22. November 2019, 16:00 Uhr

HSG Wetzlar VITA

Neuzugang Kristjansson: Auf geht’s!

Ein Norweger und drei Schweden auf Linksaußen - der Isländer Viggó Kristjansson erweitert als Linkshänder-Neuzugang die skandinavische Fraktion beim Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar.
22. November 2019, 16:00 Uhr
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Von Ralf Waldschmidt

Kristian Björnsen, Emil Frend Öfors, Anton Lindskog und Olle Forsell Schefvert werden ihren neuen 25-jährigen Teamkameraden bestimmt schon in ihrer Mitte aufgenommen haben, damit er als Nachfolger des in die Schweiz verliehenen Portugiesen Joao Ferraz ab sofort zum Ziel Klassenerhalt beitragen kann. Im Interview erläutert Viggó Kristjansson vor dem Heimspiel am Samstag gegen GWD Minden (20.45 Uhr) u. a. wie es zum schnellen Wechsel vom Erstligarivalen SC DHfK Leipzig zur HSG Wetzlar gekommen ist.

Wie kam es zum Wechsel von Leipzig nach Wetzlar?

Viggó Kristjansson: Ich habe vor zwei Wochen absolut nicht gedacht, dass ich jetzt für Wetzlar spielen würde. Das Angebot der HSG kam kurzfristig und überraschend. Dann aber habe ich überlegt und mit den Leipziger Verantwortlichen gesprochen. Drei Tage später habe ich mich für den Wechsel entschieden. Hier in Wetzlar bin ich einer von zwei Rückraum-Rechten zusammen mit Stefan Cavor, in Leipzig war ich in Konkurrenz mit zwei anderen. Ich habe die Situation so gelesen, dass ein Wechsel für mich die bessere Option ist.

Die Leipziger Offiziellen waren also offen und ehrlich bezüglich Ihrer Situation mit Franz Semper in dieser sowie Gregor Remke und Neuzugang Martin Larsen in der neuen Saison?

Kristjansson: Es war mein Ziel, in Leipzig zu bleiben. Ich wollte mich dort beweisen. Das war aber nicht möglich, denn sie setzen auf Martin Larsen als Neuzugang ab nächsten Sommer sowie ihren eigenen Nachwuchsspieler Gregor Remke als zweiten Linkshänder. Das haben sie offen gesagt und das ist für mich auch nachvollziehbar - da war für mich die Entscheidung klar.

Welche Eindrücke haben Sie von Ihrem neuen Team?

Kristjansson: Am Wochenende war ich gleich auf der Hochzeit von Maximilian Holst, das war zum Kennenlernen natürlich ein super Einstieg. Das erste richtige Training war Montag und hat richtig Spaß gemacht.

Haben Sie mit Ihrer Familie bereits eine Unterkunft gefunden?

Kristjansson: Wir sind schon nach Dorlar gezogen, dort wo die meisten Wetzlarer Spieler wohnen. Mit meiner Frau Sunna und meinem vier Monate alten Sohn Kristian. Hier ist alles etwas entspannter als in einer Großstadt wie Leipzig, das kenne ich ja schon aus Island und kommt uns von unserem Naturell her auch entgegen.

Ein Drittel der Saison ist gespielt. Für den SC DHfK Leipzig waren Sie in allen Bundesliga-Partien im Einsatz. Was sagen Sie zum Handball-Oberhaus?

Kristjansson: Ich habe, richtig, jedes Match gespielt. Jedesmal über 30 Minuten. Die Bundesliga ist die beste Liga der Welt, das Niveau ist unglaublich hoch. Wir haben mit Leipzig zum Beispiel in Nordhorn und Friesenheim verloren, das zeigt, wenn du nicht 100 Prozent bei der Sache bist, kannst du in der Bundesliga gegen jedes Team verlieren. Das ist so in der Welt einmalig. In meiner Laufbahn habe ich noch nie auf einem höheren Level gespielt. Die Stimmung in den Hallen ist unvergleichbar gut.

Was hat es mit Ihrer Rückennummer 73 auf sich?

Kristjansson: Ich habe die 73 seit meinem zehnten Lebensjahr. Seinerzeit habe ich in Island viel deutsche Bundesliga im Fernsehen geschaut. Damals ist Stefan Kretzschmar zu meinem Idol geworden, und der hat die 73 getragen. Deshalb möchte ich überall dort, wo ich spiele, die 73 haben.

Kennen Sie Sigurdur Bjarnason oder Kari Kristian Kristjansson?

Kristjansson: Persönlich kenne ich Kari ein wenig vom Nationalteam, Sigurdur nicht. Aber natürlich weiß ich, dass hier in Wetzlar - auch Robert Sighvatsson - schon einige Isländer gespielt haben.

Isländer spielen entweder Handball oder Fußball. Stimmt das?

Kristjansson: Meistens ja. In den letzten zehn bis 20 Jahren haben Handball und Fußball die besten Ergebnisse erzielt. Die Entwicklung im Fußball ist sensationell, isländische Handballer sind ja schon ganz lange europaweit stark. Fußball ist die größte Sportart, auch bei uns.

Weshalb wechseln so viele isländische Ballsportler ins europäische Ausland?

Kristjansson: Jeder Topsportler in Island hat das Ziel, ins Ausland zu gehen. In Island gibt es keine Profiliga. Wenn du Sportler und gut bist, möchtest du Profisportler werden und musst deshalb ins Ausland gehen.

Vor wenigen Wochen sind Sie auch zum Nationalspieler aufgestiegen. Stolz?

Kristjansson: Ich habe meine beiden ersten Länderspiele gegen Schweden bestritten, das war eine große Ehre für mich. Schon als Zehnjähriger habe ich davon geträumt, einmal für unser Land zu spielen. Jetzt ist das in Erfüllung gegangen. Wenn ich hier in Wetzlar meine Leistung bringe, hoffe ich auf eine EM-Teilnahme mit Island im Januar.

Was erwarten Sie von der Restsaison mit der HSG Wetzlar?

Kristjansson: Ich möchte mit Wetzlar so viel Punkte wie möglich holen. Für mich persönlich geht es darum, dem Team zu helfen und den Beweis anzutreten, in der Bundesliga eine gute Rolle spielen zu können.

Wie würden Sie sich selbst als Handballer charakterisieren?

Kristjansson: Ich bin eher der spielintelligente Typ, der zusammen mit seinen Nebenspielern agiert und Situationen heraufbeschwört, die zum Erfolg führen. Ich bin kein Typ, der aus zehn Metern hochsteigt und abzieht.

Skandinaviern sagt man ja Kampfkraft und Willen nach. Woher kommt das?

Kristjansson: Ich denke, das liegt in unserem Blut. Damit sind wir groß geworden. Natürlich kommt im Ausland hinzu, dass man sich da ganz besonders beweisen, zeigen muss.

Und fast jeder Nordländer kann richtig gut Deutsch. Hat das Gründe?

Kristjansson: Wenn man hier lebt und spielt, sollte man die Sprache lernen. Ich war ja jetzt schon zwei Jahre in Österreich, da ist es selbstverständlich, sich in der Sprache des Landes unterhalten zu können, in dem man lebt.

Mit 1,90 m sind Sie im Rückraum für den Handball kein Hüne. Was darf man von Ihnen erwarten? Ihr Landsmann Ragnar Johansson, den man hier in Hüttenberg kennengelernt hat, war für seine trockenen Schlagwürfe bekannt.

Kristjansson: In Leipzig war es nicht meine Aufgabe, 15-mal auf das Tor zuwerfen, sondern mit Passsicherheit Ruhe reinzubringen. Eine meiner Stärken ist sicher auch der Schlagwurf, den trainiert man. Wenn du keine zwei Meter groß bist, musst du den draufhaben.

Ist ein Engagement in Wetzlar über diese Saison hinaus denkbar?

Kristjansson: Derzeit ist alles zum Saisonende hin ausgelegt. Wetzlar hat ja - soweit ich weiß - für das nächste Jahr schon zwei Linkshänder unter Vertrag. Vom Typ her würde ich aber gerne länger bei einem Klub bleiben. Ich bin zuletzt viel herumgekommen. Auch wegen meinem Kleinen wäre es deshalb wünschenswert, mal etwas bodenständiger zu bleiben.

Was können Sie dem Wetzlarer Publikum bereits heute für den Samstag und die Partie gegen Minden zurufen? Am besten in Ihrer Heimatsprache.

Kristjansson: Wir wollen die zwei Punkte. Darum geht es. Also auf Isländisch könnte man sagen: »Koma svo!« (Auf geht’s!)

Der am 9. Dezember 1993 in Reykjavík geborene Viggó Kristjánsson begann früh bei Handknattleiksdeild Gróttu Handball zu spielen. Aber schon 2015/16 wechselte der Rückraum-Linkshänder in die dänische Håndboldligaen zu Randers HH. Im Jahr darauf zog es ihn zur SG Handball West Wien in die österreichische Spusu Liga, ehe er in diesem Sommer das Angebot des Bundesligisten SC DHfK Leipzig annahm und sich vor einer Woche nach 14 Partien für die Messestädter der HSG Wetzlar anschloss. Kristjansson ist 1,90 m groß und hat kürzlich in der isländischen Nationalmannschaft debütiert. In den vergangenen zwei Erstliga-Spielzeiten in Wien brachte es der 25-Jährige auf 352 Treffer, davon 238 aus dem Feld heraus.

Foto: Imago



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