20. November 2019, 06:55 Uhr

Fußball

Nando Rafael soll länger bleiben

Mit dem prominenten Ex-Profi Nando Rafael blüht der Gießener A-Kreisligist SG Birklar wieder auf. Der 35-Jährige hat vorerst genug von der »Glitzer- und Glamour-Welt« des Fußballs.
20. November 2019, 06:55 Uhr

A m 1. April 2006 schoss Nando Rafael die Gladbacher Borussia in der Bundesliga mit einem Doppelpack zum 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund, noch im März 2016 spielte er in der 2. Bundesliga für den VfL Bochum. Im Herbst 2019 nun steht der mittlerweile 35-Jährige auf dem Kunstrasenplatz in Lich und dirigiert seine Mannschaftskollegen der SG Birklar gegen die FSG Biebertal. Vom prominenten Ex-Profi in der Fußball-Kreisliga A Gießen profitieren alle Beteiligten.

»Nando hat mir gesagt: Die Glitzer- und Glamourwelt kenne ich. Er wollte die andere Seite kennenlernen und ich glaube, er lernt gerade die Realität kennen«, sagt Edgar Müller, Abteilungsleiter Fußball bei der SG Birklar, die souveräner Tabellenführer in der A-Klasse ist. Dazu passen Rafaels Aussagen vom letzten Sonntag gegenüber dieser Zeitung: »Ich würde gerne einfach Nando sein und die echte Welt kennenlernen.«

Rafael arbeitet mittlerweile in einem Kleidergeschäft in Frankfurt - und wurde nach seiner verletzungsbedingten Auszeit im Fußball von Arbeitskollege Gezim Jetishi, der in Langsdorf wohnt, gefragt, ob er nicht locker in Birklar einsteigen wolle.

»Ohne Gezim würden wir hier keinen Nando Rafael sehen«, sagt Edgar Müller, der gegenüber anderslautender Gerüchte betont: »Er bekommt von uns kein Geld. Nando steht auf keiner Gehaltliste, weder vom Verein noch von privaten Gönnern. Er ist ein reiner Just-for-fun-Kicker.« Natürlich aber gäbe es Entschädigungen. »Wir versuchen es ihm hier sehr angenehm zu machen.«

Im Training ist der ehemalig Stürmer (120 Bundesligaeinsätze) nicht immer - bislang lief er in dieser Saison achtmal für die SG Birklar auf, erzielte zwei Tore. Müller: »Wenn sie ihn vor drei Monaten und nun am Sonntag gesehen haben, wissen sie: Er ist zu 700 Prozent besser trainiert.« Rafael fügt sich ein in Birklar, - und soll länger bleiben.

Im Januar, so der Plan, beginnt der 35-Jährige eine Trainerausbildung bei der SG Birklar, könnte dem gesamten Verein durch eine spätere Tätigkeit im Jugendbereich Aufschwung verleihen. Im Interview spricht Rafael auch über seinen Job in Frankfurt und erklärt, warum ihm Fußball spielen in Mittelhessen Spaß bereitet.

Herr Rafael, Fußballfans sind Sie als Mittelstürmer bekannt, in der Kreisliga A Gießen spielen Sie allerdings im defensiven Mittelfeld. Woher rührt das?

Nando Rafael: Ich habe in der Jugend und auch in meiner aktiven Karriere gelegentlich auf der Sechs gespielt. Da kann ich in meinem Alter die Übersicht ausspielen und für Balance sorgen. Aus meiner Sicht macht es mehr Sinn, dort zu spielen als im Sturm, weil ich den Jungs helfen kann, dass ihre Qualitäten zum Tragen kommen. Ich kann das Spiel ein wenig in die Hand nehmen.«

Erklären Sie doch bitte noch einmal kurz, wie es dazu gekommen ist, dass Sie nun in der neunten Liga in Birklar Fußball spielen.

Rafael: Nach meiner Fußballkarriere habe ich mir vorgenommen, etwas ganz anderes zu machen. Ich kannte 14 Jahre lang nichts anderes, zudem hatte ich verletzungsbedingt in den letzten Jahren dann eine schwere Zeit im Fußball. Mode ist eine Passion von mir und deshalb arbeite ich in einem Kleidergeschäft in Frankfurt. .Nach einer gewissen Zeit kam ein Arbeitskollege (Gezim Jetishi, Anm. d. Red.) und fragte mich, ob ich nicht noch ein bisschen in Birklar mitspielen möchte. Ich bin mal mitgegangen, habe mittrainiert und fand es super. Einfach Fußball spielen ohne Druck. Wenn man den Druck gewohnt ist, ist das etwas anderes. Ich habe zwar auch Angebote aus dem Frankfurter Raum gehabt, wollte aber jetzt erst einmal wieder ruhig reinkommen.

Im Training sind Sie desöfteren, aber nicht immer dabei. Wovon ist es abhängig, ob Sie am Sonntag spielen?

Rafael: Wenn ich privat etwas Wichtiges habe, geht es nicht. Das wird aber immer klar kommuniziert. Ich versuche so oft es geht dabei zu sein, auch, um selbst fit zu werden und zu bleiben.

Wollen Sie dem Fußball treu bleiben oder langfristig im Modegeschäft Fuß fassen?

Rafael: Auf Dauer zieht es mich schon eher in den Fußball. Für die kommenden Jahre lerne ich in dem Kleidergeschäft. Außerhalb des Fußballs werde ich als eine normale Person gesehen. Das habe ich vermisst, denn im Fußball wirst du sofort als der Profi wahrgenommen. Das kann ich nicht mehr ändern. Aber ich möchte auch mal die echte Welt kennenlernen. Wenn ich irgendwann zurückkehren sollte in den Fußball, im Trainer- oder Managerbereich, dann ist es wichtig, dass man vorher viele Erfahrungen im Umgang mit Menschen gemacht hat.

Man hat den Eindruck, dass Sie durchaus gerne hier in Birklar sind. Warum?

Rafael: Den unteren Bereich habe ich im Fußball nie kennengelernt. Ich sehe gerade, wie es ist, unten zu sein, ich lerne die Basis kennen. Ich werde hier akzeptiert. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so einen Spaß macht. Aber das tut es. Fußball ist Fußball. Hier haben sich schon Freundschaften entwickelt, das ist wirklich so. Ich habe mir vorgenommen, nicht nur eine Saison zu spielen. Ich fühle mich wohl hier. Ich weiß, dass ich einen gewissen Status durch meine Zeit als Ex-Profi habe. Aber das spielt für mich keine Rolle. Ich lerne auch hier in Birklar dazu.

Was lernen Sie in der Kreisliga A denn?

Rafael: Jeder Spieler, jeder Mensch ist individuell. Auf dem Platz erkenne ich verschiedene Qualitäten, das ist schon interessant. Und außerhalb des Platzes lernt man Charaktere kennen. So versuche ich in jeglicher Hinsicht reicher an Erfahrungen zu werden.

Man hört im Generellen heraus, dass Ihre Meinung über das Fußballgeschäft nicht nur positiv ist.

Rafael: Man steht immer im Fokus. Die Kunst ist es, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben. Dann kommt der Rest von alleine. Ich stehe auf und nehme mir jeden Tag etwas vor. Und wenn es nur das ist, in jedem Training Spaß zu haben, weil es Fußball ist. Man erwartet hier etwas von mir, das versuche ich zu geben. Ich würde gerne einfach Nando sein.

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