12. Oktober 2020, 11:35 Uhr

Handball-Bundesliga IM STENOGRAMM

Sternstunde der HSG Wetzlar

31:22! Nochmal: 31:22! Der Wahnsinn hat einen Namen: HSG Wetzlar! In der Bundesliga haben die Mittelhessen eine Sternstunde und entschlüsseln wiederholt den Kieler Handball-Code.
12. Oktober 2020, 11:35 Uhr
Ratlos schon nach gut zehn Minuten: Kiels Trainer Filip Jicha (links) und Ex-Welthandballer Domagoj Duvnjak. FOTO: VOGLER

HSG Wetzlar


Zehn Monate nach dem historischen 27:20-Coup beim THW Kiel haben die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar noch einen drauf gesetzt. Am Samstagabend deklassierte die Mannschaft von Trainer Kai Wandschneider den amtierenden Titelträger sensationell mit 31:22 (18:11).

Die 800 zugelassenen Zuschauer wurden Zeuge des bislang besten Spiels ihrer HSG Wetzlar seit der Bundesliga-Zugehörigkeit 1998. Schon am Abend wurde die Dimension des Ereignisses deutlich, als sich im Netz, bei den großen Agenturen, bei Sky und Sport 1 die Meldungen überschlugen und die Texte von der Wetzlarer Sternstunde immer länger und länger wurden. Angeführt von Kapitän Kristian Björnsen, hatte die Mannschaft von Trainer Kai Wandschneider ein perfektes Spiel abgeliefert. Angefangen von einem mit 22 (Brutto-)Paraden überragenden Torhüter-Gott Till Klimpke über den achtfachen Torschützen Maximilian Holst bis hin zum stark auftrumpfenden Kreisläufer Anton Lindskog gab es im defensiv- wie offensivstarken Wetzlarer Team keinen Schwachpunkt.

Nach dem 6:1-Blitzstart der Wetzlarer, gegen die sich Kiel nach dem Dezember-Debakel aus dem Vorjahr so viel vorgenommen und schon Freitag in Mittelhessen Quartier bezogen hatte, verlor der THW, wie Kapitän Domagoj Duvnjak sichtlich geknickt eingestand, »total den Kopf« und musste sich über das Pausen-11:18 seinem 22:31-Schicksal fügen.

Selbst die leicht norddeutsch angehauchten Schiedsrichter konnten ab dem 23:15 (45., Forsell-Schefvert) dem Favoriten keine Hilfestellung mehr geben. In der Endphase berauschten sich die Wetzlarer Bundesliga-Handballer an sich selbst, führten zweimal gar mit sage und schreibe zehn Treffern (29:19, 30:20) - und auch die fünf Neuverpflichtungen trugen ihren Teil zum »Jahrhundertspiel« bei.

»Wir wussten genau, was uns erwartet und welche Leistung wir brauchten. Aber erstens hat Wetzlar eine Top-Leistung von der ersten bis zur 60. Minute geboten. Zum anderen haben wir zuviel Respekt gezeigt«, kommentierte Kiels 38-jähriger Trainer mit akzentuiertem Unterton das Debakel, »das ist brutal und schmerzhaft für uns.«

Trainer Kai Wandschneider, der zusammen mit seinem Assistenten Jasmin Camdzic die Kieler Handball-DNA einmal mehr wie den Da Vinci-Code entschlüsselt hatte, wusste gar nicht, wo er mit seinen eigentlich unerklärlichen Superlativen anfangen sollte: »Wir hatten eine überragende Abwehr mit einem sagenhaften Till Klimpke dahinter. Uns ist immer etwas gegen die Kieler 3:2:1 eingefallen und uns sind - im Gegensatz zum Minden-Spiel - kaum technische Fehler unterlaufen.«

Die mittlerweile über 20-jährige Bundesliga-Historie ist um eine Partie für die grün-weißen Annalen reicher, Till Klimpke zudem nach seinen gefangenen und zu erfolgreichen Gegenstößen genutzten Bällen gegen THW-Spielmacher Miha Zarabec nach Axel Geerken und Andreas Wolff der dritte Keeper, der ganz oben auf dem Zettel der THW-Einkäufer stehen dürfte.

Apropos Kieler Einkäufer: Die haben es nach dem sicher nicht vorgesehenen Verlust von Lukas Nilsson an die Rhein-Neckar Löwen und der Verletzung von Nikola Bylik verpasst, in der Art von Bayern München für die Breite personell entsprechend nachzubessern. Das Ergebnis war in Wetzlar zu sehen, zumal die Situation durch den Sagosen-Ausfall noch verschärft worden ist.

Nach dem Gegenstoß-6:1 von Maximilian Holst (7.) nahm THW-Coach Jicha bereits die erste Auszeit. In der Folge fiel der Meister aber eher durch kleine, versteckte Fouls, einen fragwürdig ungeahndet gebliebenen Kopftreffer von Miha Zarabec gegen Olle Forsell-Schefvert (9.) sowie brachiale Aktionen von Steffen Weinhold auf. Dass dessen Halsgriff gegen Filip Mirkulovski (18.) unbestraft blieb, passte lange Zeit in das Bild der Kiel gegenüber besonders gnädigen Unparteiischen.

Im Gegensatz zur HSG Wetzlar, die ruhig Blut bewahrte und alles andere als gnädig mit dem wie paralysiert wirkenden Favoriten blieb. Die 6:0-Deckung hatte kaum Lücken, eher Pech, dass ihr in den ersten zehn Minuten zwei Steals zurückgepfiffen wurden. Die Kieler Passwege wurden gut zugestellt, im richtigen Moment Stoppfouls begangen. Auf der anderen Seite rückten abwechselnd Pekeler und Duvnjak auf der Spitze der 3:2:1 fast bis zur Mittellinie vor - ohne Erfolg. »Mr. Assist« Filip Mirkulovski hätte das Herz von Ivano Balic höher schlagen lassen, Nachfolger Magnus Fredriksen initiierte ebenso geschickt die HSG-Angriffe - und zwischen den Räumen bewegte sich Anton Lindskog fast wie ein Thomas Müller, verlangten die Einläufer von Maximilian Holst und Kristian Björnsen permanent höchste Kieler Abwehrkonzentration.

Und als die letzte diskussionswürdige Wetzlarer Unterzahl durch die Zeitstrafe gegen Maximilian Holst vorbei war (50.), ließen sich die Grün-Weiß nicht mehr aufhalten. Da passte es zu diesem perfekten Abend, dass Tibor Ivanisevic in der 55. Minute gegen Niclas Ekberg einen Siebenmeter parierte und Lars Weissgerber im Gegenzug zum 29:19 (!) einwarf. An Tagen wie diesen wäre eine mit 4400 Zuschauern gefüllte Rittal-Arena spätestens in diesem Moment explodiert…

HSG Wetzlar: Klimpke, Ivanisevic; Holst (8/2), Björnsen (5/1), Cavor (3), Forsell Schefvert (3), Lindskog (3), Rubin (3), Weissgerber (2), Fredriksen (1), Henningsson (1), Klimpke (1), Mellegard (1)´, Feld, Gempp.

THW Kiel: Quenstedt, Andersson; Ekberg (5/1), Reinkind (4), Dahmke (3), Duvnjak (3), Pekeler (3), M. Landin (1), Weinhold (1), Wiencek (1), Zarabec (1), Sunnefeldt, Horak, Saggau, Wäger, Calvert.

Schema / SR.: Köppl (Darmstadt)/Regner (Nieder-Olm). - Zuschauer: 800. - Zeitstrafen: Lindskog (3.), Mirkulovski (20.), Rubin (34.), Srsen (40.), Holst (47., alle Wetzlar); Wiencek (20.), M. Landin (56., beide Kiel). - Spielfilm: 6:1 (7., TG Holst), 8:2 (10., TG Holst), 11:4 (17., Lindskog Kreis), 17:8 (25., TG Lindskog), 18:11 (Halbzeit); 23:15 (45., Schefvert Unterzahl), 29:19 (55., Weissgerber-Dreher), 31:22 (Endstand).

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