entdeckte Mauser die 1,7 km lange Verbindungsstraße von Roßbach hinauf zur L3047 zwischen Oberweidbach und Frankenbach. »Die Strecke ist wenig befahren, breit und der Belag in gutem Zustand. Hier kann man also auch in der Nacht bei schlechten Sichtverhältnissen ohne Gefahr von Schlaglöchern entspannt bergab rollen.« Gesucht und gefunden.

Dann war es so weit: »Das Auto war bepackt mit Riegeln, Keksen, viel Eistee, Wasser, Ersatzteilen, Kleidung, aufgeladenen Powerbanks«, und es regnete nachts um 2 Uhr beim Aufstehen in Strömen. An der Strecke angekommen, nahm die Intensität etwas ab. »Also Jacke und Regenoutfit an und um 3.41 Uhr radelte ich los.« Das erste Müdigkeitstief stellte sich gegen 7 Uhr ein, zu Beginn kreisten noch Gedanken durch den Kopf: »Warum mache ich so etwas wieder? Aber nach den ersten 1000 Höhenmetern war ich in meinem Element: Anstieg um Anstieg wurde gefahren und gezählt.« Gegen 10 Uhr hatten sich Mausers Eltern angekündigt, die am Wendeplatz im Tal für etwas Abwechslung sorgten.

16.30 Uhr, Halbzeit: »Und das, ohne körperlich abzubauen«, denn die Durchgangszeiten für Auf- und Abstieg pendelten sich zwischen 11,5 und zwölf Minuten ein. Und das erlebte mentale Tief vom »Everesting« 2018 blieb aus. Auch wenn sich herausstellte, dass bei der Wende immer ein paar Höhenmeter »geschluckt, also nicht berechnet« wurden. Es roch nach mehr als den zuvor berechneten 112 Wiederholungen.

Am Abend gegen 20 Uhr statteten Ehefrau Eva, Tochter Ida und die Schwiegermutter dem immer wieder auf- und abfahrenden Mauser einen Besuch ab: Kleine Pause mit Nudelsalat. Kurz später war der Gießener wieder auf sich allein gestellt, der nächste Besuch war erst wieder für 1 Uhr in der Nacht geplant.

Die Dämmerung brach herein, der inzwischen im EV beschäftigte Assistenzarzt war mit drei Scheinwerfern unterwegs. Überdies hatten »meine Eltern im Laufe des Nachmittags etwa 50 leuchtende LED-Luftballons an der Strecke verteilt«. Mauser musste trotz Müdigkeit wachsam bleiben und vorausschauend fahren: »Denn hätte ich beispielsweise ein Reh übersehen, welches aus den Büschen springt, wäre die Fahrt wohl zu Ende gewesen.«

Die Temperatur fiel und fiel, bis auf acht Grad Celsius. Bei der Abfahrt die Jacke schließen, bei der Auffahrt wieder öffnen. Immer und immer wieder. »Da man beim Aufstieg dennoch schwitzt, waren die Kleider nicht angenehm trocken, sondern nass. Also wechselte ich auch ab und an das Trikot, um zumindest kurzzeitig wieder mit trockener Kleidung zu fahren.«

1 Uhr in der Nacht. Ehefrau Eva kam noch einmal vorbei. Kurze Pause, dann »ging es wieder in die Nacht hinein«. 340 Kilometer hatte der Gießener zu diesem Zeitpunkt in den Beinen, noch fehlten 2500 Höhenmeter für die magische Marke von 10 000. Etwas Zerstreuung bot das am Lenker installierte Radio, »die Fitness war nach wie vor gut, jedoch zogen sich die nun folgenden Höhenmeter wie Kaugummi. Das nächste Ziel waren die 9000 Höhenmeter. Hier feierte ich mich selbst und das geschaffte ›Everesting‹.«

Allerdings war diesmal noch nicht Schluss. »Ich fuhr mit zwei Garmin-Edge-Fahrradcomputern. Falls es bei einem ein Problem geben sollte, würde ich die Aufzeichnung nicht verlieren«, wollte Mauser auf Nummer sicher gehen. Allerdings differierten die beiden Geräte um etwa 300 Höhenmeter, also war eine Extraschicht angezeigt, um beide Garmins über die 10 000-Marke zu bringen.

Irgendwann hatte auch wieder der Tag, also Helligkeit Besitz über die Verbindungsstraße genommen. »Um 7.31 Uhr beendete ich mit meinem Cannondale CAAD 10 die lange Fahrt. Geschafft! Das Rad auf den Träger schnallen und ab nach Hause.« Groß war die Freude, besonders bei Töchterchen Ida: »Der Papa kommt heim.«

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