21. Dezember 2017, 22:23 Uhr

»Schiedsrichter in ein besseres Licht rücken«

21. Dezember 2017, 22:23 Uhr
Der Handball-Schiedsrichter hat oft einen schweren Stand, nicht verwunderlich, dass es beim Nachwuchs hapert. (Foto: dpa)

Wahrlich nicht mit guten Nachrichten hat der Handball-Bezirk Gießen in diesem Jahr auf sich aufmerksam gemacht. Die wochen- und monatelangen Diskussionen um den ehemaligen Schiedsrichterwart Harald Späth, der letztlich zurücktrat, und die Demission von gleich acht Mitgliedern aus dem Arbeitskreis Schiedsrichter bereits zuvor hatten nachhaltig Spuren und einen faden Beigeschmack hinterlassen. Doch pünktlich zum Jahresende tut sich etwas im Bezirk, gemeinsam mit dem kommissarischen Schiedsrichterwart Norbert Kneissl und dem Bezirksspielausschuss wollen die Vereine das seit Jahren bestehende Problem fehlender Schiedsrichter angehen – und dabei mit einer gemeinsamen Stimme sprechen.

»Es geht uns doch alle um den Handball. Auch in den Vereinen muss das Verständnis dafür da sein, dass es ohne Schiedsrichter irgendwann keinen Handball mehr geben wird. Daher ist es die dringlichste Frage, wie man junge Leute dafür begeistern kann«, wies Kneissl auf die Bedeutung der Schiedsrichter hin. Auch in den eigenen Vereinen fehle den Unparteiischen oftmals die Anerkennung. Aktuell sind neben rund 180 Einzel-Schiedsrichtern auch 90 Gespanne im Einsatz. Dennoch gibt es kaum Spielraum, an vielen Wochenenden wird es richtig eng. Daher sollen E-Jugendpartien bereits von Trainern oder Betreuern geleitet werden, als einziger Bezirk des Hessischen Handball-Verbandes werden aber in Gießen weiterhin Referees zu den Spielen der jüngsten Klassen angesetzt, zumindest bis zum Ende dieser Saison.

»Danach werden wir uns neu zusammensetzen müssen und schauen, wo wir stehen«, erklärte Bezirkspressewart Frank Hoffmann. »Die Vereine müssen auch mal sehen, wie schwer es ein Ansetzer hat. Denn 70 Prozent der Spiele finden am Samstag statt, wo viele Schiedsrichter aufgrund der eigenen Spielerkarriere oder von Trainertätigkeiten oftmals nicht pfeifen können.« Zudem fallen die Unparteiischen auch mal wegen Verletzungen oder Krankheiten aus und haben logischerweise auch private oder berufliche Termine. »Daher sollte es schon unser Ziel sein, die Zahl der Schiedsrichter dauerhaft auf 400 zu erhöhen. Noch mehr wären natürlich immer wünschenswert. Wichtig ist aber vor allen Dingen, die Fluktuationen zu verringern.«

Denn das größte Problem ist oftmals, dass vor allem junge Schiedsrichter nach ihrer Ausbildung nicht lange bei der Stange bleiben. Die Gründe dafür sind vielfältig, neben nachlassendem Interesse ist auch das ungebührliche, teilweise sehr beleidigende Verhalten der Zuschauer in den Hallen ausschlaggebend dafür, dass die Neulinge schnell den Spaß an der Pfeiferei verlieren. »Das müssten Vereine in den eigenen Hallen aber selbst ein wenig regulieren und auf ihre eigenen Fans einwirken, denn da haben wir als Schiedsrichter ja keine Handhabe«, erklärte Norbert Kneissl, der auch eine Betreuung junger Schiedsrichter über einen längeren Zeitraum als die vorgegebenen fünf Spiele begrüßen würde, aber eingestehen muss: »Dafür fehlt es noch an der Manpower.«

Um die Schiedsrichter-Zahl wieder zu erhöhen, haben sich einige Vereine des Bezirks auf Betreiben von Bernd Schäfer (HSG Großen-Buseck/Beuern), zugleich B-Lizenz-Inhaber des DOSB-Vereinsmanagements, bereits zu zwei Sitzungen getroffen, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. »Zunächst muss ich klar festhalten, dass es nicht beabsichtigt ist, eine Revolution mit diesen Treffen vorzubereiten, sondern eine Zusammenarbeit zwischen den Vereinen und dem Bezirk herzustellen. Als Bindeglied wurde daher ja auch Norbert Kneissl mit ins Boot genommen, der die erarbeitenden Vorschläge und Lösungen in den Bezirksspielausschuss mitnehmen wird«, so Schäfer, der Kommunikation und Transparenz für extrem wichtig hält. So wurde von den Vereinen bereits ein Zehn-Punkte-Plan erarbeitet, der im Spielausschuss vorgestellt werden soll und dann mit Leben gefüllt werden muss. Kernpunkte des Programms sind unter anderem eine Vereinfachung oder Verkürzung der Ausbildung oder auch die Möglichkeit der Einzelschiedsrichter-Ausbildung. »An einigen Punkten wie dem der Einzelschiedsrichter-Ausbildung sind wir schon dran«, bestätigte Kneissl. Auch ist die »Ausbildung light« ein Wunsch vieler Vereine, die zum Beispiel ehemaligen, höherklassig spielenden Handballern den Schiedsrichterjob schmackhaft machen oder ehemaligen Schiedsrichtern den Wiedereinstieg ermöglichen könnte. »Bei jemandem, der über viele Jahre in der Bezirksoberliga, der Landesliga oder noch höher gespielt hat und dadurch ja auch ein entsprechendes Alter hat, muss man doch nicht bei Null anfangen und ihn durch mehrere Wochenenden dauernde Lehrgänge jagen«, erklärt der Bezirksschiedsrichterwart. Auch eine komplett neue Ausbildung für Schiedsrichter, die mal für längere Zeit pausiert haben, hält Kneissl nicht für nötig.

»Generell fehlt den Schiedsrichtern oftmals die öffentliche Wertschätzung. Die ist katastrophal. Daher wollen wir jetzt in den Vereinen gemeinsam daran arbeiten, die Schiedsrichter in ein besseres Licht zu rücken«, betonte Schäfer. »Und die Ansetzer genauso«, bemerkte Hoffmann. Und Kneissl führte abschließend aus: »Wir bewegen uns aktuell ganz klar in ruhigeren Bahnen, was auch sehr wichtig ist. Wenn es Probleme gibt, dürfen sie gerne an mich herangetragen werden. Es ist wichtig, dass die Vereine ernst genommen werden«, so der Bezirksschiedsrichterwart, der zudem zuversichtlich ist, die noch offenen Ansetzer-Positionen in naher Zukunft besetzen zu können. Sehr erfreuliche Nachrichten also aus dem Handball-Bezirk Gießen zum Ende eines turbulenten Jahres.

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